Auf Freyrs Schiff zur Kathedrale von Hamar

800px-Skibladner_in_Hamar

Artikel von Björn Griebel

Man nennt ihn den weißen Schwan vom Mjøsa, er gilt als das Wahrzeichen des größten Sees Norwegens und ist nebenbei auch noch der einzige seiner Art. Die Rede ist von Skibladner, dem ältesten Raddampfer der Welt im Routendienst. Ab 1854 in einer Werft in Motala, Schweden gebaut lief er zwei Jahre später vom Stapel und wurde am 2. August 1856 zum Flaggschiff und Aushängeschild der Oplandske Dampskipselskapet. Der Zweiraddampfer war seit dem in Betrieb, diente in früherer Zeit neben dem Passagierverkehr vor allem als Last- und Postschiff. Heute schippern Touristenströme auf dem polierten Augenschmaus zwischen Gjøvik; Hamar, Kapp und Eidsvoll. Das Schiff durchlief ab 1888 mehrere Umbauten, wobei es einen neuen Deckaufbau bekam und die zwei Schlote dem heutigen wichen. Im Jahre 1991 wurde es auf den Stand von 1888 restauriert. Seine Aufgabe als Postschiff hat er sich bis heute bewahrt. So besitzt der Dampfer nicht nur eine eigene Briefmarke, auch die Poststation selbst ist noch in Betrieb und transportiert ihre Fracht über den Mjøsa.

Der weiße Schwan vom Mjøsa hat neben seinen optischen Reizen und der exklusiven Bordküche noch etwas ganz anderes zu bieten. Sein Taufname ist nicht irgendeine Bezeichnung. Skibladner, zu altnordisch Skíðblaðnir war das schönste und beste Schiff im heidnischen Götterreich. Von Zwergen war es gebaut worden und dem Gott Freyr zum Geschenk gemacht, welcher laut der Ynglingatal Stammvater des ältesten Königsgeschlechts des Schwedenreiches war. Die Könige der Svea im alten Uppsåla waren später immer wieder Referenz- und Legitimationsgegenstand, denn die Norwegischen Könige leiteten über ihre propagierte Verwandtschaft ihre Abkunft von den Göttern her.

Skiðblaðnir war nicht irgendein Schiff. Im Grímnismál der Snorre Edda heißt es:

Ívalda synir

gengu í árdaga

Skíðblaðni at skapa

skipa bezt

skírum Frey

nýtum Njarðar bur

Iwaldis Söhne

gingen in Urtagen

Skibladner zu schaffen

der Schiffe bestes

dem strahlenden Frey

Njörds gnädigem Sohn

Askr Yggdrasils,

hann er æðstr viða

en Skiðblaðnir skipa

Óðinn ása

en jóa Sleipnir

Bilröst brúa

en Bragi skalda

Hábrók hauka

en hunda Garmr[1]

Die Esche Yggdrasil

ist der Bäume außergewöhnlichster

aber Skibladner der Schiffe

Odin der Asen

und der Rosse Sleipner

Bilröst der Brücken

aber Bragi der Skalden

der Habichte Haubrok

doch der Hunde Garm

.
Nachdem der hinterlistige Loke der Göttin Sif das Haar abgeschnitten hatte, zwang ihr Ehemann Thor ihn einen ebenbürtigen Haarschmuck aus Gold machen zu lassen, welcher sich wie echtes Haar verhalten sollte und nachwachsen konnte.

“Eftir þat fór Loki til þeira dverga, er heita Ívaldasynir, ok gerðu þeir haddinn ok Skíðblaðni ok geirinn, er Óðinn átti, er Gungnir heitir.“[2]

Danach fuhr Loke zu den Zwergen, die Ívaldssöhne heißen, und sie machten das Haar und Skibladner und den Speer, den Odin besitzt und der Gungnir heißt.  

Loke gab Freyr das Schiff, welches zu dem ganz besondere Eigenschaften hatte:

“[…] en Skíðblaðnir hafði byr, þegar er segl kom á loft, hvert er fara skyldi, en mátti vefja saman sem dúk ok hafa í pungi sér, ef þat vildi.“[3]

Doch Skibladner hatte Fahrtwind, wenn das Segel gehisst wurde, wohin es auch fahren sollte, und man konnte es zusammen falten wie ein Tuch und es in seiner Tasche haben, wenn man das wollte.

Nun passt der Dampfer weder in die Westentasche, noch braucht er günstigen Fahrtwind. An seiner Außergewöhnlichkeit besteht jedoch kein Zweifel. Auch wurde er von manchem Reisenden zum schönsten Schiff auf dem Mjøsa gekürt. Neben der Tatsache, dass es das älteste Schiff auf dem Mjøsa und der älteste Linienraddampfer der Welt ist, ist die Bedeutung für das regionale Kulturempfinden ein gewichtiger Faktor, welcher zur Auszeichnung mit der Olavsrose geführt hat. Mit dieser Auszeichung werden besondere, kulturhistorische Erlebnisdenkmäler des Landes geehrt. Dass der Name von der Reederei nicht zufällig gewählt wurde, dürfte in Anbetracht des Flaggschiffstatus klar sein. Auch die Website der Reederei verweist stolz auf den Namen und seine Herkunft. Das Heidentum spielt hier als Glaube natürlich selbst keine Rolle mehr. So reisen die Pilger des Olavswegs auf ihrem Fußmarsch in Richtung Trondheim mit Skibladner über den Mjøsa  zur alten Kathedralruine, dem einstigen Erzbischofsitz von Hamar. Hier verbindet der alte Dampfer mit dem heidnischen Namen die östliche und westliche Route des Pilgerweges miteinander.

Der weiße Schwan vom Mjøsa ist ein wundervolles Beispiel synkretistischer Alltäglichkeit. Dient sein Taufname doch ehr der historischen Annekdote, ist er dennoch Bezeichnung für das Aushängeschild der regionalen Binnenschifffahrt und einer der größten kulturellen Schätze des Landes.

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Domkirkeruinen_Hamar

Domkirchenruine zu Hamar

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Hier noch ein kleiner Tipp:

Arte Doku: Legendäre Raddampfer [2/5] Mit dem Skibladner über den Mjøsa-See

.


[2] Ebd.

[3] Ebd.

Website der Reederei: http://www.skibladner.no/

Olavsrosa: http://www.olavsrosa.no/de

Bilderquellen:

Bild 1:  Rennohokwerda; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Skibladner_in_Hamar.jpg Veröffentlicht am 05.08.2009 unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Bild 2: Jacques Reich 1900; gemeinfrei

Bild 3: Jensens; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Domkirkeruinen_Hamar.jpg gemeinfrei

Videoverlinkung: http://www.youtube.com/watch?v=5UwkIy1vz2I

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