*Der schlaue Runenstein – Was ist kulturelle Identität?

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Gedanken zum Begriff der Kultur

Der Begriff Kultur ist ein fester Bestandteil unserer Sprache, der uns auf den verschiedensten Eben begegnet. Doch was meinen wir eigentlich, wenn wir von Kultur sprechen?

Wir sprechen von Gesprächskultur, wenn wir ein Geflecht aus Verhaltensregeln und Zeichen meinen, die für uns eine gute Kommunikation begünstigen. Dabei spielen kleine Teilaspekte wie Körpersprache, Wortwahl, Intonation der Stimme und Inhalt des Gesagten eine große Rolle. Jeden Teilaspekt könnte man beliebig detailliert analysieren und würde auf immer neue wichtige Teilaspekte stoßen, die essentiell für eine bestimmte Aussage sind. Gesprächskultur meint das Zusammenspiel aller dieser Teilaspekte. Und zwar nicht als bloßes Vorhandensein der Teilaspekte im Sinne von notwendigen Einzelkriterien, sondern im Sinne eines Gesamtzusammenhangs, der symbolisch für das zu kommunizierende steht.

Um genauer auf eine bestimmte Form des Gesprächs einzugehen, spricht man zum Beispiel von Diskussions- oder Streitkultur.

Wir sprechen von Ess- und Trinkkultur, um zu beschreiben, welche wiederkehrenden und verbindenden Elemente in einer Gruppe beim Essen und Trinken auftreten. Dabei ist nicht nur gemeint was gegessen wird, sondern auch wie gegessen wird und welche anderen Handlungen dabei stattfinden. Wie in der Gesprächskultur finden wir hier viele Teilaspekte, die das große Ganze bilden. Damit wir Ess- und Trinkkultur als eine bestimmte Bezeichnen können, müssen sich bestimme Teilaspekte im Rahmen einer sich wiederholenden Ordnung bewegen, damit wir sie wiedererkennen und zuordnen können. Praktisch gesprochen heißt das, dass wir die Esskultur einer bestimmten Gruppe zum Beispiel daran erkennen können wo gegessen wird, wie gegessen wird, wie das Essen schmeckt, wie man sich beim Essen verhält und was es für Handlungsabfolgen vor oder nach dem Essen gibt. Das Zusammenspiel der Teilaspekte bildet die Esskultur.

Trinkkultur meint meist den Umgang bestimmter Gruppen mit Alkohol. Welche Art von Alkohol wird konsumiert? Wie viel davon? Wie verhält man sich dabei?

Im Falle von Gesprächs- sowie Ess- und Trinkkultur ist das entscheidende für den Kulturbegriff aber nicht einfach nur das Zusammenwirken der Teilaspekte im Moment, sondern die im Voraus erwarteten Ausprägungen der Teilaspekte. Kultur ist in diesem Sinne eine vorherbestimmte Ordnung für den Rahmen menschlicher Begegnung. Auf diese Annahme komme ich später noch einmal zurück.

Viele Menschen sagen sie interessieren sich für Kultur und meinen damit in erster Linie die klassischen Formen der Künste: Musik, Literatur, Theater und bildende Kunst. Hier ist der Kulturbegriff ein elitärer. Kultur wird als etwas vom Mensch in besonderer geistiger Anstrengung erschaffenes erfasst.

In Unterschied zu den intellektuellen Leistungen der Naturwissenschaft, ist an der Leistung der Künstler die Ganzheit das faszinierende. Die Kunst schafft die Vereinigung von praktischem Geschick, intellektuellem Scharfsinn und Emotionalität, die das Transzendente mit einbezieht.

Wenn man Kultur als die Aktivität des Menschen – das Kreieren, das Schaffen – auf verschieden Ebenen definiert, ist die Kunst also die Form, in der Kultur am deutlichsten symbolisiert wird, weil in ihr alle Formen des geistigen Kreieren vereint sind.

Nun könnte diese Aussage als Widerspruch zu der Definition von Kultur als vorherbestimmte Ordnung für den Rahmen menschlicher Begegnung gelesen werden, wenn man außer Acht lässt, dass Kunst auch eine Form zwischenmenschlicher Begegnung ist und gleichermaßen – zumindest bis zu einem gewissen Grad – in ihrer Form vorherbestimmt ist. Ein Künstler schafft schließlich nicht aus dem Nichts, sondern erfährt eine Prägung durch zeitlich frühere Ausdrücke, mit denen er in Kontakt gekommen ist.

Gleichzeitig lässt sich an der Kunst aber eine wesentliche Charakteristik von Kultur beschreiben, die in jeder Form von Kultur zu finden ist: Die stetige Veränderung.

Wie die Kunst, besteht die Kultur aus zwei Polen, in deren Spannungsverhältnis sie lebensfähig bleibt: Norm und Abweichung.

In der Wahl des Mediums und der Darstellungstechnik orientiert sich die Kunst immer an schon Dagewesenem. Ältere Werke und aus ihnen sich ableitende Traditionen des künstlerischen Ausdrucks sind Inspiration zu eigenem Kreieren. Dabei steht am Anfang jedes Kreieren immer die Nachahmung. Durch Fehler, also unbewusste, oder bewusste Abweichung entsteht dann etwas neues, das zu unterschiedlichem Grad sich von vorherigen Werken unterscheidet.

In der Geschichte der Kunst lässt sich erkennen, dass das Spannungsverhältnis zu jeder Zeit besteht. Zur einen Zeit kämpfen Traditionalisten unter Verweis auf eine Gruppenzugehörigkeit für bestimmte Normen der künstlerischen Darstellung. Gleichzeitig oder kurz darauf versuchen andere Künstler sich abzugrenzen und scheinbar radikal neue Ausdrucksformen zu wählen. Beide Parteien bewegen sich im Spannungsfeld von Norm und Abweichung, keiner durchbricht es jedoch, weil beide Pole existieren und nicht auszublenden sind.

Gleichsam verhält es sich mit der Kultur. Im ständigen Konflikt stehen Tradition und Erneuerung.

Die Traditionalisten betonen die Normen der eigenen Gruppe und die Wichtigkeit dieser für das Funktionieren der Gruppe. Da die Norm selber schwierig zu definieren ist, geht es auch hier immer um graduelle Ausprägungen. Weil jede Gruppe immer beide Pole in sich vereint, gibt es also auch keine einheitliche Tradition. Ebenso können die Erneuerer immer nur graduell erneuern, weil ihr Denken auf dem Erleben der Gruppe und somit auch ihren Normen beruht.

Wenn man also überhaupt von einer wirklich Konstante in der Geschichte einer Gruppe sprechen kann, dann muss es die des Spannungsverhältnisses sein. Kultur bedeutet dann in dem Maße eine Vorherbestimmung der Bedingungen menschlicher Begegnung, dass wir uns immer eines Spannungsverhältnisses zwischen gewohnten und neuen Formen des Ausdrucks gewiss sein können.

Die Frage nach der Identität

Wieder möchte ich im Alltag beginnen. Wo begegnet uns der Begriff Identität?

Formaler Beweis unserer Identität ist der Personalausweis. An Hand der Eckdaten Name, Geburtsdatum, Körpergröße, Augenfarbe und Lichtbild, muss ich zu einigen Anlässen beweisen, dass ich dieser eine Mensch bin und kein anderer. In diesem Sinne ist unsere Identität unser Äußeres, das uns, in Abgrenzung zu anderen Menschen, zu Individuen macht.

„Be yourself“ heißt es in unzählig vielen Liedtexten der Popmusik. Überall taucht er auf, der Begriff der Selbstfindung, als Schlüssel zu einem erfüllten Leben. Doch wer bin ich eigentlich? Diese Frage stellen sich nicht nur die Philosophen zu allen Zeiten, sondern sie ist zentraler Bestandteil und Triebkraft jeder menschlichen Entwicklung.

Auf der Suche nach der eigenen Identität ist es nicht befriedigend sich nur äußerlich von den anderen zu unterscheiden. Man möchte sich über Haltungen, Gefühle und Handlungen definieren. Dabei geht es im Einzelnen nicht immer um Abgrenzung, sondern auch um Gemeinsamkeit – meist sogar um beides. Man teilt Gesinnungen mit einer Gruppe, und grenzt sich dadurch gleichzeitig gemeinsam von einer anderen Gruppe ab.

Die eigene Identität prägt sich im Prozess des Erwachsenwerdens immer weiter aus und wird zu einem komplizierten Geflecht aus Haltungen und Handlungen. Es ist interessant, dass wir uns stetig entwickeln, selbstreflektierend Haltungen und Handlungen überdenken und doch, egal wie groß der Grad der Veränderung ist, nie eine komplett andere Identität annehmen.

Es scheint also als gebe es zwei Ebenen der Identität. Das unumstößliche Selbstbewusstsein, sprich die Gewissheit eine bestimmte Person zu sein, und eine Ebene, auf der verhandelt wird, wie sich der Mensch geistig und körperlich entwickelt.

Wenn wir also umgangssprachlich von „Selbstfindung“ und „sich selbst sein“ sprechen, dann meinen wir gewöhnlicherweise nicht, dass man erst verstehen muss, dass man dieses eine menschliche Geschöpf ist, sondern dass man eine Identität entwickelt, die sich im subjektiven Empfinden richtig und gut anfühlt.  Umso sicherer die eigene Identität, desto leichter gestaltet sich die Begegnung mit anderen Menschen.

Auf der Ebene dieser Entwicklung von Haltungen und Handlungen begegnet uns die kulturelle Identität.

Das Ergründen und Verstehen von kultureller Identität

Kulturelle Identität entsteht durch das menschliche Bedürfnis nach Gemeinschaft. Es beschreibt das Moment, in dem sich der Mensch positiv einer Gruppe zugehörig fühlt, und sich damit meist auch gleichzeitig von einer anderen Gruppe distanziert. Verbindendes Medium können dabei Sprache, Herkunft, Aussehen, Überzeugung, Religion, Riten, Bräuche und Sitten in den verschiedensten Kombinationen und Ausprägungen sein. Die uns geläufigsten Formen von kultureller Identität sind die nationale und die religiöse Identität.

Die nationale Identität ist ein Thema, das, seit der Romantik gegen Ende des 18. Jahrhunderts bis zu seiner fatalen Zuspitzung in zwei Weltkriegen und den Gräueltaten der faschistischen Regime des 20. Jahrhunderts, eine immer größere Rolle für die Identität des Einzelnen spielt. Die Identifikation mit der Nation geht dabei soweit, dass Menschen bereit sind zu töten und ihr eigenes Leben zu opfern.

Für den Einzelnen können die Motive dabei höchst unterschiedlich sein. Für den Einen geht es um faktische, vielleicht ökonomische, Interessen, die ihm und seiner Gruppe Vorteile verschaffen, der Andere versteht die Nation und den Kampf für die Nation als transzendenten, höheren Sinn.

Es ist schwierig den Begriff Nation klar zu definieren. Heute begegnet einem oft der Begriff der Nation als ein politischer Begriff, der sich konstituiert durch ein bestimmtes Territorium und eine gemeinsame Verfassung. Man trifft aber auch auf Definitionen von Nation, die sich auf Sprache oder Abstammung beziehen.

In der Zeit der Romantik ist an vielen Orten in Europa zu beobachten, wie sich Teile der intellektuellen Elite auf die Suche nach einer nationalen Identität machen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Geschichtsschreibung. Es werden Entstehungsmythen der eigenen Nation aufgebaut, die oft darauf abzielen, das eigene Volk als auserwählt und besonders fähig darzustellen. Es findet eine Idealisierung der Vergangenheit statt, die glauben macht, dass durch Rückbesinnung auf die eine gemeinsame, vereinende Kultur eine bessere Zukunft wartet.

Die Aufklärung hat durch ihre Religionskritik die Frage nach dem Sinn des Lebens neu aufgeworfen. Die reine Vernunft ist aber nicht im Stande die großen Fragen abschließend beantworten zu können, weshalb ein Vakuum entsteht, das die Vorstellung von der Verwirklichung der Nation zu füllen scheint.

Viele der damals herausgearbeiteten Zuschreibungen zur eigenen Nation und anderen Nationen, finden sich noch heute in verbreiteten Stereotypen wieder und es ist anzunehmen, dass sie zu einem gewissen Grad Einfluss auf kulturelle Identitäten haben.

Was bedeutet die nationale Identität für den Einzelnen? Die Möglichkeiten sich mit der eigenen Nation zu identifizieren sind vielfältig. Heute könnten es zum Beispiel die Identifikation mit den Grundwerten der politischen Verfassung, aber auch weiterhin schwieriger zu erfassende, gefühlte Gemeinsamkeiten wie Tugenden, Mentalität oder Stolz sein.

Es ist anzunehmen, dass kulturelle Identitäten zu keiner Zeit feste Konstruktionen sind, mit denen eine uneingeschränkte Identifikation besteht. Man kann sich gleichzeitig darüber definieren Berliner, Deutscher, Muslim und Akademiker zu sein. Je nach Situation ist dann eine andere kulturelle Identität von größerer Bedeutung.

In der immer weiter fortschreitenden Vernetzung der Welt, deren Geschwindigkeit durch das Internet um ein Vielfaches potenziert wurde, ist die Frage besonders interessant, welche kulturelle Identitäten von Bedeutung sind und sein werden. Wird die Bedeutung der nationalen Identität  abnehmen, wenn es immer mehr Möglichkeiten gibt sich international mit Menschen gleicher Interessen oder Anschauungen zu verbinden? Oder wird es im Gegenteil ein Revival der nationalen Identität geben auf der Suche nach Zugehörigkeitsgefühl in einer globalisierten Welt?

Oder liegt die Hauptidentifikation etwa bei den teils mehreren Nationen umfassenden Kulturkreisen, wie sie der amerikanische Politikwissenschaftler Huntington beschreibt? Er meint eine Unvereinbarkeit bestimmter Kulturkreise zu sehen, die letztendlich zum „Kampf der Kulturen“ (The Clash of Civilizations) führen werde.

Viele Tendenzen sind auf die eine oder andere Weise zu beobachten. Ich will weder eine Bestimmung des Ist-Zustandes, noch eine Prognose wagen, meine aber, dass sich für jede der Annahmen Indizien finden. Im schwierigen Prozess der europäischen Integration, lässt sich beispielsweise erkennen, dass nationale Identitäten immer noch eine große Rolle spielen. Mancherorts findet sogar eine verstärkte Bezugnahme auf die Lokalkultur statt.

Berlin ist ein gutes Beispiel für die komplexe,  teils widersprüchliche Konstruktion von Identitäten. Viele Berliner begreifen ihre Stadt als weltoffen, haben wenig Identifikation mit Deutschland, identifizieren sich aber stark mit der kulturellen Identität „Berliner“. Wie bei der Konstitution nationaler Identität gibt es die unterschiedlichsten Medien und Symbole der Identifikation. Es können materielle Dinge wie Speisen (Döner, Currywurst), Gebäude, die Fahne, aber auch immaterielles wie Haltungen und Charaktereigenschaften sein (weltoffen, liberal, kreativ und originell).

Oft wird kulturelle Identität als sich ständig durch Annäherung und Abgrenzung veränderndes Konstrukt beschrieben. Der Konflikt der die Veränderung bedingt findet in unserer Gesellschaft eigentlich auf drei Eben statt.

Im Inneren des Menschen entstehen Konflikte zwischen den eigenen kulturellen Identitäten. Je nach Ausgang des Konflikts nimmt man dann die Rolle des Bewahrers, in der einen, und die Rolle des Erneuerers, in der anderen Kultur ein. Auf einer dritten Ebene trifft man dann als Teil einer Gruppe auf eine andere Gruppe und erfährt insofern eine Prägung, dass man Dinge adaptiert oder eigene Merkmale weiter ausprägt, um sich von der anderen Gruppe abzugrenzen.

Letzteres Phänomen beschäftigt die Wissenschaft, wenn es darum geht Kulturen zu vergleichen. Es gibt viele Ausarbeitungen, die sich mit dem Problem des Kulturvergleichs beschäftigen. Man versucht Parameter zu finden, die es ermöglichen eine Kultur, mit einer anderen zu vergleichen.

Dabei gibt es Standpunkte, die behaupten ein Vergleich sei unmöglich, weil die Parameter des Vergleichs immer der eigenen Kultur entstammten. Es wird der Vorwurf erhoben, dass der Kulturvergleich an sich schon ein abendländisches Phänomen, und deshalb nicht geeignet für das Verstehen einer anderen Kultur sei.

Der Vergleich steht repräsentativ für die genannte Bemühung der Wissenschaft um das Verstehen von Kultur. Er stellt ein Mittel dar sich einer anderen Kultur zu nähern. In verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft gibt es zahlreiche Methoden, die versuchen Kultur nach wissenschaftlichen Standards greifbar und zugänglich zu machen. Eine der populärsten Methoden, deren Ansatz wir uns sicherlich bei unserer Arbeit bedienen werden, ist das Historisieren von Zeichen, Symbolen und Handlungen einer Kultur. Es soll ein besseres Verständnis für Kultur geschaffen werden, indem man die Entstehungsgeschichte identifikationsstiftender Elemente einer Kultur näher untersucht.

Bei allen theoretisch logischen Ansätzen, darf aber nicht vergessen werden, dass Kultur nie ohne Erleben und Einfühlen beziehungsweise Nachfühlen erfahrbar und verständlich gemacht werden kann.

Der Umgang mit anderen Kulturen ist zu jeder Zeit sehr unterschiedlich. Bis ins 20. Jahrhundert hinein gibt es viele Vertreter eines historisch-evolutionären Weltbildes, die das Abendland aufgrund seines technischen Fortschritts, als an der Spitze der Entwicklung stehend verstehen. Dabei wird von einer dem Menschen natürlich vorgegebenen Entwicklung ausgegangen. Man stellt sich eine Leiter der Zivilisation vor, auf der jedes Volk in unterschiedlicher Geschwindigkeit empor klettert. Heute geht man, zumindest in weiten Teilen der Wissenschaft, dazu über, Kulturen nebeneinander zu betrachten. Stammeskulturen werden nicht mehr als rückständig, sondern als einen alternativen Lebensstil praktizierend betrachtet. In einigen Teilen der Bevölkerung hält sich aber die Anschauung, man habe es mit primitiven, rückständigen Kulturen zu tun.

Die partielle Zurücknahme dieser Anschauung hängt sicherlich auch mit der Erkenntnis zusammen, dass der technische Fortschritt mit der Zerstörung der Natur durch Industrie und Kriege und dadurch der Entfremdung des Menschen von der Natur, nicht nur Vorteile mit sich bringt, sondern eine ernsthafte Bedrohung für Erde und Menschheit darstellt.

Die kulturelle Identität der Norweger

In den neunziger Jahren fand, unter der Leitung des an der Universität in Oslo forschenden Historikers Øystein Sørensen, ein groß angelegtes Forschungsprojekt mit dem Titel Utviklingen av en norsk nasjonal identitet på 1800-tallet statt, dass sich  intensiv mit der Frage nach der nationalen und kulturellen Identität der Norweger auseinandersetzte. Ergebnis waren zahlreiche Publikationen und unter anderen das aus mehreren Fachartikeln zusammengesetzte Buch Jakten på det Norske, an dem viele namhafte Autoren wie zum Beispiel Ørnulf Hodne und Anne-Lise Seip beteiligt waren.

Wie der Titel des Forschungsprojektes andeutet, ist das 19. Jahrhundert eine prägende Zeit für das kulturelle Selbstverständnis der Norweger. Mit der Loslösung von Dänemark und der Konstitution der eigenen Verfassung im Jahre 1814 wurde ein langer und intensiver Nationsbildungsprozess in Gang gesetzt. Trotz des dann fast ein Jahrhundert andauernden Abhängigkeitsverhältnisses zu Schweden bis ins Jahr 1905, setzen sich in dieser Zeit weite Teile des Bildungsbürgertums, darunter namhafte Künstler, mit der Frage nach der nationalen und kulturellen Identität auseinander.

Wenn wir uns also historisierend mit identitätsstiftenden Elementen beschäftigen, müssen wir berücksichtigen, dass manches aus der Vergangenheit im 19. Jahrhundert zum Zweck der Nationsbildung eventuell ahistorisch verwendet wurde.

Ganz abgesehen davon sollten wir nicht vergessen, dass besonders von Deutschland aus immer wieder Mythen zur Kultur des Nordens kreiert wurden, die meist ein völlig idealisiertes und wenig reales Bild der Gesellschaft zeichneten. Bei der Recherche gilt es also vorurteilsfrei zu suchen und stets zu prüfen, woher die Zuschreibungen kommen. Es gilt also dringend zu unterscheiden zwischen identifizieren und identifiziert werden.

Auf unserer Suche nach Antworten werden wir uns vor vorschnellen verallgemeinernden Urteilen hüten und die Pluralität des historischen, und vielmehr des modernen Norwegens stets im Kopf behalten.

In unseren folgenden Recherchen zu Volksglaube und verschiedenen Teilgebieten norwegischer Kultur werden wir immer wieder auf die Frage nach der kulturellen Identität zurückkommen. Bei der Nachbildung und dem Begreifen von kultureller Identität wollen wir den Spagat schaffen zwischen theoretisch-fundierter Recherche und gelebter Einfühlung. So wollen wir praktizieren, was Wesen unserer Dokumentation sein soll: die spannende Verknüpfung von wissenschaftlicher Erschließung und unmittelbarem subjektiven Erleben.

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Literaturverzeichnis

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Giesen, Bernhard: Kollektive Identität. Frankfurt am Main 1999.

Giesen, Bernhard (Hrsg.): Nationale und kulturelle Identität – Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewusstseins in der Neuzeit. Frankfurt am Main 1991.

Henningsen, Bernd: Der Norden: Eine Erfindung. Berlin 1993.

Neises, Mechthild; Gerhard Schmid-Ott (Hrsg.): Gender, kulturelle Identität und Psychotherapie. Lengerich 2007.

Rapp, Friedrich (Hrsg.): Globalisierung und kulturelle Identität. Dortmund 1991.

Schmid, Harald (Hrsg.): Erinnerungskultur und Regionalgeschichte. München 2009.

Srubar, Ilja; Joachim Renn und Ulrich Wenzel (Hrsg.): Kulturen vergleichen – Sozial- und kulturwissenschaftliche Grundlagen und Kontroversen. Wiesbaden 2005.

Sørensen, Øystein (Hrsg.): Jakten på det Norske. Oslo 1998.

Wade, Peter: Cultural Identity: Solution or Problem?. London 1999.

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