*Der schlaue Runenstein – Sportsvereine, Nordische Mythologie und Identifikation

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Artikel von Adrian Schneider

Sportvereine sind in vielen Gesellschaften ein verbindendes Element und haben große Bedeutung für den Alltag einiger Menschen. Der Sportverein ist oft symbolischer Vertreter einer lokalen Gruppe, die sich durch den Verein repräsentiert fühlt. Das kann für die aktiven Mitglieder des Vereins, aber auch für ganze Stadtteile, eine Stadt oder gar eine ganze Region gelten.

Geht man also der Frage nach der kulturellen Identität der Norweger nach, ist es sinnvoll einen Blick auf die Sportsvereine des Landes zu werfen. Jeder Sportsverein hat eine Reihe wichtiger Symbole, wie das Vereinslogo und die Vereinsfarben, das Trikot, Fanbekleidung, Fangesänge und, vielleicht am bedeutendsten, den Vereinsnamen. Diese Symbole dienen einerseits der Abgrenzung von anderen Gruppen und somit gleichzeitig der Stärkung des Wir-Gefühls. Dadurch, dass sie stets präsent sind, ist es nicht schwer sie aufzuspüren und unter einer eigenen Perspektive zu betrachten.

Wenn alte Mythen und Götter also noch eine Rolle für die Selbstdefinition der Norweger spielen, müssten sie auch Vereinswesen Norwegens in irgendeiner Form auftreten.

Ich musste nicht lange suchen, bevor mir, durch folgenden Passus im Gesetzesbuch von Norwegens Sportsverband, klar wurde, dass die Suche fruchtbar sein würde.

1.3 Skal helst referere til sted/område/kommune.
1.4 Skal være norsk eller samisk, kan også være hentet fra mytologien.

http://www.lovdata.no/nif/hiff-20031204-0001.html

Es wird also angeraten, dass der Vereinsname einen regionalen Bezug und norwegisch oder samisch sein soll. Ausdrücklich wird hinzugefügt, dass er auch aus der Mythologie entlehnt werden kann.

Wintersport, besonders die Skidisziplinen, hat in Norwegen eine herausragende Stellung. Die Norweger sagen von sich selbst, sie seien „født med ski på beina“ (Mit Skiern an den Beinen geboren) und schauen stolz auf viele Jahrzehnte mit erfolgreichen Athleten zurück.

In einem Zeitungsartikel vom 27.02.2011 schreibt Kristian Elster über die Rolle der Frau im Langlaufsport um die Jahrhundertwende. Unter anderem geht er dabei auf den ersten Skiklub für Frauen ein, der im Jahre 1889 von 23 Frauen gegründet wurde und den Namen Skade bekam. Skade ist eine altnordische Göttin, die als rüstige Jägerin und exzellente Skiläuferin beschrieben wird. Ihr Name stellte also ein starkes Symbol für die Mission und Ideale dieser 23 Frauen dar.

http://www.nrk.no/sport/fikk-husarrest-for-skigaing-1.7526347

Im Logo der seit 1883 bestehenden Skiforening finden wir das männliche Gegenstück zu Skade: Ull – Thors Stiefsohn, der als schöner Krieger und unschlagbarer Bogenschütze und Skiläufer bekannt ist.

Skiforeningen

Neben diesen prominenten Beispielen für die Präsenz alter Götter in der Welt des norwegischen Skisports, finden sich auch in anderen Sportarten Vereine, die sich nach Gottheiten aus der altnordischen Mythologie benannt haben.

Der Handball-, Bandy- und Fußballverein „Frigg Oslo“ wurde 1904 gegründet und bezieht sich auf Frigg- die Gattin Odins, die als Sonnen- und Liebesgöttin gedeutet wird. Die Fruchtbarkeitsgöttin Freyja, aus dem Geschlecht der Wanen, ist Namenspatron des Bergenser Basketballklubs „Frøya Basket“ und ihr Vater Njørd, der Schutzgott der Fischer und Seefahrer, findet sich im Osloer Sportverein „Njård Sportsklubben“, der seit 1924 besteht. Beide Vereine spielen in jeweils gleichnamiger Spielstätte – Njårdhalle und der Frøyahalle.

Andere mythologische Wesen finden sich beispielsweise im Namen des 1930 gegründeten Bærumer Vereins „IL Jutul“, dessen Name eine dialektale Form des gängigeren Begriffs des Jotun (Riese) ist.

IL Tyrving – Das Schwert, das speerspitz wurde!
So lautet der übersetzte Titel des Artikels auf der Leichtathletikseite friidrett.no, der über die neusten Erfolge des IL Tyrving berichtet. Die Überschrift bezieht sich auf die Erzählung über das Schwert Tyrfing, das von Zwergen geschmiedet wurde und magische Kräfte besitzt.

http://www.friidrett.no/nyheter/Sider/ILTyrving%E2%80%93sverdetsomblespydspiss!.aspx

Prominente Beispiele finden sich in der höchsten Spielklasse im norwegischen Fußball. Der älteste norwegische Fußballverein „Odds Ballklubb“ geht auf das Jahr 1894 zurück und bezieht sich mit seinem Namen auf den Sagahelden Orvar-Odd aus den vierteiligen Ramsta-Sagas aus dem 13. Jahrhundert. Orvar Odd ist ein tapferer Krieger, der die Welt bereist und drei magische Pfeile besitzt, die ihr Ziel nie verfehlen und stets zu ihm zurückkommen. Die Wahl dieser Figur macht deutlich, wie viel Symbolcharakter der Name eines Vereins hat. Die Geschichte des Kriegers ist im Logos des Klubs durch den Pfeil repräsentiert und soll die Spieler zu tapferem Einsatz und Treffsicherheit motivieren.

Besonders auffällig ist die Identifikation mit altem kulturellem Erbe Norwegens beim Fußballklub „FK Viking“ (gegründet 1899). Der Vikinger wird hier als große Symbolfigur für Mut, Einsatz und Kampf stilisiert.
In der Beschreibung des Maskottchens „Viking Blåskalle“ wird beschrieben, dass der 1000 Jahre im Eis festgefrorene Vikinger zurückgekommen ist, um eine neue Vikingerzeit einzuleiten und das Land unter dem Vikinger zu sammeln. Er wird als netter Räuber bezeichnet, der gerne energisch für die Sache der Vikinger in den Krieg zieht.

Blåskalle frøs fast på et gullbelte under et tokt til Grønland for over 1000 år siden. Han ble bevart, nedfrosset i en isblokk. Så tinte han opp og seilte over havene i sitt vikingskip. De siste årene har han gjemt seg i Vistehålå. Nå vil han fram i lyset og skape en ny Viking-tid. Han er klar for slagene på Stadion og vil samle landet under Viking.
Den nye maskotten er en snill røver som gjerne går i krigen for Vikings skyld på energisk vis. Han er uten stemme og skjønner seg ikke på moderne ting. Men han liker å herje på Tom & Jerry-vis. Han har stor fysikalitet og noen signatur­bevegelser. Han bor på Stadion, liker vannis og elsker fotball.

Auch in Fangesängen wie dem nachfolgenden geht es darum, dass die Vikingerzeit zurückkommt und dass die Vikinger nicht feige sind und ihre Feinde jagen.

Vikingtiå e tebage
Cupfinalegullet smage bedre enn d mesta
Me har Viking heilt på maden her i oljehovedstaden
Laget e d besta
Å når vikingar e på tokt blir di andre ganske feige
For di jage i samla flokk
Vikingane esje feige

Es lässt sich also feststellen, dass historische Wurzeln wie die Wikinger, nebst altnordisch-mythologischen Wesen und Göttern, im Sport noch immer eine Symbolfunktion haben und zur Selbstdefinition beitragen. Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, dass die meisten dieser Vereinsnamen auf Gründungsdaten um 1900 zurückgehen.

Außerdem stößt man bei der Recherche immer wieder auch auf Vereine, die mythologisch verortete Namen tragen, schlichtweg aus dem Grund, dass sie aus Orten stammen deren Namen einen solchen Ursprung haben. In Norwegen gibt es viele Ortsnamen und Landschaftsbezeichnungen, die von der Verehrung vorchristlicher Gottheiten und dem Glaube an andere mythologische Wesen zeugen. Hier ist es schwieriger festzustellen wie viel Bedeutung heidnische Figuren bei der Namensgebung für die Identifikation der Mitglieder und Anhänger besitzt.

Dennoch sind die Vereinsnamen heute präsent und es wäre interessant weiter zu untersuchen, welche Bedeutung sie für den Einzelnen haben.

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Bildquellen:

Logo Skiforeningen

I, Chell Hill [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0
(http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) oder CC-BY-2.5
(http://creativecommons.org/licenses/by/2.5)%5D, via Wikimedia Commons

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http://www.google.de/imgres?um=1&client=firefox-a&hs=F3p&hl=de&rls=org.mozilla:de:official&biw=1920&bih=977&tbm=isch&tbnid=ZLpwDVCrgVHETM:&imgrefurl=http://www.issvikings.com/&docid=2dP6KVJy-AiIgM&imgurl=http://www.issvikings.com/uploads/3/1/5/5/3155934/2522313.jpg%253F295&w=295&h=227&ei=-F2aUdW4OoHZtQbn_YHICg&zoom=1&iact=hc&vpx=880&vpy=601&dur=4094&hovh=181&hovw=236&tx=134&ty=85&page=2&tbnh=135&tbnw=184&start=49&ndsp=56&ved=1t:429,r:72,s:0,i:339

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2 Gedanken zu „*Der schlaue Runenstein – Sportsvereine, Nordische Mythologie und Identifikation

  1. Hallo Ihr Wanderstudenten,
    seit geraumer Zeit verfolge ich Euer Vorhaben und werde mich wahrscheinlich auch noch öfter zu Wort melden. Zunächst erst eimal: Eure Artikel finde ich hochinterressant, sie vermitteln unheimlich viel Neues über die Kultur Norwegens.
    Doch nun zum speziellen Artikel von Adrian. Zu dem nordischen Gott Ull/Ullr oder auch Üller
    habe ich eine besondere Beziehung. Ich bin passionierter Skiläufer und in den 50er Jahren,
    ich war noch Jugendlicher, war es üblich, eine kleine Medaille mit einem bärtigen Skiläufer,
    dem sogenannten Uller mit einem Lederbändchen am Gürtel zu tragen, als Talismann.
    Später geriet das Ganze in Vergessenheit und erst in den 80er Jahren wurde ich wieder darauf aufmerksam, als wir bei unseren traditionellen Baudenabenden der Zella-Mehliser Turner in der Friedrich-Ludwig-Jahn-Hütte auf der Neuhofswiese unter der Leitung des damaligen Hüttenwarts Franz Stuber das Skigebet bei blauer Flamme der Feuer-zangenbowle zelebrierten. Hier den Text:

    Vater Ull blickt aus Walhall auf das winterliche Tal.
    Höre unsern Opferspruch: Wahre uns vor Fall und Bruch,
    Pulverschnee schick uns herab, keine Sulz und keinen Papp,
    keine Soß und keine Schmier. Zickezack: Wir bringen Dir
    ein dreifach brausendes, donnerndes, wuchtiges, elementares,
    urgewaltiges Ski heil, Ski heil, Ski heil !

    Und Frau Holle, schau auch du unserm Treiben huldreich zu.
    Höre unsern Opferspruch, breite aus dein weißes Tuch:
    Pulverschnee…..

    Lieber Petrus, Wetterwart, segne unsre Bretterfahrt.
    Unsre Bitte, unsern Spruch schreib in dein Kalenderbuch:
    Pulverschnee……

    Tja, heute ist mir anhand Eurer Forschungsergebnisse einiges klarer geworden. also die langjährigen Beziehungen zu den Norwegern, die ja bis in die Kaisezeit zurückreichen und in dem Lillehammerhuset in Oberhof bestens sichtbar werden haben auch in Thüringen ihre Spuren hinterlassen.
    Ich wünsch Euch für Eure weiteren Aktivitäten viel Glück und am Ende den Erfolg, bis auf Weiteres Ebi

    • Vielen Dank für den spannenden Kommentar. Diese Geschichte ist nicht nur super interessant, sie hilft auch bei unseren Recherchen eine ganze Menge, denn sie liefert eine neue Perspektive auf die Verbindung der deutschen (Winter-)Sportvereine mit den norwegischen Gleichgesinnten. Diese Verbindungen werden wir in jedem Fall in Oslo oder Lillehammer daraufhin erneut hinterfragen. Wir freuen uns über weitere Anekdoten, Tips und Kommentare, denn sie helfen uns stets weiter(auch gerne zum Thema Frau Holle etc. hier gibt es ebenso spannende Verknüpfungen).

      Danke noch einmal :-), Björn

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