An unsere Grenzen und darüber hinaus

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Tag 4. Kilometer 90. Erschöpfung. Akkus leer. Wir kämpfen, kämpfen uns vorwärts jeden Kilometer. Die Sonne brennt die Haut vom Nacken und der Schweiß trocknet nicht in den Kleidern, wenn man versucht, sie über Nacht im Zelt zu trocknen.  Unter den Füßen nichts als Asphalt. Seit fast 100 Kilometern.

Dieser verfluchte Asphalt! Und dann kommt der Regen. Er kühlt, rinnt über die Gesichter und löscht den Durst bis er uns schließlich doch in die Regenklamotten zwingt. Wieder Schweiß. Wieder nicht trocken. Es ist die härteste Tour, die jeder von uns bisher bestritten hat. Wir versuchen Gewicht zu reduzieren und füllen die gewonnenen Gramm mit Trinkwasser auf. Die Füße brennen und es fließen Tränen vor Erschöpfung. Essen auf Ration, zu wenig Wasser. Als die Sonne untergeht liegen die Nerven blank. Wir haben keine Kraft mehr weiter zu laufen. Laut Karte waren es nur noch 4 Kilometer, aber diese sind schon einige Kilometer her. Wir stellen den Wecker, es ist kurz vor 23.00 Uhr. Noch 20 Minuten, dann müssen wir lagern. Aber wo zwischen all dem Fels und Geröll? Wir schauen uns kurz an, dann rennen Adrian und ich los mit unserem Gepäck. Wir haben zwanzig Minuten dieses verdammte Lager zu finden. Als Ornellas Funkgerät uns zum endgültigen Halt zwingt, fällt unser Blick auf einen Wegweiser mit einer Pilgermarke. Noch 300 Meter bis Orebergvannet! Wir sind überglücklich – die letzen Schritte und tatsächlich gelangen wir an den ersehnten See mit dem Lagerplatz, nach über 30 Kilometern. Eine kleine Pilgerhütte mit Feuerstelle steht offen und bittet die Gäste zur Nachtruhe. Wir müssen also nicht einmal das Zelt aufbauen. Erschöpft und überglücklich fallen wir am Felsstrand nieder, während sich der Abendnebel über den in die Berge geschlagenen Waldsee legt. Stille. Endlich.

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Der Morgen ist traumhaft und entschädigt für die Mühen des vergangenen Abends. Der See kühlt uns ein wenig vor, beim Schwimmen im Sonnenaufgang. Auch diese Etappe wird kein Zuckerschlecken. Wieder Asphalt, wieder Schweiß. Am Folgetag erreichen wir Oslo. Auch hier Tränen der Erschöpfung. Die mobile Gruppe hat soviel gearbeitet, dass sie am Ende ihrer Kräfte angekommen ist. Sie schlafen kaum, essen nicht genug denn der Termindruck ist so enorm. Es sind die Tage an denen wir alle an unsere Grenzen gelangen. Und wir wachsen darüber hinaus. Diese Momente, die soviel Kraft von uns allen verlangen, seelisch und körperlich, sind doch nicht umsonst. Umgeben von großartiger Natur, wundervollen Menschen, die uns mit all ihrer Unterstützung weiter voran bringen, lassen uns wissen, dass all das sich lohnt. So zum Beispiel die Familie von Pfarrerin Ellen Martha Blaasvær welche uns auf dem Weg anspricht und uns zum Abendbrot in ihr Haus einlädt. Während Ornella, Sven, Adrian und ich durch die Stille der Nordmark wandern, treffen Hannah, Christoph und Marian auf spannende Persönlichkeiten, die mit herzlicher Offenheit sie an ihrem Wissen teilhaben lassen und ihnen Einblicke in ihr Leben geben. Schritt für Schritt kommen wir alle voran. Tiefer in die norwegische Gemeinschaft und tiefer in die sie so sehr prägende Natur.

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Familie Blaasvær aus Frogner, Lier Kommune 

Tag 9. Kilometer 180. Blauer Himmel. Weiter Blick und Häuser am Horizont. Wieder fließen Tränen. Doch es sind Tränen der Freude. Wir erreichen Halvorsrud in Jevnaker, meine Heimat und Familie in Norwegen im letzen Jahr. Es ist, als kommen wir nach Hause. Herzliche Umarmungen nach einer gefühlten Ewigkeit, liebevolle Worte, endlich Entspannung. Alle kommen zusammen, Freunde und Bekannte und auch die Wandernden und die mobile Gruppe sehen sich endlich wieder. Halvor, mein Gastvater setzt die Sauna auf. Mensch werden. Wir kühlen uns ab im Gartensee und speisen alle bei reichgedecktem Tisch und vorzüglichem Wein. Die erste Dusche nach zwei Wochen, das erste Bett seit Berlin. Die einfachen Dinge werden die kostbarsten, hat man sie so lange entbehrt. Reich ist man im Herzen. Auf dem Weg nach Oslo habe ich mein Knie verletzt und es brennt wie Feuer. Seit Tagen habe ich dagegengehalten. Endlich kann ich es versorgen und entspannen. Am nächsten Tag rasten wir in Jaren bei Thore, Halvors Bruder. Wieder ein Abend voller Wärme und herzlicher Umsorge. Wir haben aufgetankt. Mit neuem Mut und neuer Kraft geht es in das zweite Drittel unserer Reise. Zwar falle ich selbst noch ein bis zwei Tage aus, da mein Knie zu abgekämpft ist und nur deshalb kann ich diese Zeilen schreiben, aber in Gedanken bin ich bereits wieder unterwegs. Ich kenne Menschen mit außergewöhnlichem Mut und Willensstärke. Ein jeder meiner Mitstreitenden hier zählt dazu. Wir sind am richtigen Platz zur rechten Zeit. Einen herzlichen Gruß voraus an alle unsere Unterstützer. An Euch in Berlin, an unser Institut und Dozierenden, an unsere Freunde in Norwegen. Vorallem aber an unsere Familien und Lieben, ohne Euch wäre das alles nicht möglich. Im Herzen seid Ihr stets mit uns.

Vielen lieben Dank! Björn

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PS: Checkt auch unsere neue Rubrik Galerie (oben in der Adressleiste). Hier findet ihr die neuesten Eindrücke und Bilder von der Tour.

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4 Gedanken zu „An unsere Grenzen und darüber hinaus

  1. God dag, bin durch Zufall auf Eure Seite gestoßen. Mein Mann und ich sind 2011 von Lillehammer bis Trondheim den Olavsweg gegangen (11.06. – 29.06.) Ich verfolge Euren Weg in Gedanken und freue mich auf weitere Berichte und Bilder. Gud tur

  2. Oh Mann, Leute! Da fiebert man ja richtig mit und es nötigt mir großen Respekt ab, wie ihr diese Schwierigkeiten meistert. Hut ab! Und weiter so! Beim Crowdfunding sind es nur noch 180 Euro, das ist zu schaffen!

  3. Mit Spannung verfolgen wir jeden eurer Berichte – freuen uns und leiden mit euch und drücken euch vor allem ganz doll die Daumen für das Gelingen eures Projekts. Unsere besondere Anerkennung gilt den beiden Frauen, Hut ab vor ihren Leistungen!
    Viele Grüße Ines und Thoralf

  4. Glückwunsch Euch Wanderstudenten für die bisherigen tollen Leistungen. Wir (U+E) fühlen und leiden mit Euch und sind ein wenig neidisch, daß wir selbst das nicht mehr nachvollziehen können. Aber was solls. Ihr liefert so herrliche Bilder und Komentare, dass man meint, dabei zu sein.
    Wir wünschen Euch für die nächsten Etappen viel Kraft, beste Gesundheit, haltet als Truppe wie bisher zusammen, dann werdet Ihr auch alle Widrigkeiten bewältigen und Euer Ziel erreichen.
    Wir erwarten sehnsüchtig eure weiteren Berichte. Herzliche Grüße Euch allen von
    Ute+Ebi (besten Dank für die Genesungswünsche für Ute)

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