*Der schlaue Runenstein – Ritual, Ritus, Fest und Kult – Vier wichtige Begriffe in der Auseinandersetzung mit Volksglauben

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Das Ritual im allgemeinen Verständnis

Der Begriff des Rituals begegnet uns nicht nur in religiösem Kontext. Egal ob gläubig oder nicht – im privaten Bereich hat jeder seine Alltagsrituale. Aber auch die Welt der Rechtsprechung, der Politik und jeder andere nur denkbare Bereich menschlichen Zusammenwirkens kommt nicht ohne Rituale aus.

Dabei sind wir uns nicht immer bewusst, dass wir eine rituelle Handlung vollziehen. Mit der Auseinandersetzung mit dem Phänomen Ritual, wächst das Verständnis für Sinn und Zweck sowie Beschaffenheit des selbigen. Also wird es möglich eine Handlung als eine rituelle zu erkennen und bei Bedarf eine fundierte Kritik im Hinblick auf ihre Wirkung zu üben.

Aus den verschiedenen Definitionsversuchen der Begrifflichkeit geht hervor, dass es sich bei Ritualen um einen bestimmten Typus Handlung handelt, der charakterisiert wird durch die Attribute standardisiert, sich wiederholend/repetitiv und symbolisch.

Symbolisch deshalb, weil der eigentliche Sinn des Rituals für gewöhnlich außerhalb seiner Durchführung liegt. Spontan mag das Widerspruch provozieren, weil sicher einige Gegenbeispiele einfallen. Die Bedeutung der Aussage lässt sich aber gut an einem weit verbreiteten Alltagsritual erklären – dem abendlichen Zähneputzen.

Selbstverständlich gibt es hier einen unstrittigen Zweck, der in der Handlung selbst liegt – nämlich das Pflegen der Zähne. Gleichzeitig hat das Zähneputzen für viele Leute eine rituelle Bedeutung, die mit Mundhygiene nichts zu tun hat. Es geht darum, das Einschlafen vorzubereiten. Als wiederkehrende Handlung, die immer vor dem ins Bett gehen stattfindet, ist sie ein Signal an unseren Körper, welches den Einschlafprozess erleichtern soll.

Rituale bieten also die Möglichkeit bestimmte Dinge zu forcieren. Sie können ein Gefühl verstärken, abschwächen, verdrängen und eine nachfolgende Handlung vorbereiten sowie einen Beschluss bestätigen oder wirksam machen. Unabhängig des Ritualtyps sollen Rituale dadurch Halt und Orientierung geben.

Ritualtypen gestern und heute

Ein gutes Beispiel für das Kanalisieren von Gefühlen in eine bestimme Richtung, sind die in vielen Kulturen der Welt zu findenden Trauerrituale, die den Angehörigen der Verstorbenen die Möglichkeit geben ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen. Die Möglichkeit sich an klaren Verhaltens- und Handlungsmustern zu orientieren, spendet Sicherheit und Zuversicht, weil sie als erprobte Muster erscheinen, mit denen schon viele Menschen, den Verlust eines Geliebten überwunden haben.

Im Deutschland des 21. Jahrhunderts ist dieses Verlusterlebnis weniger ritualisiert als zu anderen Zeiten oder in anderen Kulturen. Bestrebt authentisch zu fühlen, werden Trauerrituale zum Teil abgelehnt. Es ist sicherlich richtig und gut, dass jeder die Möglichkeit haben soll seine Trauer auf seine eigene Weise auszudrücken, gleichsam lässt sich aber bei vielen Menschen eine starke Unsicherheit im Umgang mit Trauer feststellen. Es wäre aus psychologischer, soziologischer und historischer Sicht interessant zu klären, zunächst, ob tatsächlich eine verstärkte Unsicherheit besteht und dann, ob sie mit der Entritualisierung von Trauerprozessen zusammenhängen kann.

Soll ein Beschluss oder einfach nur ein bestimmter Umstand in seiner Gültigkeit bestätigt werden, vollzieht man Konstitutionsrituale.
Das Rechtswesen ist voll von solchen Ritualen. Sie dienen beispielsweise dazu die Abläufe eines Prozesses zu strukturieren und Beschlüsse zu bestätigen – man denke zum Beispiel an das Erheben bei der Urteilsverlesung oder den richterlichen Hammerschlag.

Auch Machtverhältnisse können durch Rituale bestätigt und ausgebaut werden. Beispiele hierfür können die Selbstinszenierung Adolf Hitlers durch das Ritual des Hitlergrußes, aber auch die traditionelle Wildjagd der Adligen oder die pompösen Feste von Hollywoodstars und großen Unternehmen sein.

Der Übergang eines Menschen in einen neuen Lebensabschnitt ist bei uns, aber auch in den Stammesgesellschaften, sehr von Ritualen geprägt. Es geht darum den Menschen feierlich auf seine neue Rolle in der Gemeinschaft vorzubereiten, gleichzeitig wird der Übergang von den der rituellen Handlung Beiwohnenden bezeugt und der Mensch damit in seiner neuen Rolle bestätigt. Solche Übergangsrituale sind in unserer Gesellschaft zum Beispiel die Konfirmation beziehungsweise Jugendweihe, die Abiturverleihung oder die Eheschließung. In vielen Kulturen finden sich Rituale, die beispielsweise ausgehend von der ersten Menstruationsblutung der Mädchen oder bestandenen Mutproben der Jungs, Übergänge, wie den Eintritt ins Erwachsenenalter, bestätigen.

Neben diesen Ritualtypen, die vor allem den Einzelnen betreffen, gibt es viele Rituale, deren Funktion die Stärkung des Gemeinschaftsgefühls ist. Der Kern vieler wichtiger gemeinschaftlicher Rituale ist das Stärken der Gemeinschaft durch Herstellung von Gleichheit. Es wird ein Zustand angestrebt, in dem jedes Teil der Gruppe absolut gleich und solidarisch miteinander verbunden ist. Vergleichbar mit dem Begriff der christlichen Communitas, handelt es sich um einen Ausdruck für das Gefühl tiefster menschlicher Verbundenheit. Im Ritual wird dieser Zustand erreicht durch die Entpersonalisierung aller Teilnehmer und die Auflösung der Unterschiede. Die gefühlte Gleichheit stellt ein  Gegengewicht zum gesellschaftlichen Alltag dar. Dieser Ritualtyp begegnet uns fast überall dort, wo gemeinschaftliche Rituale vollzogen werden, in deren Fokus nicht eine bestimmte Person der Gruppe steht. Also beim gemeinschaftlichen Singen in der Kirche, im Fußballstadion oder im Rahmen von Protesten. Dabei kann eine Gruppe sich positiv definieren über gemeinsame Werte, gemeinsame Ziele, aber auch negativ durch Abgrenzung von einem Feindbild. Sei es der Teufel, andere Glaubensbekenntnisse, eine andere Fußballmannschaft oder der politische Gegner. Neben dem Singen, gibt es vielzählige positive und negative rituelle Handlungen solcher Art: Hände halten, Umarmen, Tanzen, Rollenspiele, Flagge verbrennen/Symbole des Feindes zerstören oder beschmutzen.

In Stammesgesellschaften sind für gewöhnlich alle Rituale im religiösen Kontext zu verstehen, weil eben das gesamte Weltverständnis ein religiöses ist. Demnach ist es schwer religiöse Rituale als eigenen Typus zu beschreiben, weil jeder Typus durch Religion begründet auftritt. Es gibt allerdings einige der Religion eigene Ritualtypen, wie das Opferritual. Den Göttern oder einem bestimmten Gott wird geopfert mit der Intention Hilfe zu bekommen. Diese Hilfe kann sich unter anderem auf Fruchtbarkeit des Menschen sowie des Bodens, eine anstehende Schlacht, eine wichtige Entscheidung oder erwünschte Heilung beziehen. (Dem Opferkult im vorchristlichen Norwegen widmet sich auf unserem Blog ein eigener Artikel von Björn Griebel – Link)

Ebenso wie in magischen Ritualen geht es darum, Einfluss auf den Lauf der Dinge zu nehmen und Welt und Natur für den Mensch zu ordnen und verstehbar zu machen. Jedes Ritual als Versuch der tatsächlichen Einflussnahme zu interpretieren ist dabei aber auch nicht immer stimmig. Ein Regentanz muss nicht in dem Glauben geschehen man könne das Wetter bestimmen. Er kann einfach Ausdruck der Naturverbundenheit, eine Würdigung und ein Mittel zur Erinnerung und Bewusstmachung der Beschaffenheit der Welt, und gleichzeitig der Fähigkeiten des Menschen mit ihr umzugehen, sein.

Rituale in der Psychotherapie

In der Psychologie findet eine rege Auseinandersetzung mit dem Thema Rituale statt.
Zur Bewältigung negativer Erfahrung bedient man sich der kanalisierenden Wirkung von Ritualen und greift unter anderem auf alte und weit verbreitete symbolische Handlungen wie Verbrennen oder Baden/Waschen zurück.

Auch die Gemeinschaftsrituale finden sich wieder: der Patient soll Heilung erfahren durch den Rückbezug auf die Grundlagen der Existenz beziehungsweise die eigenen Grundbedürfnisse, wozu eben auch die Re-integration in die Gemeinschaft und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und menschlicher Nähe gehört.

Stets aktuell ist hier der Konflikt um die Grenzen zwischen Seelsorger und Therapeut. Wo soll die geistliche Seelsorge aufhören? Wie viel Spiritualität verträgt die Psychotherapie?

Die Inspiration durch religiöse Rituale kann insofern kritisch gesehen werden, dass die Rituale aus ihrem Kontext gelöst verwendet werden und deshalb der Wechselwirkung mit der restlichen Glaubenspraxis, aber auch dem Glaube selbst, mangeln.

Ritualkritik – Rituale als Chance und Gefahr

Wie in den Gemeinschaftsritualen, gibt es viele Rituale deren Zweck es ist, ein Gleichgewicht zum gesellschaftlichen Ist-Zustand zu schaffen. Ist es allgemein verpönt vulgär zu sprechen und rumzuschreien, findet das Bedürfnis danach seinen Ausdruck in den Fankurven der Fußballstadien. Die Angst vor bösen Geistern und Kreaturen außer und in sich wird vertrieben durch das rituelle identifizieren mit diesen Ungestalten mittels Verkleidung und abnormem Verhalten. Und die Ungleichheit hierarchischer Gesellschaften wird im Ritual aufgelöst und eine vorübergehende Gleichheit aller Menschen gefeiert.

Diese Ventil-Funktion von Ritualen bemängelt die Ritualkritik. Rituale können akut für Abhilfe sorgen, ein Unbehagen beschwichtigen, verhindern damit aber unter Umständen die Behandlung des Problems an der Wurzel. Solche Rituale werden als Instrument der Herrschaftserhaltung und damit als Bremsklotz gesellschaftlicher Entwicklung verstanden.

Im Unterschied zu dieser fundamentalen Ritualkritik, gibt es die Praxiskritik, die bestimmte traditionelle Praktiken aus ethischen Gründen in Frage stellt. Aktuelles Beispiel hierfür ist zum Beispiel die Beschneidungsdebatte, die durch Abwägung von Gefahren dieser Praxis aus medizinischer und psychologischer Perspektive angeregt wurde.

Rituale sind also Chance und Gefahr zugleich. Wir können sie uns zu Nutze machen; Halt und Trost in ihnen finden, Stärke gewinnen und unsere freundschaftlichen, gemeinschaftlichen Bande festigen. Gleichzeitig müssen wir uns ihres manipulativen Potentials bewusst sein. Wie weiter oben durch das Beispiel des Hitlergrußes angedeutet, ist es ein Charakteristikum totalitärer Regime das Leben der Menschen durchzuritualisieren, um so freies, gewissenhaftes Denken zu verhindern. Gräueltaten lassen sich leichter durchführen, wenn in ihrer Durchführung das eigene Entscheiden durch völlig einnehmende ritualisierte Abläufe ersetzt ist.

Das Fest – Sinn und Zweck für die Gemeinschaft

Feste sind der Gegenpol zur Alltagswelt. Gestern wie heute spielen sie eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben. Sie dienen als Ort der Begegnung, in dem gewisse Verhaltensnormen vorübergehend aufgehoben werden, wodurch Kontaktaufnahme erleichtert wird. So bedeutet das Fest eine Öffnung für Fremdes; das Kennenlernen neuer Menschen oder neuer Kulturen.

Gleichzeitig dient das Fest aber auch zur Konstitution der eigenen Kultur. In vielen oralen Gesellschaften ist es Mittel zum Festhalten der eigenen Geschichte – alte Geschichten und Mythen über die Ahnen oder die Götter werden nacherzählt und nachgespielt. Die Gruppe identifiziert sich dann mit einer Gemeinschaft, die durch die Einbeziehung der Verstorbenen, über die physisch anwesenden hinausgeht. Im Gegensatz zur Alltagswelt hat das Fest also einen transzendenten Charakter, der sinnstiftend und stärkend für die kollektive Identität wirkt.

Der Religions- und Kulturwissenschaftler Jan Assmann spricht von zwei Welten, zwei Zeiten und zwei Gedächtnissen. Die Alltagswelt ist geprägt von Gleichzeitigkeit, was der Orientierung und Absprache dienlich ist, die wir für die zu bewältigenden Aufgaben benötigen. Wir denken in diesem Moment im kommunikativen Gedächtnis.

Im Fest hingegen befinden wir uns im kulturellen Gedächtnis und somit in der Ungleichzeitigkeit. Mythos, Traum, Fantasie und der spirituelle Bezug zu den Ahnen und Göttern lassen ein anderes Verhältnis zu Zeit entstehen und machen das Fest zum beschriebenen Gegenpol des Alltags.

Das Anti-Fest

Aus der methodischen Lebensführung und dem Arbeitsethos des Protestantismus hat sich eine Konzeption des Anti-Festes entwickelt. Das Ideal von Kontinuität und Rationalität widersprecht der Unterbrechung der methodischen Lebensführung durch das Fest.

Ähnlich wie in der Ritualkritik geht es darum, den Ventil-Charakter der Feste zu vermeiden und durch Entsagung einen klaren, kritischen Geist zu pflegen, der gegen das Problem aufbegehrt, und nicht versucht die Symptome zu verdrängen.

Pyramide_Rituale

Die Pyramidenform eignet sich deshalb zur Erklärung der vier Begrifflichkeiten, weil sie veranschaulicht, wie die Begriffe mengentechnisch zueinander stehen.

Der Begriff des Rituals ist im obenstehenden Text behandelt.

Der Ritus ist eine längere rituelle Handlung, die mehrere Einzelhandlungen beinhaltet. Ein Opferritus kann mehrere Teilrituale beinhalten, die zum Beispiel das Führen des Tieres zum Opferplatz, das Verhalten der Teilnehmer, das Durchführen der Schlachtung und alle anschließenden Handlungen regeln. Die Begrifflichkeiten Ritus und Ritual werden oft synonym verwendet, unter anderem weil nicht immer klar zu trennen ist, wo ein Ritual, oder mehrere Rituale im Kontext eines Ritus, vollzogen werden. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Ritus oftmals mit einer religiösen beziehungsweise spirituellen Handlung assoziiert, während der Ritualbegriff, wie in Alltagsritual, auch profanes einschließt.

Das Fest ist ebenfalls in einem gesonderten Abschnitt behandelt. Im Bezug zu den anderen Begriffen steht es in der Darstellung über dem Ritus, weil im Verlauf eines Festes mehrere Riten vollzogen werden können.

Der Begriff des Kultes meint die Verehrung eines bestimmten Subjekts, sei es eine Gottheit oder ein verstorbener Held. Innerhalb eines Kultes können im Verlaufe eines Jahres mehrere Feste abgehalten werden. Auch hier gilt, dass das Schema keine absolute Gültigkeit beansprucht, weil es sich in erster Line auf die Verhältnisse in religiösen Gesellschaften bezieht.

Aber auch in den Subkulturen des 20. Und 21. Jahrhunderts lassen sich ähnliche Strukturen erkennen. Kultobjekt ist dabei selten eine Gottheit, sondern meist eine Mischung aus Lebenseinstellung, Musik und Kleidung – in vielen Fällen auch eine ganz bestimmte Musikgruppe. Die Feste sind dann zum Beispiel Konzerte oder Festivals. Die Riten beziehungsweise Rituale können sich auf Drogenkonsum, bestimmte Spiele oder bei manchen Gruppen ebenfalls auf spirituelle Übungen beziehen.

Der Bezug zu unserem Thema

In Anknüpfung an diese Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Ritual, Ritus, Fest und Kult, folgt ein Artikel, der sich mit den Bräuchen der vorchristlichen Zeit im heutigen Norwegen auseinandersetzt. Mit diesem Hintergrundwissen werden dann aktuelle Bräuche und Feste beleuchtet, um folgender Frage auf den Grund zu gehen: Welche der heute existierenden Bräuche haben Wurzeln in heidnischem Brauchtum?

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Literaturverzeichnis

Ambos, Claus, Stephan Hotz, Gerald Schwedler, Stefan Weinfurter: Die Welt der Rituale: Von der Antike bis heute. Darmstadt 2005.

Assmann, Jan: Das Fest und das Heilige : religiöse Kontrapunkte zur Alltagswelt. Gütersloh 1991.

Belliger, Andrea: Ritualtheorien : ein einführendes Handbuch. Wiesbaden 2006.

Herlyn, Gerrit: Ritual und Übergangsritual in komplexen Gesellschaften : Sinn- und Bedeutungszuschreibungen zu Begriff und Theorie. Hamburg 2002.

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