Urzeit wars, da Ymir hauste…

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Seit` an Seit` sie stehen
Uralte Kämpen mit Schildschaar und Schwert
Wachen der Zeiten tausende Jahr`
Donnerschwer rauschet ihr Haarweiß zu Tale, laut hinunter
von rüstbeschlagenen Schultern
Und sehet- nicht regt sie Kälte noch Wind
Ist Anmut dem Fremden, ist Demut gekommen
Stets haben sie dem stolzen
den Atem bezwungen…

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Naturmystik, Sagas und Norwegens Identitätskonstruktionen

Artikel von Björn Griebel

Vieles wurde der imposanten Natur unserer Erde gedichtet. Immer wieder trugen außergewöhnliche Berge, beeindruckende Wasserfälle und anmutige Landschaften zur Mythenbildung bei. Viele der eindrucksvollen Naturerscheinungen eines Landes, haben ihre ganz eigene spannende Geschichte. Für die Eigen- und Außenwahrnehmung der Bewohner waren diese Naturgegebenheiten durch ihre historiosoziale Aufladung vor allem vergangenheitsprägend konstruktiv, die regionale Bevölkerung wurde stets aufs Neue zu dem was sie meinte zu sein, durch etwas, was sie meinte in einstiger Zeit gewesen zu sein. Diese Prozesse sind noch immer produktiv. Der Tourist, der Unternehmer und auch der Politiker, der eine spezielle Region eines Landes besucht, lernt die Menschen vor Ort in erster Linie über eine stereotype Weise kennen. Die sogenannte Mentalität, die kategoriale Denke, Bräuche und Traditionen, die Offen- oder eben Verschlossenheit gegenüber Fremden und Fremdem sind jene wagen Maßeinheiten, an welchen sich der vermeintlich Außenstehende zu orientieren sucht. Jene bestimmen Sympathie oder Ablehnung, entscheiden über Faszination oder Fassungslosigkeit, definieren Verhaltensregeln des wirtschaftlichen Umgangs und der alltäglichen Begegnung. So wurden und werden die Bewohner einer Region über ihre geographische Lage sortiert und mit gewissen Prägungen attribuiert. Innerhalb Deutschlands geschehen solche Zuordnungen über die Zugehörigkeit zu einem Bundesland, die großdialektale Verortung, kleinregionalen Zuordnungen sowie schließlich Orts- und Ortsteilidentifikation. Menschen bezeichnen sich selbst und andere Menschen als Bayer oder Franke, Schwabe und Badenser, Berliner und Kreuzberger, Röhner und Emsländer. Eng mit den regionalen Bezeichnungen sind die geographischen Gegebenheiten und deren besondere Konditionen verknüpft, was noch in der abwertenden Floskel die wohnen hinterm Berg durchschimmert. Eine vermeintliche Abgeschlossenheit resultiert schließlich auch in Traditionsgemeinschaften und lokalen Dialektalentwicklungen, welche wiederum Abgeschlossenheit zu reproduzieren vermögen. Die Geographie war und ist jedoch auch der Träger eben jener Geschichten, welche in der späteren folkloristischen Selbstverortung zur Geltung kommen und welche die Besonderheiten einer Region und deren Menschen präsentieren sollen.  Das Land hat die Leute geprägt ist ein Ausspruch, welcher eben auch in diesem Sinne verstanden werden kann. Die Faszination zum Beispiel, welche eine touristisch attraktive Region auszumachen scheint, wird stets durch Erzählungen und Anekdoten unterstützt, welche die Vorfahren der heutigen Bewohner in den Kontext ihrer Umgebung setzen. Sie verbinden die Menschen scheinbar mit ihrem Boden und schaffen somit den Eindruck eines kollektiven Ganzen. Beide Einheiten mögen einander bedingen und wirken bisweilen selbst in der Distanz nicht gänzlich voneinander trennbar. Wo kommst du den her(…)?

Sind diese Reproduktionsprozesse auch nicht die einzigen, welche in den empfundenen Regionalgemeinschaften produktiv sind, so sind sie dennoch ein gewichtiger Teil und deutlich identifizierbar.

Dieses gilt auch für Norwegen. Die Mystik des Vergangenen und Unbekannten ist etwas, mit welchem Norwegen als Land, aber ebenso die einzelnen Regionen im Lande selbst attribuiert werden. Während Norwegens nationaler Selbstfindung des 19. Jahrhunderts waren es somit auch die Märchen von Asbjørnsen und Moe, welche die Funktion nationaler und regionaler Differenzierung unterstützten. Norwegen wurde ein Land, denn es wurde eine eigene Kultur, Geschichte und Tradition konstituiert, man implantierte gewissermaßen den Gedanken eines Volkskörpers mit einer eigenen soziographischen Historie. Vor den Bestrebungen der intellektuellen Elite, jenen Geist in der Gesellschaft zu verankern, verstand man sich gewiss als Angehörige(r) einer Region, jedoch nicht als Angehörige(r) einer Nation im politischen und kulturellen Sinne. Vielmehr war die Auffassung ein Teil des Königreiches Dänemark zu sein, als Folge jahrhundertelanger Integration eine selbstverständliche Gegebenheit.

P_C_AsbjornsenDer Bedeutsamkeit von Sagas, Sagen und Geschichten längst vergangener Zeiten sind die Werke der Märchenerzähler des 19. und 20. Jahrhunderts also dicht angeschlossen, waren sie nun diejenigen, welche nicht nur Märchen und Erzählungen sammelten, sondern jene auch selbst verfassten. Sie waren und sind überregional identitätsstiftend, beziehungsweise werden zur Identitätsbildung instrumentalisiert. Als ein Beispiel hierfür kann die Kommune Bø auf den Vesterålen Inseln in Nordland gelten, versteht man sich doch seit dem Jahre 2005 offiziell als Märchenkommune:

Med fortelling som verktøy skal Eventyrkommunen bygge sin profil og synliggjøre Regine Normanns eventyrverden og et nordnorsk kystsamfunn. I publikums møte med naturen, samfunnet, historien og Regine skal de få ta del i eventyret. Gjennom utveksling av fortellinger skal kontakt skapes med andre (kyst) samfunn i utkanten av verden – for å skape nye midtpunkter og nye fortellinger. [1]

Mit der Erzählung als Werkzeug soll die Märchenkommune ihr Profil ausbauen und Regine Normanns Märchenwelt und die nordnorwegische Küstengesellschaft sichtbar machen. In der Begegnung des Publikums mit der Natur, der Gesellschaft, der Geschichte und Regine soll jenes am Märchen teilnehmen dürfen. Durch den Austausch von Erzählungen soll der Kontakt zu anderen (Küsten-) Gesellschaften am anderen Ende der Welt geschaffen werden – um neue Mittelpunkte und neue Erzählungen zu erschaffen. (Serine Regine Nordmann *1867 – †1939 aus Bø in Nordnorwegen war eine bedeutende Autorin und Märchensammlerin)

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Die sieben Töchter von Alstahaug

In ganz Norwegen tragen mannigfaltige lokale Bezeichnungen Namen mythologischer Gestalten oder konnotieren mythische Geschichten. Einigen Autoren wie dem Dichter und Svartebokpriester Petter Dass (*1647 – †1707) werden auf Grund ihrer schöpferischen Tätigkeiten ganze Landschaftsbezeichnungen zugeschrieben. Eine Variante eines sehr schönen Beispiels sei hier nun erzählt.

Panoramic_view_of_the_Sju_Søstre_mountains,_Nordland,_Norway_(2007)

Im Norden Hålogalands saßen zwei mächtige Könige: Vågakalle und der Sulitjelmakönig mit dem Westfjord zwischen sich. Beide hatten ihre Sorgen. Vågakallen seinen aufsässigen Sohn Hestmann (Pferdmann) und der Sulitjelmakönig seine sieben wilden Töchter, welche er zur Landegode Insel geschickt hatte, wo auch die Lekamøya (das jungfräuliche Kindermädchen) war. Eines Abends sah Hestmann die Lekamøya und die sieben Töchter im Meer baden. Ein Blick und seine Begierde wurde so stark, dass er beschloss die Lekamøya in tiefer Nacht zu rauben. Zu Pferde und in voller Rüstung, mit wallendem Helmbusch und seinem Mantel geschlungen um die starken Schultern, jagte er gen Süden auf seinem Mitternachtsritt. Die Jungfrauen entdeckten ihn und flohen in aller Hast, so schnell und lange, bis sie weiter nicht mehr konnten. Dann gaben die sieben Töchter auf und warfen sich bei Alstahaug auf den Boden. Nur die Lekamøya setzte ihre Flucht fort nach Süden, während der König von Brønnøy in den Bergen stand und die wilde Jagd verfolgte. Da dämmerte der Tag mit goldenen Wolken. Der König sah plötzlich den enttäuschten Freier einen Pfeil auf den Bogen legen, doch da warf er stracks seinen Hut in den Weg und rettete somit der Lekamøya das Leben. Der Pfeil schoss im gleichen Moment vom Bogen und durchbohrte den Hut, welcher bei Torgar hernieder viel. In diesem Moment zog die Sonne auf und alles wurde zu Stein. So ward es erzählt.[2]

Torghatten

Die Sage von den sieben Schwestern erläutert weiträumig die verschiedenen Inseln und Bergketten der Region zwischen den Lofoten und dem nördlichen Polarkreis. Von Sagen, welche die Entstehung solch großer Gebiete zu erklären suchen, sind auch in Norwegen nicht viele überliefert. Oft reichen sie in heidnische Zeiten zurück und in mancher der alten Legenden lassen sich jene Elemente klar identifizieren. Aus heidnischen Tagen berichtet uns Sagen und Schöpfungsmythen von Landschaften und deren riesenhaften Bewohnern. Häufig wurde aber nicht nur eine mythisch anmutende Geschichte erzählt, sondern jene Darstellung diente auch einer genealogischen Zuordnung und hatte somit politische Konsequenz. Wie eng Vorzeiterzählungen, vor allem aber die altnordischen Sagas als Instrument identitärer Selbstverortung mit politischen Forderungen einhergehen, zeigt das folgende Beispiel aus der Orkneysaga.

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Wie Norwegen entstand…

Einst war ein König mit Namen Fornjót (dt. Vorzeitriese), er herrschte über jene Länder welche Finnland und Kvenland genannt werden, das ist im Osten der Bucht, welche sich nach Norden zu Gandvik erstreckt, welche wir Helsingbucht nennen. Fornjót hatte 800px-Pallastunturi,_February_morning_3drei Söhne, einer wurde Hler (dt. Meer) genannt, welchen wir Ægir nennen, der zweite Logi (dt. Lohe), der dritte Kari (dt. Wind). Er war der Vater von Frost, dem Vater von Schnee dem Alten, der Name seines Sohnes war Þorri, dieser hatte zwei Söhne. Einer wurde Norr genannt, der andere Gorr, seiner Tochter Name war Goi. Þorri war ein großer Opferer, er hatte alljährlich ein Opfer zu Mittwinter, welches sie Þorris Opfer nannten, von welchem der Monat seinen Namen bekam. Eines Winters gab es die Nachrichten zum Þorris Opfer, dass Goi verschwunden sei, und sie schickten nach ihr zur suchen, doch sie wurde nicht gefunden. Und als der Monat vergangen war ließ Þorri sie weiter opfern und hierfür opfern, dass sie sicher herausfinden würden, wo Goi versteckt war. Dies nannten sie Gois Opfer, aber trotz allem konnten sie nichts von ihr hören. Vier Winter später gelobten die Brüder einen Schwur, dass sie nach ihr suchen würden und sie die Suche so teilen würden, dass Norr an Land nach ihr suchen würde. Aber Gorr würde auf den Schären und Inseln suchen und so ging er an Bord eines Schiffes. Jeder der Brüder hatte viele Mannen bei sich. Gorr hielt mit seinen Schiffen entlang der Meerbucht und so hinein in die Allandsee (Åland). Danach sah er die schwedischen Schären weit und breit und all die Inseln, welche im Ostmeer liegen; danach zu den Gotlandschären und dann nach Dänemark, und sah dort all die Inseln. Er fand dort Angehörige welche von Hler dem Alten kamen, von der Insel Hler des Alten (Læssø), und er fuhr fort auf seiner Reise aber er hörte nichts von seiner Schwester.

Aber Norr, sein Bruder wartete bis Schnee auf den Heiden lag und es sich gut auf Schneeschuhen gehen ließ. Danach ging er fort von Kvenland und hinein in die Meerbucht und kam dorthin wo jene Männer waren, welche Lappen genannt wurden, das ist an der hinteren Seite der Finnmark. Aber die Lappen wollten ihnen den Durchgang verwehren und so kam es zur Schlacht. Und da folgten Macht und Magie 800px-IggesjavrreNorr und seinen Mannen und die Lappen ergriffen die Flucht sobald sie den Kriegsschrei hörten und sie die Waffen ziehen sahen. Aber Norr wandte den Kiel nach Westen und zog weit hinaus, bis sie keinen Menschen mehr sahen und sie schossen dort wilde Biester und Vögel für sich als Fleisch. Sie fuhren soweit, bis die Gewässer sich westwärts von den Bergen wandten. Dann fuhren sie den Gewässern nach und kamen zu einer See und vor ihnen lag ein Fjord so breit wie eine Bucht und Kleinviehäcker und große Täler führten zum Fjord herunter. Dort sammelte sich eine Meute gegen sie und sie machten sich rasch fertig zur Schlacht und die Auseinandersetzung verlief, wie sie es zu erwarten war. Alle dieser Leute fielen oder flohen,  aber Norr und seine Leute überrannten sie wie das Unkraut die Kornfelder.

Norr fuhr durch den gesamten Fjord und unterwarf ihn sich und machte sich zum König über die Gebiete, welche innerhalb des Fjords lagen. Norr wartete den Sommer über bis es auf die Herde schneite; dann setzte er Kurs durch das Tal, welches südlich des Fjordes liegt, dem Fjord welcher heute Drontheim genannt wird. Einige seiner Leute ließ er den Küsteweg um Mæren entlang ziehen. Er unterwarf sich alles, wohin er auch kam. Und als er südlich über die Berge kam, welche sich südlich zur Dalebucht befinden, zog er weiter nach Süden die Täler entlang, bis er zu einem großen Gewässer kam, welches sie Mjösa nannten. Dann zog er wieder nach Westen in die Berge, denn es wurde ihm berichtet, dass seine Männer eine Schlacht gegen einen König verloren hatten, dessen Name Sokni war. Dann kamen sie in ein Gebiet, welches sie Valdres nannten. Von dort zogen sie hinab zur See und kamen zu einem langen Fjord, jener welcher heute Sognefjord heißt. Dort trafen sie Sokni und eine große Schlacht entflammte zwischen ihnen, denn ihre Zauberkraft hatte keine Auswirkungen auf Sokni. Norr stieß heftig vor, er und Sokni tauschten Hiebe miteinander und da fielen Sokni und viele seiner Männer.

Danach fuhr Norr in den Fjord, welcher sich nördlich von Sogn erstreckt. Sokni hatteOLYMPUS DIGITAL CAMERA dort zuvor regiert, was heute Sogndal heißt. Norr blieb dort lange und der Fjord heißt heute Norefjord. Dort traf er seinen Bruder Gorr, aber keiner der beiden hatte etwas von von Goi gehört. Da Gorr von Süden kam, hatte er das gesamte Land entlang der Küste unterworfen und nun teilten die Brüder es unter sich auf. Norr bekam das gesamte Festland und Gorr sollte alle Inseln erhalten, überall wo er zwischen dem Festland und der Insel mit festem Ruder segeln konnte. Dann zog Norr ins Oppland und kam dorthin, was heute Heiðmörk (Hedmark) genannt wird. Dort regierte ein König, welcher Rolf vom Berg genannt wurde. Er war Sohn des Riesen Svade aus dem nördlichen Dovrefjell. Es war Rolf, welcher Goi Þorrisdatter entführt und aus dem Kvenland fortgebracht hatte. Er wandte sich gegen Norr und forderte ihn zum Zweikampf auf; sie schlugen sich lange und keiner von ihnen wurde verletzt und am Ende verblieben sie so, dass Norr die Schwester Rolfs zur Frau bekam und Rolf bekam Goi. So fuhr Norr wieder gen Norden zum Land, welches er sich unterworfen hatte, jenes nannte er Norveg (Norwegen).

Er regierte dort so lange er lebte und seine Söhne kamen nach ihm und teilten das Reich unter sich auf. Auf diese Weise wurden die Reiche kleiner, nachdem  die Könige mehrere wurden und so teilte sich das Reich in Fylke (Provinzen).

Gorr hatte die Inseln und deswegen wurde er Seekönig genannt; seine Söhne hießen Heiti und Beiti und sie waren Seekönige und überragende Männer. Sie heerten im Reich bei Norrs Söhnen und es kam zu vielen Kämpfen zwischen ihnen und bald gewann der eine, bald der andere der beiden Seiten. Beite begab sich nach Drontheim und heerte dort, er hielt sich dort auf welches heute Beitsjó (Beitstadfjorden) oder Beitstaðir (Beitstad) heißt, dort ließ er das Schiff übers Land ziehen nordwärts nach Elduneck (Elda), das ist wo die Naumtäler von Norden kommen. Er stellte sich selbst auf das Heck und hielt das Steuer und auf diese Weise eignete er sich alles Land an was auf der Backbordseite lag. Dort sind viele Gehöfte und viel Land. Heiti, Gorrs Sohn, war der Vater von Sveiði Seekönig, Vater von Halvdan dem Alten, Vater von Ivar Opplendingejarl, Vater von Eystein Glumra, Vater von Ragnvald Jarl dem Mächtigen und Einfallsreichen.

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Regionale Legenden und internationale Politik

In die alten Schöpfungsmythen wurden politische Stränge eingeflochten und so erklärt auch die Orkneysaga im weiteren Verlauf die Verbindungen zu den späteren Königshäusern Englands und den atlantischen Einzugsgebieten vikingerzeitlicher Expansion, wie auch zum Königsgeschlecht Haraldr Hárfagris. Königslegitimationen und Erbfolgeregelungen bemaßen sich am ältesten Strang einer Blutlinie und wurden zum Ziele der Unanzweifelbarkeit auf uralte Gestalten wie die Riesen von Dovre oder Kvenland zurückgeführt, oder ganz und gar an den Schöpfungsanfang. Nicht die Außergewöhnlichkeit oder Leistung des Thronanwärters war rechtfertigend genug, sondern es bedurfte einer zweifelsfreien Abstammung, an welcher sich die Heiligkeit der Sippe zeigte. Die nordgermanische Gesellschaft war eine Sippengemeinschaft in welcher das Individuum dem Geschick der Sippe Folge zu leisten hatte. Das Individuum vermochte mit seiner bestimmten Entfaltung somit der Sippe zu Ehre oder Schmach geleiten. Einen Nachhall dessen vermag man der Hávamál zu entnehmen:

Sonr er betri                                                           Ein Sohn ist besser
þótt sé síð of alinn                                                  ob spät geboren
eftir genginn guma                                                 nach des Vaters Hinfahrt
sjaldan bautarsteinar                                             selten Gedenksteine
standa brautu nær                                                 am Wege stehen
nema reisi niðr at nið                                             setzt der Freund dem Freund sie nicht

Deyr fé                                                                   Vieh stirbt
deyr sjalfr it sama                                                  endlich stirbt man selbst
en orðstírr                                                              der Ruhm
deyr aldregi                                                            nimmer stirbt
hveim er sér góðan                                                jenem der sich einen guten
getr                                                                         gewann

Dem Sippenschicksal konnte ein Individuum jedoch nicht entfliehen. Das Prinzip des verhafteten Sippenglückes Hamingja war gewissermaßen festgelegt und nur bedingt beinflussbar. Nur so werden die scheinbar unantastbaren Klassenlegitimationen plausibel, welche in solchen Darstellungen wie der Rigsþula ihren Niederschlag finden. Im intereuropäischen Kontakt und mit der Ausweitung der Herrschafts- und Siedlungsgebiete auf okkupierte Gegenden, wie zum Beispiel den Orkneyinseln, wurde der Bedarf an solchen Darstellungen natürlich größer. Man baute gewissermaßen auf die bestehenden Legenden auf und konstatierte sie aufs Neue. Die Schwierigkeit herauszufinden, welcher Teil einer solchen Geschichte mit Elementen naturmystischen Ortsbezug konstruiert, und welcher als einstiger reiner Natur- und Schöpfungsmythos zu gelten hat, erklärt sich daher von selbst. Blieben solche Darstellungen bar identitärer Aufladungen, wurden sie als Weisen und Regionalsagen im Volksmund überliefert. So dienen sie heute als nette Aufmacher einer verschwommenen Vergangenheit und transportieren ein Gefühl der Mystik in die Ohren und Augen interessierter Besucher. Eine andere Geschichte von Sieben Schwestern, ist jene über die Sieben Schwestern vom Geirangerfjord. Diese kleine Anekdote präsentiert alljährlich tausenden Touristen auf den Kreuzfahrtschiffen durch den Fjord eine Imagination vergangener Wildheit und Mystik.

DCF 1.0Jene sieben Schwestern ließen ihre Haare über den Fels ragen, welche als Wasserfall in die Tiefe stürzen und betörten so den auf der anderen Seite liegenden Skageflå Wasserfall. Er warb um die sieben Schwestern, aber wartete lange und vergebens auf Erfolg. Der Freier wurde depressiv und verfiel der Flasche, wodurch er seine heutige Form erhielt. So heißen die beiden Wasserfälle des berühmten Geirangerfjordes heute noch De syv søstrene (die sieben Schwester) und Friarfossen (dt. Freier-Wasserfall).

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Von Bautasteinen und kämpfenden Trollen

Aber auch synkretistische Geschichten, welche auf die Zeiten der Christianisierung zurückweisen und geographische Erscheinungen mit Entitäten des heidnischen Pantheons verbinden, finden sich mannigfaltig in Norwegen. Ein beliebtes Motiv ist das des Steinwurfes. Viele der Bautasteine, welche charakteristisch als unbeschriftete Minnesteine noch lange nach der Etablierung des Christentumes ihre Verwendung fanden, wurden mit märchenhaften Anekdoten versehen und dem Wirken heidnischer Wesen zugesprochen. Konnte ihre einstige Bedeutung nicht rekonstruiert werden oder ging sie in der kollektiven Erinnerung der Regionalgemeinschaft verloren, wurden diese Objekte mit neuen Mythen konnotiert.

Før de bygde kirke på Bagnsmoen, sto kirka på Flatåker på Ulejordet. Da første messe etter reformasjonen skulle feires, merket presten at menigheten listet seg ut av kirka, en etter en. Da kirken var tom og han sto der alene, gikk han også ut og fikk se at det var en stor hulder som sto på Langebergsenda og stuta en vakker lått på horn. Presten sendte noen trolldomsord mot henne og da ble hun så sint at hun kastet tre steiner etter kirka. Den ene falt ned på Ellendhaugsjorde. Den er sprengt bort nå, men var stor som et hus. Den andre ligger rett nedenfor der kirka sto og den tredje ligger på Øydgardsjordet. Da huldra hadde kastet steinen kom det en svart vær etter berget og stanga henne utfor Langeberg. Året etter fant de beinrangelet etter henne og leggbeinet var ni alner langt. Låtten hun spilte kalles Langeberglåtten. [3]

RuggesteinenSo manche der Steine wurden laut Volksmund von Riesen geworfen, weil sich die vermeintlichen Unholde vom Kirchendienst oder Glocken-geläut gestört fühlten. Andernorts waren es Streitigkeiten zwischen ihnen, welche im gegenseitigen Steinbewurf gipfelten. Neben Rugge- und Bautasteinen waren besonders imposante Felsformationen sehr geeignete Geschichtenträger. Der Jutulhogget Canyon im Rondane Nationalpark nahe Alvdal wurde in regionalen Erzählungen zum Beispiel auf den Streit zweier Jöten zurückgeführt. Aber auch kleinere Steine von besonderer Form wurden von Trollen und Hexen geschaffen und dann zur Zauberei benutzt.

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Selbstverständlich reichte die Konnotation von Naturerscheinungen mit mythischen Entitäten auch in das Reich der Fauna, wurden die Wälder in den Schöpfungs- darstellungen der Grímnismál beispielsweise auf die Haare und Wimpern des von den Göttern getöteten Ymir zurückgeführt. Eis und Feuer waren Urkräfte aus denen die Welt entstand und die ersten Wesen geboren wurden. Dass jene in den Erzählungen in Regionen ihre Heimat fanden, welche nicht nur unwirtlich, sondern auch diesen Urelemente am nahesten standen, erklärt sich von selbst. Die weiten Berge, raue Felslandschaften und tiefe Wälder beherbergten selbstredend zivilisationsfeindliche, ordnungsferne Gestalten. Natürlich war nicht alleine das Dovrefjell Wohnstätte der Jöten. Die schneebedeckten Hochgebirge waren stets der Reifriesen Hort, deren Nachkommen Eintritt ins Ásen- und Menschenreich fanden. Die jagende und skilaufende Skaði, Tochter des Reifriesen Þjazi, wurde nach dessen Ermordung durch Lóki und die Ásen dem Vanirgott Njörð zur Frau. Als die Ehe zerbrach heiratete sie Odin. Aus dem Reich des Fremden und Bedrohlichen war sie deutlich in die Nähe von Ásgarðr und der geordneten Welt gerückt. Dies ist freilich ein literarischer Prozess. Dennoch gibt es Hinweise, welche einen Kult um sie vermuten lassen und sich unter anderem in regionalen Ortsbezeichnungen niedergeschlagen haben mögen. Selbst der Name der Halbinsel Skaninavien wurde mit ihr in Verbindung gebracht. Die Riesentochter und Odin standen im 10. Jahrhundert im Skaldengedicht Håleyatal des Eyvindr Skáldaspillir darüber hinaus Stammpate für das Geschlecht der Ladejarle, wodurch die Herrschaftsberechtigung jener Linie göttlich verifiziert und konserviert wurde. So gewann man einen mindestens gleichberechtigten Machtanspruch an der Seite Haraldr Hárfagris. Nachkommenschaft. Diese rechtfertigte ihren Allmachtsanspruch nämlich ebenfalls durch göttliche Abkommenschaft, welche die Ynglingatal des Skalden Þjóðolfr enn hvinverski im 9. Jahrhundert durch eine auf den Vanirgott Yngvi-Freyr (Njörðs Sohn) zurückführende Blutlinie (das Geschlecht der Ynglinge) zu konstatieren suchte. Noch einmal wird deutlich, welche Bedeutung naturmystische Erzählungen und regionale Verortung auf die Politik der Vergangenheit, aber auch auf die gemeinschaftliche Wahrnehmung einer Region hatten. Mythologische Komplexe, beeindruckende Naturerscheinungen und daraus erwachsene Lokalmythen bilden bis heute Konsequenzen aus und reichen von der Vergangenheit bis in die Gegenwart als Werkzeug nationaler Selbstdefinition.

Somit ist Natur für viele Menschen in Norwegen noch immer mehr als nur der Moment grüner Umgebung, gesunder Luft und einkehrender Stille:

Jeg har flere ganger appellert til ledende naturvernere om et vern av Norges «identitets-fjell» mot kommersialismens nedhøvling av alle høyder. (…) Hav (oljeboring!) og fjell henger ihop i norsk mentalitet. Begge gir vår identitet og skal beskyttes. Appell til begge gir norsk klangbunn, og dermed vilje til vern. [4]

Ich habe mehrere Male an die führenden Umweltschützer um einen Schutz Norwegens  „Identitäs-Fjells“ gegen das Niederhobeln aller Höhen durch die Kommerzialisierung appelliert. (…) Meer (Ölbohrung!) und Fjell hängen in der norwegischen Mentalität zusammen. Beide geben uns unsere Identität und sollen beschützt werden. Der Appell an beide gibt norwegischen Klangboden und somit Wille zum Schutz.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

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[2] Frei übersetzt nach Quelle: http://www.bronnoy.kommune.no/torgh#sagnet

[3]av Knut Hermundstad

[4] http://www.kulturverk.com/2012/03/03/hav-og-fjell-norsk-identitet/

Regine Nordmann Bücher: Nasjonalbibliothek

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Bilderquellen:

Panoramic view of the Sju Søstre mountains, Nordland, Norway (2007); Autor: Werner Hölzl; GNU Free Documentation License, Version 1.2; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Panoramic_view_of_the_Sju_ %C3%B8stre_mountains,_Nordland,_Norway_%282007%29.jpg

Torghatten; Autor: Werner Hölzl; GNU Free Documentation License, Version 1.2; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Torghatten.jpg

Ruggesteinen; Autor: Caow; 3.0 Creative Commons Unported; http://no.wikipedia.org/wiki/Fil:Ruggesteinen.jpg

Knivsflå; Autor: Frode Inge Helland; Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported; http://nn.wikipedia.org/wiki/Fil:Knivsfl%C3%A5_%282007-06-17%29.jpg

Pallastunturi, February morning 3: Autor: Ximonic, Simo Räsänen; GNU Free Documentation License; http://www.google.de/imgres?imgurl=http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/97/Pallastunturi,_February_morning_3.JPG&imgrefurl=http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pallastunturi,_February_morning_3.JPG&h=1840&w=3264&sz=3103&tbnid=e5cCmOZS5FR6CM:&tbnh=76&tbnw=135&zoom=1&usg=__XNOzpT3v2j1__s-1BalZrDLBvLM=&docid=sIwJZosZlAmn-M&itg=1&sa=X&ei=9LPFUaawDsjStAaAp4DAAw&ved=0CE0Q9QEwAw&dur=1009

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