Odin im Randsfjord getauft…

Vorbereitungsreise Juni 2012 – Erste Eindrücke vom Olafsweg
DSC03898

Artikel von Björn Griebel

Unser Projekt verlangt nicht nur Hingabe und Ausdauer. Vielmehr war es von Anfang an wichtig, Einblicke in den Alltag und die Realität vor Ort zu bekommen, um später adäquate Ergebnisse zu erzielen. Es bedarf sicher mehr, als nur das Studium relevanter Lektüre, um gelebtem Brauchtum auf die Schliche zu kommen und dessen Funktion ganz im persönlichen Milieu der Menschen zu entdecken. Dies veranlasste Johanna und mich an meine Reise von 2011 anzuknüpfen und im Juli 2012 erneut nach Norwegen zu fliegen.
.

Diesmal sollte es jedoch aus der Perspektive als integrierte Teilnehmer in einer norwegischen Bauernhofsgemeinschaft geschehen. Wir wählten unseren Aufenthalt gezielt im Hadeland am Randsfjord, um den Pilgerwegen auf der Spur zu bleiben und unser Projekt entsprechend voranbringen zu können. So war denn auch eine unserer Hosts Besitzerin einer Pilgerherberge auf dem Olafsweg, welcher direkt an zwei der insgesamt vier Höfe entlang führt. Als Mitarbeiter auf den Höfen haben wir einen Monat in Jevnaker und Oslo verbracht und neben harter, körperlicher Arbeit super spannende Dinge im Erkenntnisgepäck verbuchen können.

.

Odin ble døpt i Randsfjorden…

Ich denk, mich haut es vom Melkschemel! Während ich bei Kaffee und Havregrøt am Morgen in der Tageszeitung Hadeland blättere, stolpere ich plötzlich über die Schlagzeile und bin vorerst zugegeben sprachlos. Im Jahre des Herren 2012 nennt die Familie Grinaker aus Brandbu, Gran Kommune ihren Sohn Odin und läßt ihn ernsthaft vom Sogneprest (Gemeindepriester) im Randsfjord taufen. Ist das jetzt ein Witz oder ein doch recht merkwürdiger Zufall? Das religiöse Motiv der Familie wird zwar nicht erklärt und ob man hier ein dem Titel entsprechend bewusstes Szenario von statten gehalten hat, ist sicher in Frage zu stellen. Dennoch wirkt die ganze Story, als vollziehe sich die Christianisierung erneut.

Dass man seinen Kindern die Namen heidnischer Götter und Kultobjektsbezeichnungen gibt, ist natürlich nichts Neues. Seit jeher standen Thor, Odin und Freyr als Namenspate neben vielen anderen ihrer mythologischen Mitwirker. Nomen est Omen – so wurden neben Trend und persönlicher Geschmackspräferenzen eben auch die körperlichen und charakterlichen Fähigkeiten gerne in den Namen interpretiert. Das muss gar nicht so bestimmt verstanden werden, wie es zunächst scheint. Ein einfacher Gedanke an den einstigen Vater oder Großvater, welcher den selben, oder einen verwandten Namen trug, mochte reichen, um dessen positive Eigenschaften dem jungen Sproß mit auf den Lebensweg zu geben. Aus der altisländischen Literatur sind uns Namen wie Þorr, Þórrir, Þorsteinn und Þorólfr en masse überliefert. Bis heute sind Thorsten, Torstein, Thoralf und Thorunn in Norwegen gebräuchliche Namen. Auch Freia und Frøydis laufen uns in Skandinavien bisweilen über den Weg. Selbst der Name Gustav ist aus góðastafr (Götterstab; Tingstab; Pfahlgötze) herleitbar.

Röykenvik

Røykenvik bei Brandbu, Gran Kommune

.

Aber nicht nur der Name selbst ist spannend an der ganzen Geschichte. Auch der Ort der Taufe besitzt einen speziellen historischen Charakter. So hören wir bei Snorri, dass Halfdan Svarti (dt. Halvdan der Schwarze) um 863 n. Chr. in der Røykenvika im Randsfjord (dt. Rauchbucht) ertrank, als er mit seinem Pferdeschlitten auf dem Heimweg ins Eis einbrach. Laut Snorri sei er der Vater des späteren Haraldr Hárfagri (dt. Harald Schönhaar) gewesen, dem oft als ersten Reichseiniger Norwegens bezeichneten König. Diese Geschichte muss aus historischer Perspektive in mehrerer Hinsicht angezweifelt werden und auch die Funktion Haraldr Hárfagris war ganz und gar nicht einem Reichskönig nach europäischem Maßstab gemäß. Dennoch trug aber gerade diese Episode zur besonderen Popularität Halfdan Svartis bei. Sein Leichnam sei laut Snorris Heimskringla nach seinem Tode geteilt und in verschiedenen Teilen seines Reiches bestattet worden. So werden derzeit vier Grabhügel in Norwegen als Halfdanshaug bezeichnet, jedoch ohne dass eine der archäologischen Untersuchungen den Wahrheitsgehalt der Geschichte bestätigen konnte. Fairerweise muss dennoch gesagt werden, dass jene bisweilen trotz aller Skepsis auch nicht gänzlich widerlegt worden ist. So gelten neben dem großen Königshügel auf dem alten Königshof Stein am Steinsfjord, noch der Hügel von Tingelstad (heute im Hadeland Folkemuseum in Tingelstad), der Halfdanshaugen auf Helgøya im Mjøsasee und der Hügel in Hubred, Hamar Kommune als Grabstätte des einstigen Königs, letzterer wird inzwischen aber als natürliche Erhebung interpretiert. Der einstmals reich ausgestattete Sjømannshaugen nahe dem Borrepark bei Horten, welcher auch ein Schiff beinhaltete, wurde ebenfalls mit Halfdan Svarti und seinen Söhnen in Verbindung gebracht. Seit archäologischen Untersuchungen von 1990 gilt diese Annahme aber als widerlegt.

109_1002

Halfdanshaugen im Hadeland Folkemuseum, Tingelstad

.

Nun erfüllte die Teilung des Körpers möglicherweise eine fruchtbarkeitskultische Funktion, wolle man sie nicht als bloße literarische Schöpfung Snorri Sturlusons ansehen, sondern seinen Schilderungen eine gewisse Realitätsgrundlage zugestehen. Der König war demnach mit dem Wohl des Landes ganz persönlich, also auch physisch verknüpft. War seine Regierung eine fruchtbare Zeit, hoffte man den Wohlstand durch den Besitz jener Körperteile zu erhalten und die kommenden Jahre mit guten Ernten zu erleben. Die Bewahrung des Körpers zu diesem Zwecke wurde bereits in der Ynglinga Saga geschildert, als man Yngvi-Freyr, den göttlichen Urahn des Ynglinga Geschlechtes nach seinem Tode noch drei weitere Jahre aufbettete, um den Wohlstand und Frieden des Landes zu sichern. Dieser Erblinie hat man Halfdan Svarti zurechnen wollen, so wie es seinerzeit gerne üblich war, die Königsgeschlechter durch göttliche Abstammung zu legitimieren. Die Historizität muss hier natürlich dringend angezweifelt werden. In Tingelstad solle angeblich der Magen Halfdan Svartis liegen, während sich auf Stein Gård der Kopf befinden soll. Die letzten, auf Georadar basierenden Untersuchungen am großen Königshügel 2007 brachten aber noch keine Auflösung über den Inhalt des Hügelgrabes. Hier bleibt mit Spannung abzuwarten, wie die Geschichte weitergeht.

DSC03962

Historische Landschaft: Tyrifjord und Steinsfjord mit dem einstigen Königshof Stein (hinter der zweiten Landspitze rechs im Bild)

.

Der Randsfjord soll auch Geburtsstätte des Christianisierers Olav Tryggvasson gewesen sein, welcher um das Jahr 995 als getaufter Christ von seinen Vikingzügen auf den britischen Inseln zurückkehrte und nun beschloss, das ganze Land dem Christentum und seiner Krone zu unterwerfen. Dass hier natürlich der Glaube sicher im politischen Nutzen mündete, sei nur nebenbei erwähnt. Er hatte in jedem Falle den Ruf, ein Freund der Schwertmission zu sein. Dementsprechend kurz währte der Erfolg. Mit seinem Tode um das Jahr 1000 in der Schlacht von Svolder endete seine Herrschaft und die zwangsmissionierten Heiden kehrten, wo es ihnen möglich war ins Heidentum zurück. Als sein Geburtsort wird die kleine Insel Kongøya bei Eidsvik nach lokaler Tradition aufgeführt. Ein Bautastein erinnert hier an sein angenommenes Geburtsdatum von 963 n. Chr. Als ein anderer Geburtsort gilt eine kleine Insel im Frøylandsvatnet in der Kommune Klepp, Rogaland.

800px-Peter_Nicolai_Arbo-Olav_Tryggvasons_ankomst_til_Norge

Peter Nicolai Arbo: Olav TRyggvasson Ankomst i Norge.

.

Aber nicht nur das Hadeland selbst ist voll von vorchristlicher Geschichte. Auch der Prozess der Taufe ist keineswegs ein ausschließlich christlicher Brauch. Schon bei Galenos von Pergamon hören wir, dass die Heiden ihre noch geburtswarmen Kinder ins eisige Wasser tauchen.[1] Auch im altisländischen Sittengedicht Hávamál heißt es “þat vet ek en þrettánda, ef ek skal þegn ungan verpa vatni á“ (Ein dreizehntes kenn ich, da ich mit Wasser eines Degen Junges bewerfen soll).[2] Die besondere Bedeutung der Taufe für die Mission der Heiden wird dadurch plausibel. Sie spielt eine wichtige Rolle in den mittelalterlichen Quellen und hatte in religiöser Hinsicht, wenn auch keinen Glaubenswandel selbst, aber doch eine sichere Konsequenz im göttlich spirituellen Verwurzelungsempfinden der Betroffenen zur Folge.

Die Geschichte von dem kleinen Odin, der im historischen Wasser getauft wird, ist eine fabelhafte Anekdote und doch weit mehr als nur ein Schwank. Aus der Ferne betrachtet hat das ganze nicht nur eine gewisse Komik für sich, es zeigt auch die Verankerung ursprungsdifferenter Glaubensinhalte in einem völlig alltagsüblichen Kontext. Denn die Tatsache, dass Odin getauft wird, spielt in dem Artikel beinah nur die zweite Rolle neben der Möglichkeit, dass man sein Kind im Fjord taufen lassen kann. Zumindst kann man sich des Eindrucks nicht wirklich verwehren. Zum Artikel…

.


[1] De Vries, Jan. Altgermanische Religionsgeschichte Band I. Berlin 1956. S. 180

[2] Ebd. S. 180

Nächste Artikel:

Olavsweg per Bike

Olafsweg per Pedes

Kittelsens Hjem

Vikingskiphuset Bygdøy

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s