*Der schlaue Runenstein – Norwegen und die Trolle

Illustration-page32-Sagobok_för_barn.djvuArtikel von Christoph Dierking

In Harry Potter und der Stein der Weisen gelingt es Harry, Ron und Hermine, einen Troll zu bändigen, der in Hogwarts sein Unwesen treibt. In Tolkiens Der kleine Hobbit befreit Bilbo seine Zwergenfreunde, die sich in der Gewalt von Bergtrollen befinden. Und Christoph Hardebusch hat den Trollen gleich eine ganze Fantasy-Reihe gewidmet: Sein Roman Die Trolle ist 2007 mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet worden. Überall in der Literatur begegnen uns Trolle, die Menschen oder menschenähnlichen Wesen körperlich überlegen sind. Was die geistigen Fähigkeiten betrifft, verhält es sich oft umgekehrt.

Begeben wir uns in den Norden. In der norwegischen  Literatur treffen wir zahlreiche Trolle: Sie sind nicht nur in der altnordischen Sagenwelt präsent, sondern auch in Klassikern von Henrik Ibsen sowie in Asbjørnsens und Moes Volksmärchen. Die größte Bohrinsel der Welt – von Norwegen betrieben – trägt den Namen Sea Troll. Hier werden täglich große Mengen Erdgas aus dem Troll-Gasfeld gefördert, rund 100 Kilometer von der norwegischen Küste entfernt. In Mittelnorwegen gibt es eine Berglandschaft, die Trollheimen heißt. Eine Gebirgsstraße nahe Åndalsnes im südlichen Teil des Landes trägt den Namen Trollstigen (Trolltreppe). Und in Skaland haben Touristen die Möglichkeit, den Senja-Troll zu bestaunen. Die Figur ist 17,96 Meter hoch, 125 000 Kilogramm schwer und beherbergt eine Ausstellung, die die alten Legenden von Senja zum Thema hat. Seit 2007 thront neben dem Senja-Troll eine weitere Figur: ein Trollweib. Der Senja-Troll hat eine Partnerin gefunden.

Der Hunderfossen Familiepark liegt in Fåberg bei Lillehammer und zählt zu den bekanntesten Touristenattraktionen Norwegens. Der Märchen- und Freizeitpark ist den Trollen gewidmet, die auf der Homepage sogar als „der Nationalschatz Norwegens“ angepriesen werden. Und wer möchte, kann sich einen Troll in die eigenen vier Wände holen: In den zahlreichen Souvenir-Shops des Landes gibt es Trollfiguren in den unterschiedlichsten Ausführungen. Inzwischen muss man dafür nicht einmal mehr nach Norwegen reisen. Zahlreiche Geschäftsleute haben sich auf den Internet-Vertrieb der Figuren spezialisiert.

Die Beispiele zeigen: In Norwegen gehören Trolle zum Alltag. Sie sind aus der Kultur nicht wegzudenken und stellen ein wesentliches Identifikationsmerkmal dar. Offenbar ist es den Norwegerinnen und Norwegern gelungen, die Trolle zu bändigen. Dies war mit vielen Hürden verbunden. Die Begegnungen zwischen Mensch und Troll verliefen nicht immer friedlich. Begeben wir uns auf eine Reise durch die Geschichten der Trolle und Menschen. Wo liegt eigentlich der Ursprung der Trolle?

Trolle zählen zu den Riesen – deshalb ist die Geschichte der Riesen und Trolle identisch. Von ihrem Ursprung erzählt der Skalde Snorri Sturluson in der sogenannten Prosa-Edda, die er im 13. Jahrhundert verfasste. Er beschreibt, wie die Welt infolge der nordischen Mythologie entstanden ist. Hierbei handelt es sich um eine kuriose Geschichte: Einst befand sich im Norden Niflheim, die Welt des Eises, und im Süden Muspelheim, die Welt des Feuers. Zwischen den Welten war ein leerer Raum, das Ginnungagap. Eis und Kälte strömten vom Norden her ins Ginnungagap, Feuer und Funken kamen aus dem Süden. An der Stelle, wo Kälte und Wärme aufeinandertrafen, erwachte schließlich der Reifriese Ymir zum Leben. Im Schlaf begann er so stark zu schwitzen, dass unter seinem linken Arm ein Mann und eine Frau heranwuchsen. Seine Füße zeugten miteinander einen Sohn – von diesen Kindern Ymirs stammen ganze Geschlechter der Reifriesen ab und somit auch die Trolle. Beide Wesen galten als Feinde der Menschen. Deshalb mussten sie jenseits der Mauern Midgards leben, an einem Ort, der Utgard genannt wurde. Trotzdem kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Mensch und Troll.

In der Heimskringla wird geschildert, wie sich eine solche Auseinandersetzung zugetragen hat. Genauer: in der Saga von Olaf dem Heiligen. Im Winter 1026/1027 begleitete ein gewisser Arnljot Gelline – er wird als hochgewachsen und gut gekleidet beschrieben – einen Steuereintreiber des Königs nach Jämtland. Sein Name war Torodd Snorreson. In der Nacht suchten die Männer in einer Berghütte Schutz vor Wind und Kälte. Kaum hatten sie sich auf dem Dachboden zur Ruhe gelegt, öffnete sich die Tür und zwölf Kaufleute traten ein. Sie machten es sich am Feuer gemütlich, nahmen eine Mahlzeit ein und legten sich ebenfalls schlafen. Die Händler wollten – wie Arnljot und Torodd – am nächsten Morgen ihre Reise nach Jämtland fortsetzen. Dann öffnete sich die Tür erneut. Ein Trollweib trat ein, packte den Mann, der ihr am nächsten war, und riss ihn in Stücke. Von den Schreien geweckt, sprangen die Männer auf und liefen panisch umher. Doch das Trollweib tötete alle. Nur einem gelang es, sich auf den Dachboden zu retten, wo sich Arnljot und Torodd aufhielten. Als sich das Trollweib am Feuer niedergelassen hatte und begann, die Getöteten zu verspeisen, packte Arnljot seinen Speer. Er rammte die Waffe in den wuchtigen Körper des Trollweibs, das sofort die Flucht ergriff. Am nächsten Morgen setzen die Männer ihre Reise fort. Der überlebende Händler begab sich in seine Heimat zurück.

Auch in Asbjørnsens und Moes norwegischen Volksmärchen, die im 19. Jahrhundert aufgeschrieben worden sind, spielen die Trolle eine große Rolle. Über Generationen hat man sich in Norwegen die Geschichten erzählt. In einem Märchen (norwegischer Titel: De tre bukkene Bruse) brechen drei Ziegenböcke auf, um sich auf einer Wiese dick und fett zu fressen. Auf ihrem Weg müssen sie eine Brücke überqueren, unter der ein Troll haust. Als der kleinste Ziegenbock die Brücke betritt, verkündet der Troll, dass er ihn fressen wird. Das Tier erwidert: „Gleich kommt ein viel größerer Ziegenbock. Friss ihn, davon hast du mehr.“ Das sieht der Troll ein. Aber als der zweite Ziegenbock die Brücke betritt, wiederholt sich das Schauspiel: „Gleich kommt ein viel größerer Ziegenbock. Friss ihn, davon hast du mehr“, meint auch dieses Tier. Dann betritt der dritte und größte Ziegenbock die Brücke. Wieder verkündet der Troll, dass er den Bock fressen wird. Doch dieser macht kurzen Prozess und schlägt den Troll in Flucht, den er aufgrund seiner Größe überlegen ist. Wieder vereint setzen die Ziegenböcke ihren Weg zur Wiese fort. Die Moral von der Geschichte: Sei mit dem zufrieden, was zu bekommen kannst.

Große Bekanntheit genießt auch das Märchen über Peer Gynt, der in den Bergen lebt. Eines Abends – es ist bereits dunkel und Peer ist auf dem Weg zu seiner Hütte – stößt er auf etwas, das groß und kalt ist. Dann nimmt er eine Bewegung wahr und fragt: „Wer ist da?“ Prompt kommt die Antwort: „Ei, es ist der Krumme!“ An seiner Hütte angekommen, trifft er wieder auf das große Kalte: „Wer ist da?“, fragt Peer erneut, diesmal sehr bestimmt. „Ei, das ist der Krumme“, lautet die Antwort aus der Dunkelheit. „Ob du nun gerade bist oder krumm“, brummt Peer. „Durchlassen musst du mich, sonst komme ich nicht in meine Hütte.“ Das Wesen ignoriert diese Aufforderung. Entschlossen nimmt Peer seine Flinte, macht den Kopf des Wesens ausfindig und schießt dreimal. „Schieß noch einmal“, fordert der Krumme. Doch Peer weiß es besser – hätte er es getan, wäre die Kugel auf ihn zurückgeprallt. Bei dem Krummen handelt es sich nämlich um einen Troll, den Peer nun beiseite zerrt, um in seine Hütte zu gelangen.

Henrik Ibsen hat dieses Märchen aufgegriffen und zu einem Theaterstück weiterentwickelt. Die Uraufführung des Stückes Peer Gynt fand 1876 statt. Die berühmteste Szene ist wohl, als Peer einem Trollweib folgt und sich plötzlich in der Halle des Bergkönigs befindet. Er will das Trollweib zur Frau nehmen. Aber so einfach geht das nicht. Der Bergkönig stellt eine Bedingung: Peer muss ein richtiger Troll werden, und der ist damit ganz und gar nicht einverstanden. Es kommt zu einem wilden Gemenge. Das Ende: Peer wird aus der Höhle geworfen. Die Musik für das Stück hat der norwegische Komponist Edvard Grieg geschrieben.

Norwegen und Trolle gehören zusammen. Sie pflegen eine gemeinsame Geschichte und gemeinsame Geschichten. Vor diesem Hintergrund scheint es mehr als gerechtfertigt, dass der Hunderfossen Familiepark Trolle als „Nationalschatz Norwegens“ bezeichnet.

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