*Der schlaue Runenstein – Heidnischer Kult und Opferbräuche im vorchristlichen Skandinavien

Domalde

Artikel von Björn Griebel

Wenn vom germanischen Heidentum die Rede ist, und ganz besonders vom nordgermanischen Heidentum, so kommt schnell die Frage auf, was diesen Glauben neben dem Polytheismus noch ausmacht. Das germanische Heidentum begründete sich ebenso auf die Notwendigkeit von Opferriten, Ahnenverehrung und magischem Kult. Dass die Opfervorgänge nicht nur äußerst komplex und bisweilen sehr grausam von Statten gingen, sondern auch eine wichtige gesellschaftliche Funktion erfüllten, wird beim Studium des Themas ebenso schnell deutlich. Dieser Artikel gibt eine rasche Übersicht und erste Einblicke in den Opferkult des heidnischen Skandinaviens..

Vorbemerkung des Verfassers:

Im Folgenden möchte ich nur eine Grundübersicht über den Opferkult des (nord-) germanischen Heidentums mit entsprechenden Winken geben, welche es ermöglichen, entweder auf Nachfrage oder über entsprechende Eigenrecherche tiefer ins Thema einzusteigen. Da ich hier weder einer Vollständigkeit gerecht werden kann, noch dies eine formatierte wissenschaftliche Abhandlung ist, sei der Inhalt als einfacher Überblick, Nachschlageliste und Hinweisquelle zu verstehen. Der Umfang des Gesamtkomplex machte mir eine detailiertere Schilderung hier weder möglich, noch hätte sie der Überblickbarkeit der Informationsfülle gedient. Man verzeihe mir in diesem Sinne die Rudimentärverweise auf die zugrundeliegenden Quellen. Ich denke dennoch dass ein erster Eindruck der tatsächlichen Themenbreite vermittelt wird und man bei weiterem Interesse schnell fündig wird. Denn keinem anderen Zweck ist diese Übersicht angedacht.

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Das Opfer blót

Ein erster Einblick

Das Opfern war wie in vielen anderen Religionen wie dem Christentum, dem Hinduismus oder den indigenen Großreligionen Mittelamerikas ein zentraler Bestandteil des heidnischen Glaubens. Es verband den Gläubigen mit seinen konnektierten Gemeinschaften wie der Sippe, dem Volk und den verehrten Wesen und Entitäten dessen, was wir heute als Anderwelt bezeichnen könnten. Solch eine Trennung zwischen dem Profanen und dem Mystischen, Magischen und Heiligen war so, wie wir sie heute wahrnehmen, nicht vorhanden. Alles stand in strikter Wechselwirkung zueinander und so kann man selbst die ablehnende Haltung einiges Königs wie Haraldr Hárfagri gegenüber der Magie wohl eher als misstrauisches Empfinden, statt als zweifellose Überzeugung an deren Unwirksamkeit interpretieren. Das Opfer erfüllte nicht nur zu heidnischen Hochfesten, wie beispielsweise Midtsommer- und Midtvinterblót die zentrale Rolle in der versammelten Glaubensgemeinschaft, sondern auch im Privaten, im  Hauskult, besaß es gemeinschaftsbildende Funktionen. Sei es der Toten- und Ahnenkult, welcher das gesamte Gesellschaftsgefüge von der kleinsten Einheit, der Familie ausgehend bis zum König definierte. Sei es der Fruchtbarkeitskult, welcher dem eigenen Land oder Wirtschaftsgegenstand zu besten Erträgen verhelfen und aus Notlagen retten sollte. Oder sei es das Opfer im Zuge kriegerischer Auseinandersetzung, welches den Ausgang der Schlacht zu beeinflussen vermochte und den Körper des Kämpfers vor Schäden bewahrte. Aber auch apotropäische Funktionen konnten erfüllt werden, und sei es nur durch das Verhindern des Zorns und dessen Konsequenzen über das Ausbleiben der Opfergabe. Das Opfer war also etwas vielseitiges, vielschichtiges und für viele  Bereiche des Alltags von Bedeutung. Dennoch muss man sich das Ganze als vorwiegend integrierte Ritualistik vorstellen, welche solchen Aufwand wie bei den großen Königsopfern und Fruchtbarkeitsprozessionen nur als Ausnahme kannte. Der einfache Trinkspruch zählte hier ebenso dazu, wie der Totenschmaus bei der Bestattung des Verwandten, welcher uns bis heute nun als praktikable Tradition und in aller Regel bar jeder spirituellen Konnotation erhalten geblieben ist. Abstrahiert man den Opfervorgang ins Schematische, so lassen sich für ihn regelmäßige zugrundeliegende Prinzipen erkennen:

1. Grundbestandteile eines Opfervorgangs:

Opfernder + Intention Opfervorsteher Opferbegünstigter Opfergegenstand Ritus
Absender, Ausübender und Intentionsträger Auftraggeber, Absender (manchmal identisch mit Opferndem, aber nicht immer) Empfänger, Adressat, das können mehrere sein, je nach Intention. Opfersubstanz, kann auch der Opfernde selbst sein Opfervorgang

2. Der Verlauf des Opfervorgangs[1]:

Einleitung Hauptvorgang
biðja blóta ok dyrka Sóa senda
beten verehren stillen, sühnen, ersticken, töten geben, senden

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Opferformen:

Das Opfer zielte auf verschieden Zwecke ab und bediente sich unterschiedlichster Mittel, von der einfachen Opfergabe einer Speise bis zur rituellen Tötung von Mensch und Tier. Auch der Adressat war ganz gewiss nicht immer ein Gott des nordischen Pantheons. Der Verstorbene war es ebenso, wie der Gott, Elementarwesen ebenso wie Tiere, Naturobjekte und Pflanzen. Die Opferformen lassen sich in die folgenden Kategorien einteilen:

I. Kommunionsopfer

II. Libationsopfer

III. Dankopfer

IV. Bittopfer

IV.II. Notopfer

V. Sühneopfer

VI. Selbstopfer

VII. Begleitopfer

VIII. Besonderheiten

Die Opferformen gehen häufig in einander über, kommen so dann intentional deckungsgleich in einem einzigen Opfervorgang zum Tragen, sie können aber auch einzeln auftreten. Selbst- und Begleitopfer stellen hingegen besondere Formen dar, da sie entweder nur in einem bestimmten Zusammenhang auftreten (Begleitopfer) oder im Opfervorgang als besondere Ausnahme vermutet werden dürfen (Selbstopfer). Die verschieden Formen seien hier nun kurz erläutert.

 

I. Kommunionsopfer

Das Kommunionsopfer vollzog sich in erster Linie durch die Opferzeremonie und die verbundene Gilde. Ziel war zum einen das Speisen mit den Göttern oder Ahnen, d.h. man nahm ihre Anwesenheit an, oder rief jene dazu auf, der Gilde beizuwohnen. Zum anderen darf die Aufnahme der Kraft megin des Opfertieres durch den Speisenden angenommen werden. Das geschah durch Trinken der Siedebrühe und Essen des gesottenen Opferfleisches. Deshalb bestand eine gewisse Wichtigkeit, das Opfertier in gesunder und altersmäßig bester Verfassung vorzufinden. Hinweise darauf geben archäologische Funde wie z.B. Hofstaðir (IS), aber auch die Klagen über den ehrlosen Strohtod, welcher sich durch Zeichnen des Leibes (dem Oðinn) mit einem Speer umgehen ließ[2], da in Präferenz der Krieger bestenfalls in der Schlacht fiel. Hier zeigt sich der Glaube an ein Fortbestehen der Leibeskräfte nach dem Tode.

Vergleichsbeispiel: das christliche Abendmahl und das Reichen der Hostie als Leib Christi

Beispiel für Relikte der Opferspeisung: Julgrütze als Gabe für die Jul-Nissen

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Als Teilform, aber auch als eigenständige Form:

II. Libationsopfer

Trankopfer mit (geweihtem[3]) Trank- Met oder Bier. Man trank auf die Götter, den Ahnen zur Minne[4] und die Gäste. Auch das Weihen des Bodens mit dem Opfertrunk Þullr ist anzunehmen.

Zeitgenössische, oder mittelalterliche Schilderungen:

Gesta Hammaburgensis, Hákon den Godes saga, Olav Tryggvassons saga, Olav II. Haraldssons saga, Eyrbyggja saga, Ynglingasaga

Beispiel für Relikte bei christlichen Festen: Jul-Øl –> das traditionelle Julbier, welches bis ins 20. Jahrhundert in Vorbereitung auf das Julfest gebraut wurde, auch das traditionelle Schlachten und dabei gepflegte Rituale, wie da aufbewahren des Kopfes lassen noch uralte Gepflogenheiten durchschimmern.[5]

Auswahl relevanter archäologischer Fundorte zu I. und II.:

Siedegruben bzw. Feuerstellen, Knochenfunde und rituelle Gefäße mit vermutetem bis gesichertem rituellem Hintergrund: Hofstaðir (IS), Ranheim (NO), Frösö kirke (S), Mære kirke (NO), Borg (S), Uppåkra (S)

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TrinkOpferszene auf schwedischem Bildstein

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III. Dankopfer

Das Dankopfer war eine Opfergabe in Folge einer wertgeschätzten Situation oder eines Geschehnisses dessen Ausgang einer positiven Einwirkung spiritueller Kräfte zugesprochen wurde.

Dankopfer praktizierte man in Folge gewonnener Schlachten, aber auch in anderen Zusammenhängen z.B. guter Erntejahre und als Opfer der persönlichen Hingabe und Treue.

Beispiele für Dankopfer:

–        Zur Treue: Hákon Jarl im Tempel der Þórgerð Hölgabrúð (Færøyinga saga)

–  (in Übereinstimmung mit dem Libationsopfer) zur Minne trinken: Hákon Aðalsteinsfostres unfreiwillige Teilnahme beim Opferfest  zu Lade und Mære (Hákon den Godes saga)

–     In Folge von Kriegen: berühmtestes Beispiel- Die Opferungen der römischen Legionäre in Folge der Varusschlacht[6]

Formen des Dankopfers:

Niederlegung in Gewässern, Mooren, Vergrabungen und Deponierung von Edelmetallen. Aber auch Feindesausrüstung und Waffen nach bewusster Zerstörung oder Beschädigung dieser. Andere Formen wie Schlachtopfer und Gilde sind ebenso denkbar. Schwierig ist diese Form in archäologischer Hinsicht von denen des Bitt- und Sühneopfers zu unterscheiden.

Einige archäologische Fundorte: Vimose (DK), Thorsberg (D), Uppåkra (S), Ranheim(NO), Illerup (DK), Skedemosse (S)

 

IV. Bittopfer

Dieses Opfer diente der Herstellung einer Art vertraglicher Übereinkunft zwischen dem Adressaten und dem Absender zum Erfüllen dessen Intentionen. Das Prinzip des do ut des (ich gebe, dass du gibst). Z.B. opfert Ottar treu der Freya und den Asen, welche daraufhin auch für seine Sache Einsatz    zeigt (Hyndluljóð). Das Bittopfer war ein neben dem Kommunionsopfer fester Bestandteil im Fruchtbarkeitskult. So Opfern die Opferpriester (nach Snorri Diar) zu Uppsala und Sigtuna (Ynglinga saga). Zum großen Midvinterblót werden alle neun Jahre 9x 9 verschiedene männliche Wesen über 9 Tage durch Hängen im heiligen Hain geopfert (Gesta Hammaburgensis). Ganz ähnlich geschieht es zu Lejre, jedoch sind es hier 3 mal 99, d.h. Menschen, Pferde und Hunde statt 72 Opfer (Chronicon Thietmari Merseburgensis). Bei der Verehrung der Nerthus wurde der Wagen zum Ende der Prozession in einen heiligen See gezogen und die Sklaven nach dem Waschen des Wagens dort ertränkt. Nerthus war laut Tacitus die Verkörperung der Mutter Erde Terra Mater (Germania). König Olav wird in seinem Haus verbrannt und dem Oðinn für eine bessere Ernte geopfert. König Domalde wird ebenfalls geopfert, nachdem trotz seiner eigenen Opferbemühungen die Ernten nicht besser werden. König Aun opfert seine Söhne dem Oðinn, damit dieser ihm sein Leben verlängert (Ynglinga saga). Die Opferung von Königen und Königssöhnen muss aber als absolute Letztmaßnahme in schwierigen Situationen verstanden werden.

IV. II Notopfer

Hákon Jarl opfert seinen 7 Jährigen Sohn um die Schlacht bei Hjörungavág durch die Mithilfe Þorgerð Hölgabrúð und ihrer Schwester Irpa zu gewinnen (Jómsvikinga saga). Die Kinds- und Königsopfer zählen, so es sich nicht um feindliche Intentionen handelte, sicher in diese Kategorie. Die schmerzlichen Verluste durch Opfer, aber auch der bisweilen zweifelhaft gesehene Packt mit den ambivalenten und launenvollen Göttern zeigt sich wohl in folgendem Vers der Hávamál: “Besser nichts erfleht, als zu viel geopfert; auf Vergeltung die Gabe schaut[…]“[7]

Archäologische Substanz:

Niederlegungen und Opferfunde wie auch beim Dankopfer als klare Bittopfer zu identifizieren ist bisweilen höchst spekulativ und wenig verifizierbar. Es kommen eigentlich alle Funde infrage, welche aus kultischer Perspektive niedergelegt wurden. Da ein Opfer sicher häufig mehr als nur eine der hier genannten Funktionen erfüllte, trifft die Möglichkeit praktisch für jede Opferniederlegung oder den gefundenen Resten von Opfergegenständen zu.

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V. Sühneopfer

Als Sühneopfer sind Opferintentionen zu verstehen, welche der Besänftigung der Götter dienen sollen um jene wieder wohlgestimmt und zugewandt zu machen. Gleichzeitig sind Sühneopfer auch ein Gabeopfer an die Götter von den Sündigen selbst, also Menschen, welche ihren Wert in der Gesellschaft verspielt haben. Feinde, Rechtsbrecher und Ehrlose sind hier zu nennen.

Archäologische Beispiele lassen sich in z.B. Mooropfern vermuten, wobei auch hier immer, wie am Beispiel der Moorleiche von Grauballe(DK) zu sehen ist, andere Opferintentionen gegolten haben könnten. Diese Form ist von Bitt- und Dankopfern archäologisch nur schwer bis gar nicht zu unterscheiden.

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VI. Selbstopfer

Mit dem Selbstopfer ist nicht nur die freiwillige Hingabe des eigenen Lebens gemeint, sondern in erster Linie der rituelle Tod als Transformation. Das berühmteste Beispiel ist wohl Oðinn, welcher sich seiner selbst opfert um die Runen empfangen zu können (Rúnatal). Die Königsopfer der Ynglingatal können mit Hinblick auf die Funktionsdeckung mit dem Bittopfer auch hierzu gezählt werden.

 

VII. Begleitopfer

Begleitopfer stehen im Zusammenhang mit Bestattungsriten, so wie sie beispielsweise im Reisebericht des Ibn Fadlan beschrieben sind. Als Opfergabe kamen Gegenstände wie Waffen, Schmuck, Kleidung, Nahrung und Geschirr infrage, aber auch Schiffe, Wagen, Schlitten, Zelte, Pferde, Geflügel, Hunde und Menschen. Im Falle der Menschen muss sicher von zwangsweiser Opferung gesprochen werden, trotz dass zum Beispiel bei Ibn Fadlan die Schilderungen keine Ablehnung oder Gegenwehr des Opfers erkennen lassen. Archäologische Funde wie z. B. Lejre, Oseberg und Gokstad verifizieren die Grabbeigaben von Tieren und im Falle Osebergs und Lejre die Beigabe einer oder eines vermutlichen Bediensteten.

Ausblicke:

Hunde scheinen als Begleitopfer eine besondere Rolle zu spielen. Nicht nur, dass sie neben Pferd und Geflügel unter den Tieren eine häufige Erscheinung in Hügelgräben (ohne Brandbestattung) sind, sie hängen auch im heiligen Hain zu Ubsola, ganz gleich dem Wolf neben dem Eingangstor von Vallhall (Grimnismál). Die sogenannten Drachenköpfe von Oseberg, besonders im Hinblick auf die Schlitten, dürften unter einer Betrachtung als Hundsköpfe sicher mehr als nur apotropäische Funktionen hervorbringen, bzw. vielversprechendere Einsichten in diese möglich machen. Nicht nur der Höllenhund ist ja eben ein Hund, wobei sich die Frage stellt, ob Hund und Wolf hier nicht äquivalent zu betrachten sind. Eine plausible Interpretation als Katzenfigur ist mit Hinblick auf die forensische Analyse der Bestatteten aber ebenso möglich.[8]

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Detail am Schlitten von Oseberg. Vikingskipshuset Oslo

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Archäologische Fundestätten:

Oseberg (NO), Gokstad (NO), Rølvsøy (Tune) (NO), Lejre (DK), Åker (NO), Sutton Hoe (GB), Gjermundbu (NO), Vendel (S)

 

VIII. Besonderheiten

Niederlegungen wie Schmuck- und Münzdepots, aber auch Gullgubber und Brakteate kann man hierzu zählen. Es ist bei besonders bei letzteren Gegenständen ein kultischer Bezug klar erkennbar. Dennoch ist eine genaue Intentionszuordnung der Niederlegungen denkbar schwierig. Man hat versucht Teile der Gullgubber-Funde von Gudme, Sorte Muld, Uppåkra und Mære mit einem Freyr-Gerd Kult zu identifizieren, besonders jene, welche ein Götterpaar abzubilden scheinen. Gullgubber (kleine, dünne, motivgeprägte Goldplättchen) fanden sich vor allem in Pfostenlöchern aller Wahrscheinlichkeit nach kultisch genutzten Gebäuden, schon wegen ihrer geringen Größe und Zerbrechlichkeit taugen sie kaum mehr, als zur intendierten Ablage. Sie gelten heute als ein wichtiges Indiz für kultisch genutzte Gebäude. Ähnlich verhält es sich mit Brakteaten, welche zwar grundsätzlich als Schmuck verwendbar sind, deren Wert aber recht hoch gewesen sein dürfte und welche deutlich filigraner gearbeitet wurden. Die Motive und Runeninschriften sowie Swastika-Symbole lassen auf einen religiösen Hintergrund schließen. Neben Deutungen, die in Richtung Oðinn weisen (Gudme), wurden aber auch Vergleiche mit den verschiedenen Reliefs über den Stierkampf des Mithras gezogen. Bei den Schmuck und Münzniederlegungen kann entweder von einem profanen Depot ausgegangen werden, wie im Falle der rund 15 Tonnen gefunden Silbers auf Gotland sicher als vorrangig zutreffend anzunehmen ist, sonst von einer rituellen Niederlegung, aber auch Sicherungsablagen einstiger Tempelausstattung sind denkbar[9].

Archäologische Fundstätten:

Hoen Gård (NO), Gudme (DK), Sorte Muld (DK), Mære (NO), Uppåkra (S), Eketorp (DK), Grisebjerg I/II (DK)

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Brakteat Aus einer Niederlegung in Gamla Uppsala, Schweden

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Priester, Priesterkönig und Godentum

Neben der persönlichen Ausführung von Opfern im Rahmen der Alltagsmagie waren Opfer, wie bereits gesehen auch im größeren Stil angelegt und gemeingesellschaftliche Events. Diesen stand nach jetzigem Kenntnisstand ein Høvding, Großbauer, Jarl oder König vor. Jene ließen das Heiligtum errichten, pflegen und bewirten. Bei festen Orten geschah die Finanzierung dessen, so man den Schilderungen der Eyrbyggja saga Glauben schenken darf, wenigstens im Fall Hofstaðir (IS) via zu entrichtendem Tempelzoll. Opfertiere wurden zumindest in diesem Beispiel, da sie besonderen Wert hatten, entweder explizit gezüchtet, oder von anderen Höfen herbei geführt. Unterstanden ein Heiligtum oder mehrere Heiligtümer einer Gemeinschaft oder Region, oder gab es mangels eines Zentralheiligtumes keinen festen Kultort, wurden die gehaltenen Opferfeste auch in abwechselnder Verantwortung von Hof zu Hof weitergegeben (Olav II. Haralssons saga). In Island unterstanden die Pflege des Heiligtums und das Abhalten der Opferfeste dem Goden, auch von weiblichen Goden gyðjar finden sich Berichte (Hyndluljóð, Landnámabók, Vatnsdæla saga). In den restlichen nordgermanischen Gebieten waren von der Autorität eines Gehöfts bis zum König die Verantwortlichkeiten zu den Kultfesten im Vorstand des jeweiligen Gemeinschaftskreises zu finden. Auch freie magische Interessensgemeinschaften konnten sich bilden, man verfolgte einen gemeinsamen Zweck (Olav Tryggvassons saga). Nach der Ynglingatal waren die ersten Könige Götter und gleichzeitig große Opferer, d.h. sie opferten vermutlich nicht anderen Göttern, sondern vollzogen einen Ritus der diesem oder jenem Zwecke zuzuführen war. Njörðr und Freyr wurden zu Hauptopferpriester von Oðinn ernannt. Es gibt durchaus berechtigte Vermutungen, dass der König als Opferer somit den (halb-, göttlichen) männlichen Part im Fruchtbarkeitsritus, also in der Neubefruchtung der Erde spielte, was einerseits durch die Schilderungen von Yngvi-Freyrs Verheimlichung seines Todes und der sichtbaren Aufbewahrung seiner Leiche angedeutet wird, derer hinzu auch noch alle Steuern beigebracht werden. Andererseits machen unter diesem Blick die Opferungen oder seltsamen Todesumstände der ihm folgenden Ynglinge jedenfalls bis König Aun einen Sinn, stehen doch alle mit mindestens einem Element ihres Ablebens dem Kult in Verbindung. Dies ist sicher nicht historisch zu verstehen, aber als mantischer Prozess plausibel. Die Legende um die Teilung der Leiche Halvdan Svartes, um so in den Teilen seines Reiches weiterhin Wohlstand zu gewährleisten, ist unabhängig der darin verschiedenen Erwähnungen (Fagrskinna und Heimskringla) ein weiterer möglicher Anhaltspunkt für die Verbindung von König(männl.)-Erde(weibl.)-Fruchtbarkeit(Erzeugnis) und wartet in diesem Fall noch auf neue archäologische Untersuchungs-ergebnisse (Stand November 2012). Die eine Betrachtungsweise geht also von der Verantwortlichkeit und Potenz des Königs in Persona über den Wohlstand und Zustand des Landes und Volkes aus, gegenläufige Meinungen können die Opferung der Könige nur als Darbietung der höchsten Kostbarkeit der opfernden Gemeinschaft ansehen, wobei jenes sich nicht gegenseitig ausschließen muss. So darf denn auch darüber spekuliert werden, weshalb es grade männliche Wesen waren, welche durch Hängen in den heiligen Hain, oder an einen immergrünen Baum ihr Leben gaben, bzw. die Opfer in Gewässern und Mooren ertränkt wurden.

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Opfertiere auf einer Níðstöng. Vikingsenter Borg Havn, Dänemark

 

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Kultorte und heilige Plätze

Mannigfach finden sich in theophoren Ortsnamen Skandinaviens Beispiele für kultische Verehrung, aber auch Ortsnahmen ohne Götterbezeichnungen können Hinweise auf einen lokalen Kult hinterlassen, sie stellen jedoch in sich noch keinen Beweis und nur bedingt ein Indiz für einen solchen dar. Beispiele für theophore Ortsnamen sind Gudme (DK), Odense (DK), Frösöy (S), Ullensåker (NO), Þórshavn (FO), Nordehov (NO), Þórsnæs (IS), Helgafjell (IS), Jotunheimen (NO). Grade bei letzerem Beispiel handelt es sich eben nicht um eine alte Bezeichnung, sondern eine Neubenennung zweier Expeditoren von ca. 1820, als man begann, dieses Gebirge erstmals systematisch zu erkunden. Ortsnamen, gebildet mit Orten kultischer Konnotation können beispielsweise sein:

          I. Lund

          II. Akr

          III. Vangr

          IV. Tún

          V.

          VI. Horgr

          VII. Hov

         VIII. Weitere

Jedoch auch hier ist häufig keine klare Beziehung zwischen der Bezeichnung und einem expliziten Kultort zu finden, sondern die Verwendung kann auf die profane geographische Bezeichnung zurück gehen, welche den Wörtern ebenso innewohnt, egal welcher Zeit die Ortsbezeichnung entstammt. Im dänischen Raum finden sich bis heute keine nachweisbaren Verbindungen von Horgr Bezeichnungen und Kultorten. Und auch der Hov ist heute eben häufig nur die Bezeichnung eines Gehöfts und nicht die eines heidnischen Kultgebäudes. Dass es aber auch anders sein kann, zeigen Beispiele wie Hofstaðir (IS). Die Formen werden nun kurz vorgestellt.

I. Lund

Unter Lund ist der heilige Hain zu verstehen, in dessen Bäume Opfer gehangen wurden, in welchem sich eventuell heilige Gegenstände befanden, zum Beispiel stafr und horgr.

II. Akr

Der Acker vermochte unter Umständen ebenso Göttern geweiht werden, gewöhnlich meinte akr den Platz außerhalb des bebauten Umkreises. Es konnte natürlich auch die bewirtschaftete Fläche, also das Feld gemeint sein. Relikte der Fruchtbarkeits-prozessionen mittels eines festlichen Götterzuges, wie man ihn von der Nerthusverehrung bei Tacitus kennt, finden wir auch im christlichen Brauch, in welchem Heiligenbildnisse zur Fruchtbarkeit um das Feld getragen wurden.

III. Vangr

Gleich dem Akr war mit Vangr in aller Regel ein Gelände gemeint, welches sich außerhalb der Wohnsiedlung befand, oder es galt als Platz vor dem Heiligtum.

IV. Tún

Tún bezeichnete hingegen den vorherigen Flurbezeichnungen ein eigenes eingehegtes Gelände, welches mit einem eigenen Zaun oder Wall und einem Zugang versehen war und möglicherweise Sichtschutz bot. Heute ist es in Norwegen die Bezeichnung für den Platz zwischen den Gebäuden auf größeren Höfen. Museumshöfe heißen demnach auch häufig Bygdetun.

Innerhalb des Tún konnte sich andere Elemente kultischer Verehrung befinden, so Horgr und Stafr.

V. Vé

Unter Vé wurde das Heiligtum an sich verstanden. Dies war also ein Gelände gleich dem Vangr, Tún, oder Akr, auf welchem sich aber noch weitere Dinge befanden, also Horgr und Hov, Grabhügel, Hortgruben, Opfergruben und Siedestellen. Auch Prozessionswege sind nachgewiesen worden.

Als besonderes archäologisches Beispiel hat hier das Vé zu Ranheim (NO) zu gelten, welches erstmals eine vollständige Rekonstruktion eines heidnischen Heiligtums in Skandinavien zuließ, und bei welchem die ältesten Elemente ein Entstehungsalter  von ca. 500 vor Christus besaßen.

VI. Horgr

Als Horgr darf ursprünglich ein Steingebilde, eine natürliche Felskante, ein Fels selbst oder eine Felsaufschüttung/ Hügel gegolten haben (z.B. Ranheim). Auch möglich ist, dass es sich beim Horgr um die steinerne Fassungen für den stafr gehandelt hat (z.B. Borg, SE). Der Horgr war aber auch der Opferstein oder eine Steinsetzung selbst, auf welchem das Schlachtopfer vollzogen wurde (z.B. Rossheim, NO; Eketorp SE). Unter der Vorstellung, um den Horgr herum habe sich ein spezielles Gebäude mit eigenen typischen baulichen Merkmalen entwickelt, wurde in der Forschung der letzten zwei Jahrhunderte diese Begrifflichkeit für das Gebäude selbst umgesetzt, sei es ja ohne die kultische Verwendung zwecklos und hätte keinerlei Entstehungsnotwendigkeit. In den letzten 20 Jahren hat man sich begrifflich wieder den Steinformationen zugewandt, was archäologischen Funden, welche unter der Bezeichnung Horgr dessen Platz plausibel für sich beanspruchen, zuzuschreiben ist (Borg, Ranheim, Rossland). Die Debatte hierum ist aber nicht abgeschlossen. Archäologische Evidenz für das Gebäude gibt es jedoch und die Funde lassen auf eine eindrucksvolle Bausubstanz schließen (Ranheim, Uppåkra).

VII. Hov

Der Hov wird wissenschaftlich als das Kultgebäude gehandelt, in welchem, je nach dessen Größe Gilden abgehalten wurden und sich die Tempelausstattung befand. In der Regel ist der Hov ein Langhaus gewesen, welches je nach regionaler Lage, als Grasodengebäude, oder Holzkonstruktion realisiert wurde. Er war nicht grundsätzlich und ausschließlich ein Kultgebäude, sondern konnte auch profanen Zwecken dienen, was zum einen mit der religiösen Strenge der Gläubigen zu tun hatte, zum anderen aber auch mit ihrer wirtschaftlichen Situation. Dennoch gab es Hov, welche ausschließlich zu diesem Zwecke errichtet und während der heidnischen Zeit exklusiv genutzt wurden. Das gilt in besonderem Maße für die Gebäude, welche zeitweilen auch mit dem Horgr bezeichnet werden- eine andere Bezeichnug ist das góðahús oder afguðshús (nicht zu verwechseln mit afhús, welches nur ein Teil des Hov, eine Art Anbau darstellte, welche bei kultischer Verwendung vermutlich mit stallr und stafr ausgestattet war).

VIII. Weitere

Als weitere Stätten kultischer Verehrung können alle möglichen Objekte der Natur infrage kommen. Quellen und Brunnen waren gleichermaßen von kultischem Interesse, wie wir es noch bei den Heiligenquellen des Christentums vorfinden. Berge (z.B. Helgafjell), Moore, verschiedene Gewässer (z.B. Elgestraum), Bäume und Wegkreuzungen konnten ebensolche Objekte der Würdigung, Verehrung oder der Achtung sein, so man hier Schnittstellen zu anderen Existenzebenen sah. Auch die Grabstätten und Grabhügel alter Sippenangehöriger oder Häuptlinge waren als solche Schnittstelle zu verstehen und sind im Kult integriert gewesen (z.B. Ranheim), oder wurden als Tingstätte genutzt (z.B. Raknehaugen).

Das (nord)germanische Heidentum hat seine kultische Verehrung der komplexen Verwebung von Seelen-, Sippenglaube und Naturverehrung im Freien, aber auch in Haus und Tempel gepflegt. Dennoch ist der Tempel hier nicht als Gottes Körper oder als dessen Wohnort zu verstehen, oder ist gar von Tempelkomplexen gleich der antiken Mittelmeerkulturen auszugehen. In Ergänzung an die Existenz vom Kult im Gebäude sei hier deshalb an einen Satz Jakob Grimms erinnert: „Tempel ist zugleich Wald“.[10]

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Tempelausstattungen und Kultgegenstände

Als Tempelausstattung sind neben, nach archäologischen Funden verifizierten zentralen Feuerstellen, Stallr und Stafr als erstes zu nennen. Der Stallr war eine Erhöhung, welcher der Ablage von weiterer Tempelausstattung diente, aber in erster Linie wohl den aufgestellten Götterbildern Tréguð, Trémaðr oder Skurguð.

Der Stafr war als Pfahlgötze zu verstehen und war ursprünglich aus Holz, später auch aus Stein (Rossheim, NO). Er wurde in der Natur aufgestellt, wanderte aber als Götterabbild auch über die Einhegung von Tún in Hov und Afguðshús, laut einiger Schilderungen mit beachtlicher Größe. Pfahlgötzen sind im keltogermanischen Raum bis in die Hallstadtzeit nachweisbar, eines der ältesten Bespiele stellen die Funde aus dem Opfermoor zu Oberdorla (D) dar. Pfahlgötzen kamen aber auch im slavischen Kult vor. Bei Saxo ist zu lesen, das Absalon bei der Vernichtung des Svantevit zu Arkona die Köche auf das gefällte Götterbild einhauen ließ, bis die Stücke so klein waren, dass sie zum Feuermachen verwendet werden konnten.[11] In der mittelalterlichen Literatur ist das Götterbild in aller Regel bei Erwähnungen kultischer Gebäude anzutreffen (Ubsola, Hov des Hákon Jarl und der Tempel zu Gotland, Hov zu Mære, Hov des þórólfr Mosterskegg, osv.) und erscheint bisweilen prächtig geschmückt. Es lassen sich aber auch Hinweise auf Holzgötzen in der eddischen Dichtung vermuten (Hávamál 49; Völuspá 17).

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Stafr eines unbekannten Gottes, Historisk Museum Oslo

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Ein anderes wichtiges Element war der Tempelring auf welchen der Eid abgelegt wurde (Olav Tryggvassons saga, Færøyinga saga, Hávamál 110).

Weiter dürfen Gefäße, mit denen ein Þullr gereicht wurde (Goldbecher zu Uppåkra, SE?), Opfermetall und Opferschädel von Tieren zum Inventar gerechnet werden (Hofstaðir, IS). Inwieweit kleinere, während archäologischer Untersuchung gefundene Götterfiguren zur Kultausstattung gezählt werden können, oder ob es nicht Zier- und Erinnerungsgegenstände waren, also selbst nicht als Objekte der Verehrung genutzt wurden, ist bisher ungeklärt.

Im Hov, der Festhalle oder dem großen Saal, befanden sich die Hochsitze des Hov-Vorstandes und jene für die Gäste. Diese spielen immer wieder eine Rolle, wenn es um die Besiedelung Islands geht. Sie werden mit auf die Überfahrt genommen, ins Meer geworfen und als Gotteszeichen gedeutet, wenn sie an Land gespült werden, somit den vorbestimmten oder optimalen Siedlungspunkt gefunden zu haben (Landnámabók). Man hat mehrfach diskutiert, ob Pfahllöcher, in welchen man Gullgubber gefunden hat, nicht Hinterlassenschaften von Hochsitzen gewesen sein könnten, was deren Relevanz im Kult wiederspiegeln würde.

Auch die Erde unter dem Kultgebäude wird bisweilen als heilig angesehen. Þórólfr Mosterskjegg nimmt sie mit nach Island, als er vor Haraldr Hárfagri flieht (Eyrbyggja saga).

Schlussbemerkung des Verfassers:

Sicher ist bei allen mittelalterlichen Schilderungen immer die Historizität in Frage zu stellen und auf archäologische Evidenz zu hoffen. Inwieweit die ein oder andere Darstellung (z.B. die Tempelerde) der literarischen Schöpfung anheim zurechnen ist, muss im Einzelfall erwogen werden.

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Bestattungsritus

Die Bestattungen im heidnischen Nordeuropa hatten im Laufe ihrer Entwicklungen bis zum Einzug des Christentums, wo Menschen in aller Regel auf dem Kirchhof bei einander bestattet wurden, mannigfaltige Formen. Ein gutes Beispiel für diesen Wandel sind die Grabhügel zu Jelling von Gorm dem Alten und seiner Frau Tyra, welche in imposanter Größe die Kirche des Ortes umschließen. Als man die Hügel Anfang des 20. Jahrhunderts untersuchte, fand man keinerlei Inhalt. Dahingegen wurden in der Kirche (welche auf den Grundfesten einer älteren Holzkirche errichtet wurde) Skelette gefunden und man geht heute davon aus, dass Haraldr Blátann, der zum Christentum konvertiert war und die erste Kirche vor Ort errichtete, seine Mutter und seinen Vater exhumieren und umbestatten ließ. An vielen Orten lässt die Lage der Bestatteten eine gewisse Aussicht auf den Glauben jener zu. Es gibt aber auch Gegenbeispiele: so wurde Hákon Aðalsteinsfostre bei seinem Tod nach der Schlacht zu Fitjar trotz seines treuen Glaubens an die Lehre Christi nach heidnischem Ritus mit Waffen bestattet und erhielt ein entsprechendes Hügelgrab (Seim, NO). Man kann also nicht immer auf den Glauben des Bestatteten schließen, dagegen aber auf den Glauben der Bestattenden.

Aus der Stein- und Bronzezeit sind uns Steinaufschüttungen Gravrøyser, teils als ganze Felder erhalten. Auch Dolmengräber finden sich in Südskandinavien und Dänemark, in Norwegen sind sie auf wenige Exemplare beschränkt (z.B. Skjeberg). Sie können als Vorform der Hügelgräber gesehen werden, da die Dolmen in aller Regel mit Stein und Erdaufschüttungen zum Hügel geformt wurden, welcher allerdings begehbar war und mehrere Kammern beinhalten konnte. Ab der späten Bronze- und Eisenzeit kamen dann zu den gewöhnlichen Hügelgräbern, also ohne Dolmenberahmung, Schiffssteinsetzungen hinzu, welche bis zur Einführung des Christentums in Gebrauch waren (vor allen Dingen in Schweden und Dänemark, was seinerzeit Viken im Oslofjord in gewissen Perioden mit einbezog). Ein paar Beispiele hierfür sind Ystad (S), Gnisvärd (S), Lindholm Oje (DK), Jelling- die bis jetzt größte bekannte (DK). Für Norwegen sind Schiffssetzungen nur in geringem Umfang belegbar (Sarpsborg, Elgesem und Ullerøy, Thingvoll). Hier können seit der frühen Eisenzeit aber Steinkreissetzungen nachgewiesen werden (bisher rund 400), welche als Brauch ebenfalls bis mindestens zu Beginn der Vikingerzeit in Benutzung waren (z.B. Bilden vestre, Borge, Hauger, Fjøsviken) und wie bereits erwähnt weitere Funktionen erfüllt haben können. Mit diesen Steinsetzungen waren vor allem Brandbestattungen verbunden. Von der Bronzezeit bis in die Eisenzeit finden sich in Gräbern Überreste von Brandbestattungen in Urnen (Gudme u. Bjerregård (DK), Kakkelhaugene (NO)). Ab der Eisenzeit bis in die Merowingerzeit sind in Skandinavien und Dänemark Brand- und Ganzkörperbestattungen zwar gleichermaßen nachweisbar. Die Präferenz bis über das Ende der Völkerwanderungszeit hinaus lag aber noch bei der Brandbestattung. Die größten Grabhügel Norwegens beispielsweise (Jellhaugen und Raknehaugen) weisen Brandspuren auf. Auch die bisher untersuchten Königshügel zu Gamla Uppsala wurden für Brandbestattungen genutzt. Es finden sich in jener Epoche aber ebenso Ganzkörperbestattungen (Snartemo und Veien (NO), Engly und Dybdal Ralleje (DK), Vendel (S)). In der Vikingerzeit unterlag es vermutlich entweder dem Brauch der Region, oder einer spirituellen Präferenz, welche Form der Bestattung man wählte. Die Schilderungen des Ibn Fadlan stellen jedenfalls nur eine mögliche Form der Bestattung dar.

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Steinkreissetzung von Bilden Vestre, Norwegen

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Mögliche Gründe für die Wahl der Feuerbestattung können das Verhindern der Wiederkehr des Toten- der draugr darstellen, oder sie dienten der Reise der Seele. (Hier zeigt sich im Übrigen in nur einer von vielen Weisen die Glaubensvorstellung, das Leben ende nicht mit dem Tod. Jener war nur einer der Wendepunkte im Verlauf der gesamten Existenz. So war das Grab eben auch Wohnstätte, zog der Gefallene nicht nach Vallhall– z.B. Edda: Hjalmars Sterbelied; Balders Träume). Möglich ist auch, dass es sich in fremden und unsicheren Gefilden nicht besonders anbot, einen ausgestatteten Hügel zu errichten, welcher dann Plünderungen und ähnlichem ausgesetzt gewesen wäre. Bootsbestattungen, wie sie von Tune, Oseberg und Gokstad (NO) bekannt sind, dürften ihre Imagination in eben jenen Schiffssteinsetzungen gefunden haben. Am Beispiel Jelling ist zu sehen, dass Hügelgrab und Schiffssetzung gleichermaßen möglich waren, mangelte es einem Schiff aus Holz. Auch die Niederlegung mehrerer Personen in einem Schiff war möglich wie an den Beispielen von Salme (EST), Scar (GB) und Hedeby (D) zu sehen ist, bei denen es sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht um Bedienstete einer beerdigten Hauptfigur handelte.

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Kleiner Ausblick in interessante Nebengewässer

Häufige nummerologische Elemente

Beim Lesen zeitgenössischer Texte, der Sagas und der eddischen Dichtungen fällt doch immer wieder die häufige Verwendung gewisser Zahlen auf. Im Folgenden sind die zwei häufigsten nebst ihrer Teiler kurz dargestellt und ihre Quellen beziffert. Man darf spekulieren, ob und welche Rolle sie spielten.

3, sowie 3er Potenzen:

Dreierpaare in den Sagas: (Ynglingatal) Oðinn-Njörðr-Freyr; Kong Aun opfert 3mal 3 seiner Söhne und verlängert 3mal sein Leben; Freyrs Tod wird 3 Jahre lang verheimlicht, hierzu ist er aufgebahrt durch 3 Fenster zu sehen.

In Chroniken: (Gesta Hammaburgensis) Þór-Oðinn-Freyr

Dreierpaare in Dichtungen: Woðen (Oðinn)-Villi-Ve; Oðinn-Hönir-Lodur; Fenrir-Jörmungandr-Hel; Urd-Verdandi-Skuld; Baldr-Vidar-Vali, 3 Wurzeln Yggdrassils, Midgarðr-Weltmeer-Utgarðr, Auðhumbla-Ymir-Buri.

Einige archälogische Beispiele: Triskele und Walknut[12]

Triskelen auf Bildsteinen in Gotland: Lärbro Tängelgårda I; Smissten; Helvi

Triskelen auf dem Oseberg Bettpfosten, als wiederkehrende Stilelemente auf den Oseberg-Schlitten.

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Triskelenzierde auf dem Oseberg-Schlitten. Vikingskipshuset Olso

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9, sowie 9er Potenzen:

Einige schriftliche Quellen:

Gesta Hammaburgensis (Opfer zu Ubsola), Heimskringla/ Ynglingasaga (Snorri schreibt vom 10. Jahr bei Kong Aun, 9 Jahre plausibler?); Chronicon Thietmari Merseburgensis (die Opferungen in Lejre); Stentoftsteinen 600 ek.

Weiteres:

einige kreisförmige Steinsetzungen, z.B. Bilden vestre (NO), eine Grabstätte aus 9 Menhiren ca. 600-700 ek, weitere Funktionen als Þingplatz oder Kalendarium möglich.

ausgewählte Dichtungen:

Rúnatal – 9 Nächte hing Oðinn am Baume, 9 Lieder lernte er; Fjölswinnlied – 9 Schlösser verbergen die Waffe Läwatein im eisernen Schrein, 9 Töchter sitzen bei Menglöd; Rigsþula – Heimdallr schläft bei 3 Paaren (zu dritt im Bett). Aun und Edda bekommen 9 Töchter und 12 Söhne, Karl besitzt 12 Kinder, Jarl 9 Kinder und 18 Höfe. Heimdallr selbst stammt von 9 Riesentöchtern; Skirnismál – Gerd nimmt nach 9 Nächten Freyr zum Mann; Njörðr und Skaði wohnen 9 Tage im Gebirge und 9 zur See; Wafþrudnismál – Wafþrudnir zog durch 9 Heime bis Hel; Gylfaginning – Yggdrasil besteht aus neun Hauptwelten, Niflhel aus wiederum 9 Welten… etc.

Man beachte, dass es nicht klar ist, welche genaue Rolle die Nummerologie spielte und ob sie sich auf diese Zahlen, oder welche Zahlen auch immer beschränkte. Ebenso ist nicht klar, welche Charakteristika man den einzelnen Zahlen zuordnete, darüber lässt sich nur spekulieren. In den Fällen dichterischer Abfassungen dürfen wir sicherlich recht häufig von rein stilistischen Zahlenkreationen ausgehen.

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[1] nach Näsström, Mari. Blot. Oslo 2001. S. 32

[2] Ynglinga Saga: Njörðr weiht sich selbst dem Oðinn; Egil Skallargrímssons Saga: Egil klagt an seinem Lebensende leidlich über die Schmach des kraftlosen Alters.

[3] Hákon den Godes Saga: Als Hákon das Kreuz über dem þullr macht wird er durch Sigurd Jarl entschuldigt, er habe den Trank dem Thor durch ziehen eines Hammers geweiht. Historisch ist dies sicherlich nicht zu belegen, aber immerhin zur Kenntnis zunehmen.

[4] Ebd.

[5] Hodne, Ørnulf. Jul i Norge. Oslo 1996. S.12-15

[6] Tacitus. Annales. in: Dr. Rosenfeldt, G. Die Varusschlacht. Hamburg 2006. S.10

[7] Gezmer, Felix. Die Edda. Hávamál. Kreuzlingen/ München 1981/ 2006. S.176

[8] Die ältere der beiden Toten wies Hypertrichose auf, was in Anbetracht ihrer herausragenden Stellung äußerst seltsam anmutet. Auch die Tatsache, dass sie auf Grund eines Tumors zeugungsunfähig war entkräftet die einstigen Vermutungen, sie sei Königin Ása- Mutter von König Halvdan Svarti. Verstehe man die Tierskulpturen aber als Katzen, so wie einige der Tiergravuren auf den Schlitten vermuten lassen,  so lasse der Fund den sozialen Rang plausibel erscheinen. Die Bestattete könnte eine Seherin Völva/ Spákona gewesen sein. Man vergleiche die Schilderungen der Eirikssaga. Gewiss haben sich hier Elemente erhalten, welche trotz aller literarischen Ausschmückung nicht der Fiktion entsprungen sind. Die begleitete soziale Funktion der Bestatteten kann in jedem Falle nicht hoch genug eingeschätzt werden.

[9] Charlotte Fabech. Centrality in Old Norse mental landscapes. In: Andrén, Anders, Kristina Jennbert, Catharina Raudvere. Old Norse religion in long-term perspectives.Lund 2006. S. 28

[10] Grimm, Jakob. Deutsche Mythologie. Göttingen 1844. S. 59

[11] Saxo Grammaticus. Gesta Danorum. Liber XIV. Valdemar.

[12] Als Ergänzung: Swastikas scheinen ebenso eine bedeutendere Rolle gespielt zu haben, ob sie in Verwandtschaft zur Triskele als einander abgewandelt oder als autochthon zu betrachten sind, ist nicht geklärt- dass sie jedoch mehr als ein Zierelement gewesen sein müssen, zeigen der Teppich von Gokstad, die häufige Verwendung auf Brakteaten und auch die Gravuren auf Waffen und Runenritzungen. Ihre Rolle ist nicht besonders gut untersucht, sie sind aber mit der Triskele sicher nicht gleichzusetzen.

Bilderquellen:

König Domaldes Opferung: Halfdan Egedius

Gotischer Runenstein: Berig; CC Licence 3.0                                                   http://en.wikipedia.org/wiki/File:Drinking_scene_on_an_image_stone.jpg

Níðstöng: Ktp72; CC Licence 3.0                                                                       http://da.wikipedia.org/wiki/Fil:Offerdyr,_Bork_vikingehavn.jpg

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