Weihnachten und altnordisches Jul – zwei Feste, eine Jahreszeit.

b1Artikel von Christoph Dierking

Ein heller Stern erstrahlt über einem Stall in Bethlehem. Hier haben die schwangere Maria und ihr Mann Josef eine Unterkunft für die Nacht gefunden. Alle Gästehäuser waren belegt. Kein Wunder, waren doch zahlreiche Menschen nach Bethlehem gereist. Kaiser Augustus hatte zur Volkszählung gerufen und so hatten sich auch Maria und Josef auf den Weg gemacht. Erschöpft von den Strapazen des Tages fallen die beiden ins Stroh und schlafen ein. Doch mitten in der Nacht bringt Maria ihr Kind zur Welt. Liebevoll legt sie es in die Krippe, von Pferden und Eseln umgeben. Bald darauf gesellen sich die Hirten und die Heiligen Drei Könige dazu, die Gold, Weihrauch und Myrre im Gepäck haben – als Gaben für das neugeborene Jesuskind.

Jedes Jahr erinnert uns die Weihnachtsgeschichte an die Geburt Jesu Christi. Wir feiern Weihnachten, das Fest der Familie, Liebe oder auch das Fest der Barmherzigkeit. Auch in Norwegen beschenkt man sich am Heiligen Abend. Die Menschen gehen in den Weihnachtsgottesdienst, essen gemütlich im Kreis der Familie und sitzen unter dem Tannenbaum. Sie feiern jul – so lautet die norwegische Bezeichnung für Weihnachten. In vorchristlicher Zeit war das Julfest allerdings mit anderen Bräuchen verknüpft. Das geht aus den altnordischen Sagen hervor, die nach der Christianisierung niedergeschrieben worden sind. Jul ist also als eine Bezeichnung, die im christlichen Kontext verwendet wird, aber auch heidnische Bräuche beschreibt.

Um den 21. Dezember herum, zur Wintersonnenwende, feierten die Nordmänner das Julfest, um Göttern wie Odin oder Njörd zu huldigen. Es hatte seinen festen Platz im Jahresverlauf. Viele Sagen erzählen von Ereignissen, die sich vor, nach oder während des Julfestes zugetragen haben.

Einmal war König Halvdan der Schwarze auf Julbesuch im Hadeland, einer Region in Norwegen, die sich südlich vom Randsfjord befindet. Man hatte geplant gemeinsam zu speisen und zu trinken. Doch ein Dieb hatte das Julmahl und obendrein auch noch das Bier entwendet. Da bereits viele Gäste erbost heimgekehrt waren, wandte sich König Halvdan an einen Zauberkundigen, der den Dieb ausfindig machen sollte, was allerdings nicht gelang. In diesem Jahr war das Julfest zum Scheitern verurteilt. Daran konnte auch König Halvdan nichts ändern. Aber was hätten die Nordmänner an jenem Abend auf dem Julfest getrieben, wenn es stattgefunden hätte?

Ein Hinweis ergibt sich aus dem gestohlenen Diebesgut: Speisen und Bier. Auf dem Julfest wurde in der Tat viel gegessen und viel getrunken. In den Sagas ist häufig von Männern die Rede, die zur julegilde – wörtlich übersetzt: zum Julgelage – einluden. In der Egil Saga etwa wird von einem gewissen Arinbjørn erzählt, der ein solches Julgelage für seine Freunde veranstaltete. Auch Egil war eingeladen worden, dem Arinbjørn anlässlich des Julfestes eine Kappe aus Seide und neue Kleidung aus England schenkte. Um sich für die Großzügigkeit und Freundschaft zu bedanken, widmete Egil seinem Gastgeber ein paar selbstgedichtete Verse, bevor er wieder abreiste. Auf dem Julfest spielten – ähnlich wie heute – Geschenke und Gedichte eine Rolle. Letztere mussten allerdings nicht unter dem Tannenbaum vorgetragen werden. Und die Geschenke verfolgten nicht nur den Zweck, jemanden eine Freude zu machen. Vielmehr handelte es sich um politische Statements, durch welche alte Verträge neu bekundet und Herrschaftszugehörigkeiten geregelt wurden.

Während des Julgelages diskutierten die Männer gerne über ihre Herrscher. In der Jomsvikinga Saga wird von einem Julfest berichtet, auf dem sich die Gäste fragten, wer der prächtigste und gastfreundlichste König im ganzen Norden sei. Alle waren sich einig: Das konnte nur der Gastgeber Harald Blauzahn sein. Hákon Sigurdsson, ein Jarl aus dem Umland, war allerdings anderer Ansicht und wurde deshalb von den anderen beim König verpetzt. Die Folge: Der Gast musste höchstpersönlich bei Harald Blauzahn vorsprechen und erklären, warum er sich nicht der Meinung der anderen angeschlossen hatte. So kam es, dass der Jarl von einem anderen Herrscher berichtete, der im Gebiet Harald Blauzahns Steuern eintrieb. Wenn der König nicht in der Lage sei, diese Steuern selbst einzutreiben, könnte er ihn nicht als prächtigsten Herrscher anerkennen. Darüber kam Harald Blauzahn ernsthaft ins Grübeln.

König Hákon der Gute trug wesentlich zur Christianisierung Norwegens bei. Um seinen Landsleuten den Übergang zum Christentum schmackhaft zu machen, veranlasste er, das Julfest auf den Tag des christlichen Weihnachtsfestes, also auf den 25. Dezember, zu verlegen. Dabei sollte gefeiert werden, bis das Bier versiegte – eine Anweisung, der die Nordmänner gerne Folge leisteten. Auch Opfergaben werden im Zusammenhang mit dem Julfest geschildert. Trotz seiner christlichen Gesinnung wurde Hákon der Gute von seinen heidnischen Landsleuten genötigt, an den Ritualen teilzunehmen. Denn seine Anwesenheit bei der Opfergabe war eine Tradition, mit der man zunächst nicht brechen wollte.

Nachdem Olaf der Heilige das Werk von Hákon dem Guten vollendet und so die Christianisierung Norwegens endgültig abgeschlossen hatte, starben die Bräuche des alten Julfestes nach und nach aus. Die Weihnachtsgeschichte spielte eine immer größere Rolle in Norwegen. Jul, die skandinavische Bezeichnung für Weihnachten, ist ein Überbleibsel, das noch heute auf die Traditionen verweist, die man einst im vorchristlichen Norden pflegte.

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Adolph Tidemand. Norsk juleskikk.1846

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