*Der schlaue Runenstein- Praktiken zur Behandlung und Handhabung von Krankheiten und Alltagsproblemen

urtemedisiner_fra_apoteket_Ørnen_ved_GlomdalsmuseetArtikel von Ornella Maggi

Unter Volksmedizin verstehen sich medizinische Praktiken abseits der anerkannten medizinischen Lehre. Zusammengesetzt sind sie aus Aberglauben, Kräuterheilkunde, Beschwörung, Mystik und ärztlicher Kunst. Die Wertvorstellungen der damaligen Zeit hatten natürlich Auswirkungen auf das Verständnis von Krankheitsursachen und Heilung. Magisches Handeln wird oft in Verbindung mit der Volksmedizin gesehen. Dieses Handeln war schon in vorchristlicher Zeit sehr verbreitet und mit dem Christianisierungsprozess vermischten sich einige Auffassungen des Volks-glaubens und der Mythologie mit denen des Christentums.

Allgemein sind nur sehr wenige Schriftquellen diesbezüglich vorhanden; ein Beispiel wären die Merseburger Zaubersprüche aus dem 9. Jahrhundert. Später wurden solche Sprüche gekürzt oder auch christlich umgedeutet. Die schriftliche Überlieferung heidnischer Bräuche wurde dadurch erschwert, dass sie von den universitären und kirchlichen Institutionen abgelehnt wurden.

Die Wichtigkeit der Magie wurde schon angesprochen, doch ist es schwierig, eine eindeutige Definition für die Magie zu finden. In Leander Petzoldts Buch Magie (2011) heißt es „Magie lässt sich zunächst ganz allgemein als eine psychische Reaktion des Menschen auf seine Umwelterfahrungen bezeichnen, die darauf zielt, diese Umwelt in einem bestimmten Sinn zu beeinflussen.“[1] Dies geschieht meist mit Hilfe von Beschwörungen, Riten und Zauberei. Die Magie an sich ist zunächst neutral und erhält ihre Bedeutung durch die Intention des Benutzers, so kommt es zur Aufteilung in Weiß- und Schwarzmagie. Die Ziele der Weißmagie sind gut und heilend und sie hat einen Nutzen für ein oder mehrere Mitglieder einer sozialen Gruppe, ohne anderen einen Nachteil zu verschaffen. Sie ist also nicht egoistisch motiviert. Zu ihr gehören hauptsächlich der Fruchtbarkeitszauber, Heil- und Schutzzauber. Schwarze Magie ist egoistisch motiviert und zu ihr gehört der Schadenzauber. Die Hexenpraktiken wurden auch im Zusammenhang mit schwarzer Magie gesehen. [2]

Richard Kieckhefer, Professor für Religion und Geschichte an der Northwestern University in Evanston, Illinois, ist der Meinung, die Beziehung zwischen Zauberei und heidnischem Kult im Norden könne nie ganz erfasst werden. In den Sagas sei die Magie nicht eng mit der Verehrung von Göttern verbunden und bei magischen Handlungen komme es zwar zur Erwähnung der Götter, selten werden sie aber direkt angesprochen. Das heißt, dass in Skandinavien Berührungspunkte zwischen heidnischem Götterkult und Magie bestehen, die zwei Bereiche jedoch nicht selbstverständlich gleichgesetzt werden können. [3]

Die Magie war seit jeher ein Teil der Menschheit. Zu Zeiten, in denen es den Menschen an wissenschaftlichen Erklärungen mangelte, wandten sie sich an höhere Mächte. Geschehnisse wurden auf die Kräfte der Natur zurückgeführt und es wurde versucht, Dämonen und Geistern mit Ritualen oder auch Gebeten entgegenzuwirken. Somit konnte ein Gefühl von Sicherheit wieder hergestellt werden.[4] Krankheiten wurden oftmals als eine von Gott auferlegte Strafe bezeichnet, aber auch Trolle oder Hexen wurden für unangenehme Lebenssituationen verantwortlich gemacht.

Traditionelle Volksmediziner bezeichnete man in Norwegen als kloke folk, das waren hauptsächlich Männer. Ihre Rolle war an übernatürliche Kräfte geknüpft und sie wurden oft als Kontaktperson zu einer Übernatürlichen Welt gesehen. Naturlegene, also Naturärzte, waren in der Regel Frauen, die sich die Eigenschaft zur Heilung vor der Hochzeit aneignen. Sie beschäftigten sich mit der Behandlung weniger ernster, alltäglicher Krankheiten mit Pflanzen und kleinen magischen Tricks.[5]

Sehr wichtig in dem Kontext alternativer Behandlungsmethoden zu nennen sind die svartbøker. Die meisten dieser Bücher stammen aus dem 19. Jahrhundert. Sie sind handgeschrieben und enthalten medizinische Ratschläge und magische Schriften. Ab und zu sind auch okkulte Beschwörungen zu finden, um in Kontakt mit dem Teufel oder Dämonen zu treten. Es ist also weiße und schwarze Magie vorhanden, doch hauptsächlich beschäftigen sich die Bücher mit der Heilung von Krankheiten von Mensch und Tier und dem Schutz vor Unglück. Der Inhalt variiert sehr, er ist abhängig vom jeweiligen Autor und es gibt nicht einen festen Typ svartbok. Auch wenn gerade in norwegischen Büchern schwarze Magie nur sehr selten vorkommt, ist es dieser Teil der Magie, der den Büchern seinen Namen verlieh. Oft ist auch von schwarzen Seiten mit blutroter Schrift die Rede.[6] Das älteste svartbok ist das vinjebok, von circa 1400. Wahrscheinlich wurde es von einem Priester geschrieben und neben Formeln und ärztlichen Ratschlägen gibt es elf Hymnen an die Jungfrau Maria in diesem Buch.[7]

Viele volksmedizinische Traditionen wurden von Johan T. Storaker gesammelt und niedergeschrieben. Zu allen möglichen Krankheiten und Beschwerden sind in seinem Buch Sygdom of Forgjørelse i den norske Folketro teils sehr skurrile Ratschläge notiert. Einem stummen Kind solle man beispielsweise mehrmals mit einem lebenden Fisch oder nassen Lappen ins Gesicht schlagen. Aus Leinstranden, südlich von Trondheim wurde dokumentiert, dass es helfen solle, einer geschlachteten Kuh die Eingeweide zu entnehmen, um die stumme Person eine Weile in dem Körper verharren zu lassen.[8] Auch durchaus gefährliche Ratschläge sind enthalten, so wie das Entfernen von Fremdkörpern im Auge mit Hilfe eines Messers.[9] Es finden sich außerdem viele Methoden, um eine Blutung zu stillen. Bei Nasenbluten reiche es wohl, einen Draht um seinen kleinen Finger zu wickeln. Bei kräftigen Blutungen beriefen sich die Betroffenen auch auf die Bibel und das Herbeirufen der Dreifaltigkeit. Des Weiteren fand das Auschschreiben oder –sagen der Sator-Formel Verwendung, auch de fem satans linjer, also die fünf Zeilen des Satans, genannt:[10]

            SATOR

            AREPO

            TENET

            OPERA

            ROTAS

Außerdem wurden Haare und Fingernägel als Zwischenträger einer Krankheit gesehen. Deswegen wurden sie oft abgeschnitten und waren Teil verschiedener Praktiken, die das vergraben unter der Oberfläche, um die Krankheit loszuwerden. Es galt der Grundsatz des pars pro toto, also dass jeder Partikel ein Teil eines Ganzen ist und somit die Fingernägel oder Haare symbolisch für die Krankheit standen.[11] Andere Heilmittel waren Weidensaft, Kamille, Kampferöl, Johanniskraut oder Opodeldoksalbe, eine Mischung aus Seife, Kampfer, Rosmarin und Thymian.

Auch wenn zu erkennen ist, dass die Volksmedizin nicht immer gutherzig oder menschlich war, lässt sich sagen, dass die Grenze zwischen Volksmedizin und damaliger etablierter Handlungen nicht sehr stark ausgeprägt ist. Beispielsweise beruht die 4-Säfte-Lehre von Hippokrates und Galens auch hauptsächlich auf Spekulation und der Aderlass war eine Praktik, die noch bis 1900 durchgeführt wurde. Viele Volksmediziner wurden verachtet und an Frauen haftete schnell der Ruf einer Hexe. Mor Sæther, eine der berühmtesten Anwenderinnen alternativer Medizin in Norwegen war eine von ihnen, die mehrere Male wegen Quacksalberei angeklagt wurde. Das kvakksalverlov von 1794 verbot es Personen ohne anerkannte medizinische Ausbildung Kranke zu Hause zu behandeln.[12]

Nichtsdestotrotz war die Menschheit schon immer von magischen und mystischen Handlungen fasziniert und bis in die heutige Zeit ist die alternative Medizin ein weites Feld mit einer großen Anhängerschaft. Ein aktuelles Beispiel aus Norwegen ist Joralf Gjerstad, der als Wunderheiler der heutigen Zeit gilt. Joralf sagt, seine Kraft sei hauptsächlich durch seinen starken Glauben an Gott begründet. Wenn er seinen Patienten seine Hände auf ihre schmerzenden Stellen auflegt, setze er bei ihnen eine Energieproduktion in Gang.[13]

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Bibliographie:

1)      Petzoldt, Leander: Magie Weltbild Praktiken Rituale. München 2011.

2)      Storaker, Johan T.: Sygdom of Forgjørelse i den norske Folketro. Oslo 1932.

3)      Espeland, Velle: Svartbok. Kristiansand 1974.

Internetquellen:

1)      Iversen, Kareen: „Snåsamannen – folkemedisiner eller healer“. <https://www.duo.uio.no/bitstream/handle/123456789/34254/Master_Iversen.pdf.pdf?sequence=1&gt;.

2)      <http://snl.no/.nbl_biografi/Anne_S%C3%A6ther/utdypning&gt;.

3)      Laugerud, Henning: „Hva er en svartebok?“. <http://www.danor.uib.no/pdf/Svartebok.pdf&gt;.

4)      Matthes, Christian: „Magische Rituale als Volksmedizin: Der Glaube neben dem Glauben“. <http://www.dgamn.de/uploads/mbl23/Mitteilungen23-web-21matthes.pdf&gt;.


[1] Petzoldt, Leander: Magie Weltbild Praktiken Rituale. München 2011, S.10.

[2] Vgl. Ders. S.25-26.

[3] Vgl. Matthes, Christian: „Magische Rituale als Volksmedizin: Der Glaube neben dem Glauben“. <http://www.dgamn.de/uploads/mbl23/Mitteilungen23-web-21matthes.pdf&gt;, 18.12.2012. Sekundärzitat nach Kieckhefer, Richard: Magie im Mittelalter. München 1995, S. 65 f.

[4] Vgl. Petzold, Leander: Magie Weltbild Rituale Praktiken. München 2011, S. 155.

[5] Vgl. Iversen, Kareen: „Snåsamannen – folkemedisiner eller healer“. <https://www.duo.uio.no/bitstream/handle/123456789/34254/Master_Iversen.pdf.pdf?sequence=1&gt;, 18.12.2012.

[6] Vgl. Espeland, Velle: Svartbok. Kristiansand 1974, S.7, 27, 28.

[7] Vgl. Laugerud, Henning: „Hva er en svartebok?“. <http://www.danor.uib.no/pdf/Svartebok.pdf&gt;, 17.12.2012.

[8] Vgl. Storaker, Johan T.: Sygdom of Forgjørelse i den norske Folketro. Oslo 1932, S. 35.

[9] Ebd. S. 26.

[10] Ebd. S. 27, 48, 49.

[11] Vgl. Petzoldt, Leander: Magie Weltbild Praktiken Rituale. München 2011, S. 22.

[13] Vgl. Iversen, Kareen: „Snåsamannen – folkemedisiner eller healer“. <https://www.duo.uio.no/bitstream/handle/123456789/34254/Master_Iversen.pdf.pdf?sequence=1&gt;, 18.12.2012.

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