Synkretismus auf dem Dach- Drachengiebelzierden als nationales Identifikationsmoment

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Artikel von Björn Griebel

Es war bei unserer Reise in den verschneiten Winterwald des Thüringer Rennsteiges. Der Winter lag in seiner letzten Blüte und wir wollten die verstobenen Baumwipfel und Schneedünen nicht dem Frühling weichen lassen, ohne der weißen Pracht auf Skiern gehuldigt zu haben. Klingt das zu pathetisch? Nun der Anblick hat es gerechtfertigt und dieses Pathos wurde noch verstärkt, als unter dem weißverhangenen Fichtenwald die Silhouette eines Drachengiebels durch den Nebel stach. Norwegen? Ich dachte wir sind hier in Deutschlands grünem Herzen. Vor uns tat sich das Bild eines mit Drachenköpfen vergiebelten Blockhauses auf, welches einst Lillehammer huset getauft wurde. Es ist natürlich zu erwarten, dass die norwegische Partnerstadt des Wintersportdomizils Oberhof sich in irgendeiner Art bemerkbar macht und man auch, beziehungsweise gerade hier im Skisportzentrum, auf norwegisches stoßen könnte. Dennoch verdutzte mich die Tatsache, dass man sich ausgerechnet die Drachengiebel als etwas für Norwegen besonders repräsentatives heraus gepickt hatte. Doch bevor wir uns den Drachengiebeln zuwenden, sei kurz die spannende Geschichte dieses Häuschens erläutert. Denn aus einer touristischen Perspektive mögen jene Drachenköpfe absolut nachvollziehbar erscheinen, und dennoch steckt weit mehr hinter dem vermeintlichen Importidyll.

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Lillehammer huset in Oberhof, Thüringen

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Das Lillehammer huset wurde im Jahre 1908 zum Preis von 12.000 Reichsmark für den Golfclub Oberhof errichtet. Bis heute ist nicht gänzlich geklärt, welcher Auftraggeber tatsächlich hinter dem Häuschen steht. Da gilt zum einen Kronprinz Wilhelm als Kandidat, seinerzeit Stammbesucher Oberhofs und als Sohn des Norwegen begeisterten Kaisers Wilhelm II. mit der norwegischen Architektur sicher vertraut. Da er kein besonderer Liebhaber des Golfsportes, stattdessen aber der Bobbahnen war, wird aber bezweifelt, ob er Schirmherr des Lillehammer huset gewesen ist. Ein anderer wäre der Berliner Geheime Regierungsrat Sholto Douglas, welcher als Golfexperte im ersten Clubvorstand seine Dienste leistete und der im Auftrag des Kaisers gehandelt haben könnte. Er galt als Ziehvater des Herzogs Carl Eduart von Sachsen-Coburg und Gotha, welchem auch Oberhof seinerzeit unterstand. Dieser Herzog wäre der dritte, der als möglicher Initiator gelten könnte, denn ihm hing der Ruf des siebten kaiserlichen Kindes an, verkehrte er doch so häufig in kaiserlichen Gefilden.

Geliefert wurde das Haus jedenfalls von einer Firma W.Witte aus Osterwieck/ Harz. Jene war eine der auf den Bau von norwegischen Blockhäusern spezialisierten Firmen, welche ihrerseits ihre Kompetenzen von norwegischen Baufirmen und Architekten erwarben. Das Lillehammer huset ist ganz augenscheinlich am norwegischen Drachenstil orientiert. Jener kann als Baustil nationalkonstruktiver Architektur gelten und solche bekannten Architekten wie Haldor Larsen Børve, Balthazar Lange und Ole Sverre waren nur drei Vertreter jener Zunft, welche ihr Wirken in solch imposanten Gebäuden wie dem Dalen Hotel und dem Voksenkollen Sanatorium zur Geltung brachten. Lange und Sverre waren zudem Schüler und Mitwirkende von Dr. Holm Hansen Munthe, der als berühmter Staatsarchitekt den Drachenstil in Gebäuden wie dem Frognerseteren und dem Holmenkollen Parkhotel verwirklichte.

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Holmenkollen Park Hotell. Oslo

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So war es auch Staatsarchitekt Munthe, welcher vom deutschen Kaiser mehrere Aufträge für norwegische Gebäude in Deutschland entgegennahm. Das kaiserliche Jagdschloss und die Hubertuskapelle im ehemals ostpreußischen Rominten, beide im norwegischen Drachenstil erbaut, zählten ebenso wie die Kaiserliche Matrosenstation Potsdam zu den höfischen Hauslieferungen norwegischer Baukunst.

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Kaiserliches Importidyll in Rominten, russland und Polen

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Einstiges Kaiserliches Matrosenhaus Potsdam. (im 2. Weltkrieg Zerstört)

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Der Kaiser liebte den altertümlichen Drachenstil. Dieser entlehnte sich in erster Linie der Stabkirchen. Von ihnen übernahm man entweder die Stabbauweise als Baustil, oder aber adaptierte die Spitz- und Pultdächer mit der allen Orts berühmten Drachen- und Tierornamentik auf die einst nach dem Stabbau eingeführte Blockbauweise. Auf Blockbaukirchen waren in Norwegen seinerzeit Drachenreiter allerdings nicht mehr üblich und bis heute wird darüber diskutiert, welche Funktion sie eigentlich erfüllten. Dass jene gerade in den ersten Tagen des skandinavischen Holzkirchenbaus eine bedeutsamere Rolle als nur die der Zierde inne hatten, ist durchaus plausibel. In der wissenschaftlichen Diskussion haben sich drei größere Positionen herausgebildet, welchen Absicht jene Drachenreiter impliziert haben mögen. Während manche eine rein künstlerische Zierfunktion nicht ausschließen, sehen andere in ihnen apotropäische Inhalte, wobei hier der Drache die bösen Geister abzuschrecken habe, ganz ähnlich späterer mittel- und südeuropäischer Schreckskulpturen an Kirchengebäuden. Bereits hier ließen sich erste religiöse Synkretismen diskutieren, da die neben dem Teufel zu vertreibenden Geister im norwegischen Raum vor allem Wesen waren, welche im alten heidnischen Glauben eine feste Position inne hatten. Trolle, Hexen (hier noch als reine Naturwesen zu verstehen) und Totenseelen Draugir sind nur einige der vielen möglichen Beispiele. Offenbar wurde der Glaube an die alten Kräfte der Natur und die Entitäten des heidnischen Pantheons nicht mit der Etablierung des Christentums über Bord geworfen. Vielmehr dämonisierte man die alten Geister und suchte nun Schutz in allerlei magischer und apotropäischer Handlung. Die Geisterschwelle der Kirchen und das übliche Fehlen von Nordportalen an Stabkirchen sind ein weiteres Indiz der Furcht vor alten, nun als schadhaft verstandenen Kräften.

Eine weitere Auffassung über die Ursache der Drachengiebelzierden wird im Synkretismus selbst gesehen. So wurden besonders zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Drachengiebel als echtes Relikt heidnischen Glaubens verstanden, welcher sich als Zierelement, beziehungsweise als Apotropäismus im neuen Glauben erhalten habe. So brachte man die Drachenköpfe mit den Funden von Gokstad zusammen, wo die Rahmengestänge der Wikingerzelte ausgeformte Drachenköpfe aufwiesen. Jene seien als künstlerische Adaption des heidnischen Opferkultes zu verstehen und würden sich bis in die heutige Zeit als pferdeköpfige Kreuzgiebel auf polnischen, niederländischen und niederdeutschen Bauernhäusern weiterverfolgen lassen. Besonders dieses Kontinuitätsargument wurde ab der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts stark in Zweifel gezogen und die niederdeutschen Pferdekopfgiebel einer zimmermann`schen Trenderscheinung des 18. Jahrhunderts zugeschrieben. Insgesamt ist der Terminus Drache schon ein nicht ganz unproblematischer, sind doch die ornamentischen Tierdartellungen an Kirchen bisheute großen interpretatorischen Diskussionen ausgesetzt.

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Drachenreiter als Wappenzeichen der Kommune Lærdal, Sogn og Fjordane.

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Allerdings muss gesagt werden, dass archäologische Funde die Existenz abgeschlagener Tierschädel als möglichen Bestandteil heidnischer Tempelkultur inzwischen außer Frage stellen. Als möglicher Bestandteil ist der Sachverhalt deshalb zu betrachten, da jener wie auch das bereits genannte Fehlen nördlicher Kirchenportale bei den norwegischen Stabkirchen eine regionale Varianz aufzuweisen vermochte. Für den isländischen Hof auf Hofstaðir konnte der Brauch, die Schädel rituell geschlachteter Stiere sichtbar und dauerhaft auf Dachkanten aufzustellen, forensisch belegt werden.

Neben der These, die Giebelköpfe seien dem Opferkult entlehnt, wurden auch Vermutungen laut, die drachenförmigen Köpfe könnten von Vikingerschiffen übernommen worden sein, da jene auch dort eine apotropäische Funktion erfüllt haben mögen. Bei dieser Argumentation scheint die Niðstöng aber als Ausgangsobjekt der plausiblere Ansatz zu sein, welche ihrerseits gleichermaßen Ursprung für die Schiffsköpfe gewesen sein könnte. Die Frage, ob die Giebelfiguren den Drachen als ursprüngliches gestalterisches Vorbild aufwiesen, würde sich in diesem Falle erübrigen.

Der Brauch Drachengiebel auf Kirchengebäuden zu verwenden, war nicht alleine in Norwegen verbreitet. Dies belegt unter anderem der Teppich von Bayeux. Dieser in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts entstandene Teppich zeigt die Eroberung Englands durch Willhelm den Bastard und sein Zusammentreffen mit Harald Godwindson im Jahre 1066. Auf dem 68 Meter langen Teppich sind unter anderem Gebäude abgebildet, welche Drachengiebelzierden aufweisen. Als Beispiel kann die Darstellungen der Belagerung einer Holzburg im französischen Dinan (Bretagne) durch Wilhelms Truppen gelten. Ob die hier sichtbaren Drachengiebel Adaptionen oder Überreste der skandinavischen Invasoren der vergangenen Jahrhunderte waren, ist allerdings nicht bekannt. Auch die schwedischen Wandteppiche von Överhogdal und Skog (ca. 1040-1070 n.Chr.) weisen neben heidnisch mythologischen Darstellungen eine Fülle christliche Gebäude mit Drachengiebelzierden auf. Die bereits gefundenen heidnischen Tempelanlagen haben bisher jedoch keine hölzernen Drachengiebel zum Vorschein gebracht, da dieses Material in aller Regel restlos verrottet ist oder beim Abzug des Tempels mitentfernt wurde.

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Ausschnitt aus Dem Teppich von Skog, Schweden. Kirchen Mit Drachengiebel.

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Die Frage, ob der Drachenkopf auf der Stabkirche, und auch später als Sinnbild einer ganzen architektonischen Stilrichtung das Relikt eines heidnischen Weltbildes ist, lässt sich bis heute nicht abschließend beantworten. Spannend ist dieses Feld in jedem Fall und so wird es dem Interessierten auch in Zukunft noch viel Raum zu Forschung bieten. Bei der nationalen Selbstfindung Norwegens während seiner Loslösung von der dänischen und schwedischen Oberherrschaft bestand ein großer Bedarf an nationalen Identitätsmarkern. Was war da besser geeignet als das Alte, mit heidnischer Konnotation behaftete, welches den Norweger_innen die Unabhängigkeit als eigenen Wesensbestandteil zusprach und mit den anmutigen Stabkirchen und ihrer reichen Ornamentik zusätzlich ein gänzlich eigenes Kulturgut versicherte. Mit der Kirchenbaureform von 1851 waren die meisten der norwegischen Stabkirchen zu klein geworden und fielen so dem Abriss anheim. Die Bauern der Region kauften das wertvolle Holz und verbauten es in ihren Scheunen und Speichern. Als der norwegische Maler Johann Christian Clausen Dahl begann, die Stabkirchen als nationales Kulturgut zu verstehen und jene zu ihrer Rettung aufzukaufen, veranlasste er 1841 unter anderem den preußischen König Wilhelm IV. die Stabkirche von Vang in Valdres zu erwerben. Zu ihrer Errichtung auf der Pfaueninsel bei Potsdam kam es jedoch nicht, da der König das Interesse verlor. Stattdessen wurde sie im polnischen Karpacz wiederaufgebaut und dem hiesigen Gottesdienst zur Verfügung gestellt.

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Stabkirche aus dem norwegischen Vang in Kapacz, Polen

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Es wäre dem deutschen Kaiser Wilhelm II. später gewiss eine Wonne gewesen, die einzige norwegische Stabkirche auf dem europäischen Festland in seinem Reiche zu wissen. Der begeisterte Norwegenfahrer trug mit seinem mannigfaltigen Engagement in Norwegen, aber auch in Deutschland zur Konstatierung des norwegischen Nationalverständnisses in bedeutendem Maße bei. Als eine entfernte Frucht dieses Engagements darf das Lillehammer huset in Oberhof verstanden werden. Als eine mögliche Form des religiösen Synkretismus aus christlichem und heidnischem Glauben kann hingegen der Drachengiebelreiter gelten, so er einst tatsächlich mehr als nur eine bloße Zierde gewesen ist. Dass er als eines der Symbole verstanden wird, welche im norwegischen In- und Ausland nationaltypischen Charakter implizieren, steht, wie auch immer dieser Charakter geartet sein mag, seit langem außer Frage. Eine Frage, die es deshalb neu zu stellen lohnt und deren Kernelemente einer genaueren Betrachtung unterzogen werden sollten, ob im mitteldeutschen Oberhof, im polnischen Karpacz oder in Norwegen selbst. „Ein NORWEGENHAUS im Thüringer Wald, eine Begegnungsstätte zweier Kulturen, zweier Völker im zusammenwachsenden Europa, wäre unsere Lieblingsidee. An keinem Ort in Thüringen könnte man besser die norwegischen Wurzeln für die Erfolgsgeschichte des Wintersportlandes Freistaat Thüringen vermitteln.“[1] Geschichte ist und bleibt identitätsbildend. Sie definiert, was in der Gegenwart als typisch und zugehörig zu gelten hat. Mit diesem Eindruck machten wir uns auf den Weg durch den tiefen Schnee, unter weißen Tannen und mit norwegischem Wachs unter den Skiern.

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[1]Lerch, Wolfgang. Geschichte zum Haus. Oberhof 2005. http://www.oberhof-lillehammer.de/resources/geschichte.pdf

Bilderquellen:

Lillehammer Huset: http://www.oberhof-lillehammer.de/index.html

Hotel Park Rica, Holmekollen, Oslo; Autor Shyamal
http://en.wikipedia.org/wiki/File:HolmenkollenHotelOslo.jpg

HDR of Vang stave church; Autor Micha L. Rieser
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Vang_stave_church_HDR.jpg

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Literaturnachweise:

Lerch, Wolfgang. Geschichte zum Haus. Oberhof 2005. http://www.oberhof-lillehammer.de/resources/geschichte.pdf

2 Gedanken zu „Synkretismus auf dem Dach- Drachengiebelzierden als nationales Identifikationsmoment

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