Mit dem Fahrrad in die Eisenzeit

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Artikel von Björn Griebel

Im Zuge unseres einmonatigen Vorbereitungsaufenthaltes auf die kommende Reise, haben Johanna und ich die Gunst der Stunde genutzt und den Olavsweg auf 40 km mit dem Fahrrad erkundet. Direkt an unseren Bauernhöfen und der kleinen Pilgerherberge unserer Hosts vorbei führt der alte Pilgerpfad durch Jevnaker am Randsfjord hinauf ins Hadeland und weiter in Richtung Gjøvik und den Mjøsasee. Die Teststrecke sollte uns einen ersten Eindruck von den geographischen Gegebenheiten vermitteln und zudem einen freien Tag mit viel Sonnenschein versüßen. Was uns bei Beginn noch nicht bewusst war, ist die Tatsache, dass dieser Teil der Strecke zwar optisch ein Traum ist, doch trotz der für Norwegen geringen 500 bis 600 Höhenmeter dennoch nicht zu unterschätzende Sportlichkeit abverlangt. Das Hadeland ist mit seiner almgleichen Landschaft eine Kette von Hügeln in welcher Berge und Täler sich eng aneinander reihen. Auf eine steile Senke folgt somit augenblicklich eine ebenso steile Steigung. Ob zu Fuß oder auf dem Rad, der Weg bietet in jedem Fall ein glänzendes Muskeltraining.

Nicht nur die Beschilderung des Olavsweges ist ausgezeichnet, in Anbetracht der Tatsache, dass hier gleich mehrere Olavswege nach Norden führen. Auch der historische Reichtum der Gegend ist überall spür- und sichtbar. Schon immer waren Ringerike und das Hadeland eine reiche Landschaft. Selbst in Zeiten wie dem 5.und 6. Jahrhundert, als Norwegen von Hunger und Knappheit geplagt war, lassen sich für diese Region Zentren des Wohlstands konstatieren. Dies hat mehrere Gründe. Zum einen ist die Senke zwischen der Nordmark, dem Soknedalen und der Region Toten mit einer besonderen vulkanischen Geologie beschenkt, welche allzeit fruchtbare Böden und somit gute Ernten hervorbrachte. Zum anderen hatte die Region bis in die ältesten Zeitalter eine geographische Schlüsselposition inne. Hier treffen die bis nach Valdres und Hemsedal reichenden Gewässer mit dem Drammenselva (Elva norw. für Fluss) in kurzer Distanz zum Oslofjord aufeinander. Die Wege, welche von Trondheim und dem Vestland kommend über die Nordmark und den Krogskogen auf Oslo treffen, sind hier stets leicht passierbar gewesen. Die Gewässer wurden bis in die Wikingerzeit von Schiffen genutzt, welche von Viken im Oslofjord über den Drammenselva und den Randsfjord nach Åker hinauffuhren. Auf dem Kjølvegen wurden sie dann über Land zum Einarvatnet und weiter zum Mjøsasee gezogen. Später nutzen Flößer die Flüsse und Seen zum Transport der reichen Holzernten aus den anliegenden Wäldern. Auch vom Hallingdal und dem Krøderen wurde Holz hinunter in die Sägewerke und Papierfabriken getrieben. Politisch und wirtschaftlich wichtige Zentren entstanden so rund um dem Tyrifjord und das Hadeland hinauf. Als erstes ist hier sicherlich Veien nordwestlich von Hønefoss zu nennen, welches bis ins 4. Jahrhundert das wichtigste Machtzentrum der Region darstellte. Der Name Veien bedeutete seinerzeit soviel wie Heiligtum auf der Wiese. Hier befindet sich ein Gräberfeld aus 107 Hügelgräbern, darunter mehrere reich ausgestattete Häuptlingsgräber, sowie eine große Königshalle aus der älteren Römerzeit (ca. 0 bis 400 n.Chr.), welche vermutlich im 4. Jahrhundert nieder brannte. Jene wurde modern adaptiert und im Jahre 2005 als touristische Attraktion zum Museum ausgestaltet. Hringariki wirbt stolz mit seiner vorchristlichen Historie und dem archäologischen Reichtum der Region.

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Blick über das Hadeland, Gran Kommune

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Unsere Fahrradtour beginnt nordöstlich von Jevnaker am Stortjernet und windet sich durch die Hügel in Richtung dem Pilgerzentrum Granavollen hinauf. Es ist ein wundervoller Anblick, wo die satten Kornfelder sich um die weit gestreuten Höfe herum betten. Himbeerrote Speicher und Scheunen kontrastieren die gelben Weizenäcker, Pferde grüßen die Wanderer am Koppelzaun mit zugewandten Blicken. Hin und wieder wechseln die romantischen Bauerngehöfte mit dichten, sattgrünen Fichtenwäldern. Ein Idyll- ganz ohne Frage. Nach gut 20 Kilometern erreichen wir das malerisch auf einem Hügel gelegene Granavollen mit den Geschwisterkirchen und dem angeschlossenen Pilgerzentrum. Hier finden die Wanderer auf ihrem Weg nach Nidaros Unterkunft und Verpflegung, oder einfach die typisch norwegische Waffel mit Erdbeermarmelade und einer Tasse gutem Kaffee. Der Pfarrer ist überaus freundlich und Pfarrer mit Leib und Seele. Alles scheint besonders liebevoll gestaltet und von hausgemacht, übertriebene Selbstinszenierung oder ausladenden Kitschverkauf sucht man hier vergebens.

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Søsterkirkene og Pilegrimsenter Granavollen, Gran Kommune

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Einen Besuch der Kirchen sollte man keinesfalls aussparen. Entgegen der traditionellen Holzbauweise des norwegischen Hochmittelalters sind diese Kirchen aus Stein errichtet. Die Mariakirka wurde vermutlich zu Beginn des 12. Jahrhundert gebaut. Eine Sage berichtet, dass die zweite Kirche- die Nikolaikirka gleicher Zeit gebaut wurde, da zwei zankende Schwestern, welchen die Kirchen gehörten, jeweils auf ihre eigene bestanden. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass entweder Kapazitäten sich erschöpften, oder dass die Kirchen unterschiedliche Funktionen erfüllten. So könnte die eine als Grans Gemeindekirche, die andere hingegen dem Großgemeindebezirk Hadeland bestimmt gewesen sein. Die Mariakirka war jedenfalls fertig gestellt, als die Nikolaikirka hinzukam. So alt und anmutig sie auch seien mögen, sie sind dennoch nicht das älteste christliche Zeugnis vor Ort. Hinter der Mariakirka befindet sich ein Runenstein aus dem 11. Jahrhundert. Jener ist Zeugnis einer Zeit in der das Christentum sich in Norwegen bereits fest etablierte. “Synir Aunar rykiu reistu (ep)tir Aufa bróðdur sinn. Hjalpi Gud sál Aufa. Auns Söhne errichteten den Stein für Aufa, ihren Bruder. Gott helfe Aufas Seele.

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Runenstein hinter der Mariakirka, Gran Kommune

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Laut dem großen Meilenstein sind es von hier noch 533 Kilometer bis Nidaros. Folgen wir diesem Pfad nun weiter nördlich in Richtung Tingelstad, begeben wir uns gleichermaßen weiter zurück in Norwegens Geschichte. Die Landwege sind gesäumt von uralten Grabanlagen aus tiefheidnischen Tagen. Rundherum wo man auch hinblickt, findet man Hügelgräber, welche zu einer Zeit errichtet wurden, da an Vikinger noch lange nicht zu denken war. Jene sind alles andere als eine Ausnahme in dieser Region. Mancher Bauer hatte sein Kreuz mit den runden Erdhöckern, liegen sie doch in aller Regel gut sichtbar auf den freien Agrarflächen und in einigem Abstand zu einander. Neben glaubensbedingten Hindernissen stand dem Abriss der Hügel dann auch der historische und archäologische Wert im Wege. Alle Grabhügel sind per Gesetz automatisch befriedet und so blieb und bleibt den Bauern des Landes nur die Möglichkeit, ihre Felder geduldig um sie herum zu bewirtschaften. Dennoch ließen sich in manchen Fällen einige Bewohner der Region es sich nicht nehmen, dem Inhalt nachzuspüren. So wurden etliche Grabhügel Opfer von Grabraub und viele archäologische Schätze gingen unwiederbringlich verloren.

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Kakkelhaugane Tingelstad, Gran Kommune

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Davon betroffen sind zum Beispiel einige der Grabhügel von Dvergsten. Hier sind sogar noch die Spuren eines einstigen Raubschachtes sichtbar. Dennoch wurde in den übrigen Gräbern wertvolle archäologische Substanz gefunden. Hierzu zählen Waffenteile wie Speer- und Pfeilspitzen, ebenso wie Pferdeausrüstung, Bronzeschmuck und Knochenkämme. Auch in den Kakkelhaugane nahe  Tingelstad sind wervolle Funde, wie Bronzespangen und Schmuck gemacht worden. Von ganz besonderer Bedeutung sind allerdings die Funde von Hilden Nordre. Hier wurde neben römischen Bronzegefäßen auch ein römischer Schwertscheidenbeschlag gefunden. Dass sich auch in anderen Gräbern Überreste römischer Ausrüstung fanden, zeigt nicht nur die ausgezeichnete Anbindung des Hadelandes an den Rest Europas in frühester Zeit, sondern kann auch als Beleg für den weiten Einfluss Roms gesehen werden. Nicht alleine der Warenhandel in den Süden blühte. Einige Bewohner der Region dienten in römischen Legionen als Kämpfer. Die Bezeichnung Hadeland (von haðar altnord. für Krieger) kommt also nicht von ungefähr.

Ein weiterer Schatz verbarg sich in den Hügeln des Hadelandes. 1924 wurde in Grindvoll Norwegens größter Bronzefund von der 11 jährigen Ragna Berg beim Spielen auf dem Acker vor Vestby Gård gefunden. Ihr Vater Edvard und ihr Bruder Karl bargen den Schatz, welcher neben einem Halsring, Schmuckperlen und Bronzenadeln aus den zwei berühmten Bronzeböcken bestand. Jene wurden rund 700 v.Chr. sowie 500 v.Chr. in Südeuropa produziert und stehen heute als Symbol für die große interregionale Bedeutung Hadelands in ältester Zeit. Man geht davon aus, dass es sich bei den Niederlegungen um Opfergaben an Fruchtbarkeitsgötter, wie zum Beispiel Nerthus oder Ullr gehandelt haben könnte. Die Böcke können heute im historischen Museum von Oslo bewundert werden.

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Natur- og Kultursti im Hadeland. Hier präsentiert sich die Region historisch.

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Das Aushängeschild Hadelands und Ringerikes sind ihre reiche Geschichte. „La oss støtte ildsjelene.[…] Her ligger Halvdanshaugen og skatter fra folkevandringstida, jernalderen og enda eldre tider.[…] Vi har ildsjeler […].“ Lasst uns die Feuerseelen unterstützen…Hier liegen der Halvdanshügel und Schätze aus der Völkerwanderungszeit, dem Eisenzeitalter und noch älteren Zeiten…Wir haben Feuerseelen. So jedenfalls sah es Bjørn Hofset in seiner Kolumne in der Regionalzeitung Ringerikesblad. Die Geschichte ist Identitätsmarke und gewiss auch Kapital. Ein Kapital, dass entdeckt werden kann. Viele der Fundstätten des Hadelandes kann man in wunderschöner Landschaft auf dem sogenannten Natur- og Kultursti erkunden. Er folgt dem Olavsweg von Granavollen bis Brandbu an der Røykenvika und schwenkt dann in Richtung Grinaker und Tingelstad. Auch wir folgen diesem Weg und erreichen nach einem langen, lehrreichen und körperlich fordernden Tag wieder unseren Hof Kårstad. Beim abendlichen Middag in der Sonne vor dem Haus bemerken wir, dass sich auch hier drei Grabhügel aus der Bronze- und Eisenzeit befinden. An dem größten der Hügel surren Bienen um ihren Stock und bedienen sich am Nektar der Wiesenblumen, welche auf ihm wachsen. Und so bestellen auch wir das Feld am nächsten Tag geduldig um die alten Erdhöcker herum. Denn so ist es nun einmal üblich im (grab)hügeligen Hadeland.

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Quellen:

Artikel Ringerikesblad: http://www.ringblad.no/misc/sider_uten_gyldig_kategori/article666386.ece

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2 Gedanken zu „Mit dem Fahrrad in die Eisenzeit

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