*Der schlaue Runenstein – Die Kunstgeschichte Norwegens von der Bronzezeit bis zur Nationalromantik

8Nøkken

Bei der Bearbeitung unseres Themas ist die Auseinandersetzung mit der Kunst von großer Bedeutung. Volksglaube und Synktretismen zeigen sich in vielfältiger Ausführung in alten Gemälden, im sakralen, wie auch im profanen Bau. Der folgende Artikel wird euch einen Einblick in dieses große Feld geben und verdeutlichen, wie sich die Umstände und Ansichten einer Zeit in künstlerischen Werken wiederspiegeln.

Die ersten Zeichen künstlerischer Ausdrucksformen traten vor tausenden von Jahren in Erscheinung. Schon während der Bronzezeit, die sich in Nordeuropa von ca. 1800 v. Chr. Bis 500 v. Chr. erstreckte, gab es unzählige Felszeichnungen, so genannte Helleristninger. In den früheren Motiven standen Tiere im Vordergrund; sie verkörperten die Kultur der Jägervölker, dessen Hauptnahrungsquelle Fische, Rehe oder Elche darstellten.
Des Weiteren gab es immer mehr Ritzungen von Menschen, Schiffen und Wägen und es wurden epische Kampfszenen festgehalten. Einerseits kann man durch diese Felsritzungen Rückschlüsse auf die Technologie und Wirtschaft der damaligen Zeit ziehen. Andererseits spielen religiöse Aspekte eine große Rolle. Zwar ist ein Großteil der Abbildungen aus heutiger Sicht schwer zu deuten, doch es ist wahrscheinlich, dass die Ritzungen Ausdruck kultischen Glaubens und zeremonieller Abfolgen sind. So können beispielsweise spiralförmige Ornamente als Sonnensymbol gedeutet werden, was wiederum als Fruchtbarkeitssymbol aufgefasst werden kann. Die Völker glaubten an Götter und die Helleristninger können eine Form der Kontaktaufnahme darstellen.

Mit dem Übergang in die Eisenzeit nimmt die Verbreitung der Felsritzungen zunehmend ab. Dies hängt sowohl mit dem wirtschaftlichen Wandel zusammen (man widmete sich immer mehr der Arbeit mit Eisen), als auch mit großen Änderungen im sozialen Bereich. Dies wird unter anderem im Bereich der Bestattungsbräuche sichtbar. Das Verbrennen der Toten und deren Aufbewahrung in sehr einfachen Gräbern wird in der Eisenzeit zur gängigen Methode, während weitläufige Grabhügel und Gräber mit Opfergaben in der Bronzezeit verbreitet waren.
1helleristinger
Aus dem Alta Museum, Norwegen

An Norwegens Kunstgeschichte kommt man nicht vorbei, ohne auf die Wichtigkeit der Tierornamentik zu stoßen. Es ist schwierig, einen exakten Zeitrahmen für die Tierornamentik festzulegen, da sich die Verbreitung von verschiedenen Ornamenten unter anderem von ihrer geographischen Lage abhängend stark unterscheidet; jedoch lässt sich sagen, dass das 12. Jahrhundert das Ausklingen der hauptsächlichen Verwendung der Tierornamente einleitet.

Vor allem im Zusammenhang mit der Holzschnitzkunst ist die Tierornamentik von großer Bedeutung. Die Holzschnitzkunst hat eine lange Tradition und schon in den nordischen Sagas wird berichtet, dass Holz- und Schreinerarbeit angesehene Berufsfelder waren, welche Personen höheren Ranges vorbehalten waren. Wichtig zu nennen sind der Osebergfund und der Gokstadfund, zwei ausgegrabene Wikingerschiffe aus dem 9 Jahrhundert. Diese waren selbstverständlich aus Holz gebaut und waren mit geschnitzten Tiermotiven verziert. Größtenteils fanden Drachen- und Vogelmotive Verwendung, welche als Elemente heidnischen Glaubens aufgefasst wurden. Allerdings herrscht heutzutage bei einigen Forschern Unklarheit darüber, ob die als Drachen bezeichneten Figuren nicht Hunde oder Katzen darstellen. Der Einfluss der Tierornamentik wird auch sehr beim Betrachten der Stabkirchen sichtbar, deren Portale und Innenräume zahlreiche Motive erkennen lassen. Jedoch war der Einbezug von Tierornamenten auch in die profane Architektur integriert.

Seit dem Aufkommen des Christentums war allerdings ein starker Wandel in Bezug auf die Verwendung der Tierornamente festzustellen. Die Kirche, welche immer mehr Macht bekam, war ein Förderer der Künste und konnte so natürlich zunehmend Einfluss auf die verschiedenen Bauweisen ausüben. Trotz des christlichen Wandels behielten die heidnischen Elemente aber noch lange ihre Kraft und waren nicht so leicht zu verdrängen. Jedoch gelangten sie mit der Zeit – hier ist die Rede von mehreren Jahrhunderten – immer mehr in den Hintergrund und wurden von Rankenmotiven, allen voran dem Akanthusblatt, verdrängt. Dieses war das Hauptmotiv der englischen Kirche.

Sehr schöne erhaltene Zeugnisse der Tierornamentik, welche auch die große Bedeutung der Mythologie aufweisen, sind beispielsweise das Portal der Hylestadkirche mit der Legende von Sigurd dem Drachentöter oder das Portal der Heddalkirche und ein in ihr enthaltener Kirchenstuhl, welcher Gunnar in der Schlangengrube zeigt. Die Urneskirche, die älteste erhaltene Stabkirche in Norwegen, ist mit ihrem Holzrelief ein weiteres bedeutendes Beispiel für diese Kunst.
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Hylestadportal                                                Urnesportal

Im Mittelalter florierten verschiedenste Formen der Kunst und im Folgenden wird näher auf die Webkunst und die Rosenmalerei eingegangen, zwei wichtige Bestandteile der norwegischen Volkskunst.

Die Webkunst kam am stärksten im 16. Und 17. Jahrhundert zum Ausdruck und kann als Bestandteil des nationalen Erbes angesehen werden. Viele Techniken blieben, teilweise sogar schon seit der Wikingerzeit, unverändert. Es ist ein weites Spektrum an Motiven zu verzeichnen, größtenteils entstammten sie aus der Bibel oder aus Fabeln. Ein beliebtes Motiv war beispielsweise das Gleichnis der Jungfrauen, bei dem fünf Jungfrauen die christliche Seele und Tugendhaftigkeit symbolisieren und noch einmal fünf die menschliche Lust und Verdammnis verkörpern. Die Verwendung von Königen und Herrschern war ebenfalls sehr gefragt. Es findet sich eine große Anzahl von Teppichen in denen die Heiligen Drei Könige oder König Salomon enthalten sind.
Des Weiteren sind viele Tiere, unter ihnen exotische wie der Elefant oder der Löwe, integriert. Nicht selten sind die Tiere in einem Kreis angeordnet, sodass eine Verbindung zum Tierkreis, in dem die 12 Sternbilder angeordnet sind, hergestellt werden kann. Dem Einhorn kam besondere Bedeutung zu teil. Es galt als Symbol für das Gute und ihm wurden magische Fähigkeiten zugeschrieben. Allerdings heißt es, dass es nur Jungfrauen vertraute. Da sich größtenteils Jäger auf den Weg machten es zu finden, wurde es nur selten gesichtet.
Im Physiologus, einer frühchristlichen Lehre in griechischer Sprache, wird das Einhorn mit den Eigenschaften der Jungfrau Maria gleichgesetzt. Der Physiologus war vor allem im Mittelalter in Europa sehr weit verbreitet; in den Schriften wurden Tiere und Pflanzen beschrieben und allegorisch auf die christliche Heilsgeschichte übertragen. So galt der Pelikan, der sich auch oft in der Webkunst findet, als Christussymbol. Es heißt, die Pelikanmutter opferte sich selbst auf, um ihre Kinder zu neuem Leben zu erwecken.

Dies verdeutlicht, dass auch hinter vielen Fabelwesen oder anderen Tieren eine christliche Symbolik stecken kann, auch wenn man dies zunächst nicht erwartet oder auf heidnische Ursprünge zurückführt.

Die Rosenmalerei hatte ihre Blütezeit um ca. 1700. In dieser Zeit herrschten verbesserte Handelsbeziehungen und Verkehrsmöglichkeiten auf dem Land und in der Stadt. Natürlich geht es in der Rosenmalerei, wie der Name schon sagt, hauptsächlich um Rosen, trotzdem zeigt sich auch dort eine Vielzahl von Motiven. Oftmals wurden Seepferde und Meerjungfrauen gemalt. Mit dem Seepferd ist aber nicht das uns bekannte Seepferdchen gemeint, sondern ein Hippokampus. Ein Fabelwesen aus der griechischen Mythologie, welches vorne Pferd und hinten Fisch ist. Es diente verschiedenen Meeresgöttern als Zug- und Reittier. Die Meerjungfrauen können im Zusammenhang mit Aphrodite gesehen werden, da sie als die „Schaumgeborene“ bezeichnet wurde. Ihrem Vater Uranus wurde das Glied von seinem Sohn Kronus abgetrennt und als dieses ins Meer fiel kam es durch die Kombination von Samen und Meer zur Entstehung der Aphrodite.

Auch sehr viele andere Tiere zeigen sich in den Zeugnissen der Rosenmalerei, jedoch wurden sie auch dort immer mehr von Akanthusblättern und Ranken verdrängt.

Die Nationalromantik, welche in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann und sich dann über dieses streckte, brachte viele einzigartige Werke hervor, die als typisch norwegisch gelten. In diesem Zusammenhang ist das Jahr 1814 sehr essentiell, da Norwegen in diesem Jahr eine eigene Verfassung bekam. Dies hatte großen Einfluss auf die Stärkung des nationalen Volksbewusstseins und der Stolz auf das eigene Land war immens. P. C. Asbjørnsen und J. Moe begannen in der Nationalromantik nach dem Vorbild der Brüder Grimm norwegische Volksmärchen zu sammeln. Diese beinhalten Figuren wie Trolle, Elfen oder Zwerge, welche aus altnorwegischer heidnischer Mythologie und Legenden überliefert sind. Die Märchen trugen zu einem neuen Sinn für die nationale Identität bei und sie verstärkten das Aufleben von der Interesse an Norwegens Vergangenheit.

Erik Werenskiold und Gerahrd Munthe stellen zentrale Personen dieser Zeit dar; sie waren bekannt für ihre zahlreichen Illustrationen zu den Märchen und zeichneten außerdem für die Sagen des Snorri Sturulson. Gerhard Munthe versah zum Beispiel die Sagen von Olaf dem Heiligen oder Magnus Sohn mit vielen Zeichnungen. Er widmete sich allerdings auch anderen Themen wie der Darstellung von Naturgewalten im Zusammenhang mit Mythen. Sein Werk Nordlichttöchter (1897) zeigt drei junge Frauen umgeben von Eisbären und Vögeln in einer Landschaft und kann auf den Glauben zurückgeführt werden, dass Nordlichter durch das Aufsteigen gestorbener Jungfrauen in den Himmel entstehen, wenn diese mit ihren Schleiern umher tanzen.
4werenskiold
Aus der Saga von Olav Tryggvason, E. Werenskiold

Ein weiterer wichtiger Maler ist Theodor Kittelsen. Er schaffte es, die Stimmung der Natur, ihre Zeitlosigkeit und mystischen Wesen auf ganz besondere Weise zu malen. Sein Fokus lag bei der Darstellung der Natur und ihrer Wesen als bedrohliche Macht. Der Draugen, ein Seeungeheuer oder der Nøkken, ein manipulatives trollähnliches Wesen, kamen oft in seinen Bildern vor.
6Sjøtrollet
Sjøtrollet (T. Kittelsen, 1887)

Andere Gestalten, die in der Nationalromantik Verwendung fanden, waren beispielsweise der Fossegrimen (unter anderem von Hans Gerhard Sørensen gemalt), der Tag und Nacht in Wasserfällen Geige spielt und damit Menschen anlockt oder der Askeladden. Dies ist eine typische Figur aus den Märchen, ein kleiner Junge, der es schafft gegen die bösen Trolle anzukämpfen.

Peter Nikolai Arbo beschäftigte sich hauptsächlich mit der nordischen Mythologie und sein bekanntestes Werk ist „Åsgårdsreien“ (1872) oder auch Odins Jagd genannt. Im Volksglauben hieß es, dass tote Seelen zur Weihnachtszeit am Himmel reiten. Um sich davor zu schützen, auf diesen Zug mit aufgezogen zu werden, haben die Menschen zu dieser Zeit Teerkreuze an ihre Türen gemalt.
5Åsgårdsreien
Åsgårdsreien (P.N. Arbo, 1872)

Adolf Tidemand, ein Historienmaler, widmete sich mit dem Charakter, den Sitten und Bräuchen Norwegens. Dabei malte er viele Studien über das Volksleben. Eines seiner bekanntesten Werke, „Haugianerne“ (1845-52), zeigt den Einfluss der Erweckungsbewegung von Hans Nielsen Hauge. Bei dieser religiösen Bewegung aus dem Christentum wurden vermehrt Hausgottesdiente abgehalten, da die Betonung auf der Bekehrung des Einzelnen lag. Eine Hinwendung zum Glauben galt als Hinwendung zum Leben und wurde als Analogie zur Auferstehung Christi gesehen. Des Weiteren wurde gepredigt, dass Bekehrung und Erweckung zu sozialem Aufstieg führen würden. Kern dieser Bewegung ist der Pietismus, was Frömmigkeit bedeutet und als eine Extremform des Protestantismus gesehen werden kann.
7Haugianerne
Haugianerne (A. Tidemand, 1845-52)

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Lieraturverzeichnis:

1) Leif Øtsby: Norges Kunst. Steefenske Forlag Oslo, 1942.
2) Eivind S. Engelstad: Senmidelalderens Kunst I Norge. Oslo, 1936.
3) Asker, Randi, R.Haughild, H. Engelstad, G. Trætteberg: Norwegische Volkskunst. Winkler Verlag München, 1967.
4) Eduard Gudenrath: Norwegische Maler. Gunnar Stenersens Forlag, Oslo.
5) Rasmus Steinsvik: Sommeren med Th. Kittelsen. Stiftelsen Modums blaafarveværk, Oslo, 1995.
6) Odd Hølaas: Troll i Norge: Som Th. Kittelsen så dem. Oslo : Norsk Kunstreproduksjon Stenersen, 1968.

Bilder:

1) http://de.wikipedia.org/wiki/Alta_Museum
2) http://www.google.de/imgres?q=hylestadportalen&um=1&hl=de&sa=N&tbo=d&biw=1024&bih=637&tbm=isch&tbnid=CuzK31hqDHGVKM:&imgrefurl=http://snl.no/Hylestadportalen&docid=qNj-SQLb0k6HBM&imgurl=http://media.snl.no/system/images/5249/hylestadportalen.jpg&w=311&h=671&ei=T4TZUMSvNsntsgbtkoCoBg&zoom=1&iact=hc&vpx=600&vpy=111&dur=3329&hovh=330&hovw=153&tx=105&ty=150&sig=105064055890885516602&page=1&tbnh=158&tbnw=81&start=0&ndsp=21&ved=1t:429,r:4,s:0,i:101
3) http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Urnesportalen.jpg
4) http://snl.no/Erik_Werenskiold
5) http://commons.wikimedia.org/wiki/Peter_Nicolai_Arbo
6) http://no.wikipedia.org/wiki/Fil:Theodor_Kittelsen_-_Sj%C3%B8trollet,_1887_%28The_Sea_Troll%29.jpg
7) http://no.wikipedia.org/wiki/Fil:Adolph_Tidemand_Haugianerne.jpg

Internetseiten:

1) http://snl.no
2) http://www.eichfelder.de/nibelung/saganord/4_kampf/drach1.html
3) http://www.reisenett.no/eventyr/html/asbjornsen.htm

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