Mot helvete – mot horisont

PIC_0154 (2)Nebelschwaden peitschen uns Hagel in den Rücken. Wütend treibt uns der eisige Sturm den Bergrücken hinauf. Ich sehe nichts. Nichts von der Welt, nichts von den Stiegen, die einst Menschen in die Flechten traten auf ihrem Weg nach Norden. Hier ist nichts außer Sturm und Steppe. Die Wolken verdecken unsere Köpfe und die Kälte reißt Kerben in die offene Haut. Alles verstummt.

Ödmark.

Im Land des Riesen habe ich zu mir selbst gefunden. Dort wo alles erlischt, bleibt nichts übrig außer das Selbst. Die Dualität hebt sich auf, Leben ist wo nichts mehr sein kann. Mit jedem Schritt durch die verschwimmende Peripherie wird mir klar, dass Glück die Essenz des Atems in uns ist. Zum ersten mal bin ich völlig glücklich und bedürfnislos. Hier gibt es nichts mehr, wonach ich mich sehne. Zeit verliert ihren Sinn hat man die Gegenwart erst einmal erreicht, Bewertung ausgelöscht als ein Begriff dualer Illusion. Ich bin am Ziel meiner inneren Reise, im Zentrum der Welt und meiner selbst. Alles ist in mir und nichts darüber hinaus ist wahr. Unter mir atmet ein Wesen, ich bin sein Kind.

Subjektive und Objektive sind keine Antigone, sondern Blickrichtungen desselben Betrachters. Als wir uns auf 1600 Meter die lebensfeindliche Steinwüste hinauf schleppen, wirken die letzten Mooshalme wie die Borsten des alten Ymir, aus dessen Leib Ásengötter einst die Welt erschufen.  Hier, wo in den Winterstürmen alles Leben zu erlöschen scheint und kein Grashalm mehr von Erde zeugt, treiben noch immer trotzige Flechten ihr Grün über die Klippen. Steinschluchten tun sich vor uns auf und wir müssen aufpassen, nicht die Felsen hinab zu stürzen. Der kalte Nebel überzieht glatt den gebrochenen Berg, die Konturen der Person die hinter einem läuft, verschwinden rasch nach wenigen Metern. Niflheimr- der Reifriesen Hort.

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Steil windet sich der Pfad hinab und während wir die Felsen hinunterklettern, bricht der Himmel plötzlich vor uns auf und offenbart eine riesige Schlucht mit tiefgrünen Berghängen, donnernden Wasserfällen und türkis leuchtenden Seen. Weit in die Ferne ziehen Flüsse ihre Bahn, getränkt vom Regen der letzten Tage und den Eisfeldern der Berge. Unter einem Felsverschlag finden wir windstille Rast. Honig und Lompe (ein Weizenfladengebäck) geben uns erste Stärkung nach der eben erlebten Wiedergeburt. Zucker auffüllen, regenerieren. Soweit das Auge blickt, ist nichts zu sehen, was Menschenhand erahnen lässt. Einzig der markierte Pfad ist wieder deutlich erkennbar und weist uns den Weg in die Ferne. Ein wunderbarer Weg, vorbei an schneebedeckten Gipfeln, moosgesäumten Mooren und tiefen Canyons an den Rändern der Ebene. Die nassen Füße spüren wir nicht mehr, die Kälte vergeht solange man läuft. Vieles ist eine Einstellungssache. Darum bewundere ich jeden meiner Mitstreitenden. Da ist Sven, der vielleicht fast noch doppelt soviel wiegt, wie sein gesamtes Gepäck und der sich geduldig durch den kalten Regen schiebt, immer wieder anhält, um meine Kameraperspektiven zu erdulden. Oder Adrian, der mit seiner unermüdlichen Ausdauer und inneren Ruhe die Gruppe auf Zeitkurs hält und zur Ration zwingt.

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Aber vor allem bewundere ich Ornella. Sie hat eine unglaubliche Kondition und Kraft entwickelt. Jeden Meter beißt sie sich durch das Niemandsland vorwärts, wird stärker Schritt um Schritt. Insgesamt ist die Gruppenintegrität überragend. Wir sind ein Team, ohne wenn und aber. Selten haben wir Meinungsverschiedenheiten, keine endet im Streit. Die Tour hat uns zu einem Körper zusammen geschweißt, in welchem jeder seine Funktion erfüllt und seinen Platz einnimmt.

Während ich darüber nachsinne und mit Adrian in kreativen Zukunftsplänen schwelge, erscheint die Silhouette eines Seter am Horizont. Wir erreichen Øvre Dørål, eine Wirtshütte des DNT (Den Norske Turistforeningen) und unser Treffpunkt mit der mobilen Gruppe. Es ist jetzt 19.00 Uhr. Warmer Kaffe und herzliche Umarmungen füllen die Energieressourcen, wir tauschen Neuigkeiten aus, erneuern die Essensvorräte und trocknen so gut es geht unsere Sachen. Hannah und Marian waren fleißig unterwegs und haben versucht, der dünnbesiedelten Landschaft ihre Trollgeschichten und Anekdoten abzuringen. Dank ihnen müssen wir nicht hier nicht übernachten. Die Bedienung ist freundlich, aber die Preise sind norwegisch. Und sowieso können wir nicht hierbleiben. Die Tour und die Etappen sind klar kalkuliert und erlauben nur wenig Spielraum für Verschub. Unser Tag ist also noch nicht zu Ende. Gegen halb neun machen wir uns wieder auf. Eine letzte Überquerung zwischen zwei Bergkuppen, bevor wir unser geplantes Nachtlager erreichen. Laut Karte sind es ca. 3,5-4 Kilometer. Die Bedienung wünscht uns zwar alles Gute auf dem Weg, ermahnt uns aber besser hier zu lagern, der Weg sei am Abend gefährlich.

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Entsprechend schnell gehen wir den Aufstieg an. Wir haben aufgetankt, aber die Luft ist auf dieser Höhe deutlich dünner und deutlich langsamer als gedacht steigen wir die Schlucht hinauf. Die Sonne hat den Himmel auf der anderen Seite der Berge bereits in Rot getaucht, im Rücken naht die Nacht. Wir verlassen bewachsenes Terrain und der Weg verliert sich im Bruch der abgestürzten Felsen. Es ist kein Pfad, es ist eine Steinöde zwischen hochgeschossenen Klippen. Jeder Tritt eine Jonglage, jede Bewegung ein Versuch, nicht mit samt den losen Brocken hinabzurutschen oder sich in den scharfkantigen Spalten die Beine aufzuschneiden. Zwar gibt es Markierungen, jedoch wirken sie zynisch, da es keine befestigte Substanz mehr gibt und sie im Dunkel bis zur Unkenntlichkeit verschwinden. Entsprechend seiner Schrittweite versucht ein jeder, so gut es geht seinen eigenen Weg durch die Felsen zu finden. Sven hat bereits seine Stirnlampe ausgepackt, er und Ornella sehen fast gar nichts mehr. Adrian und ich gehen ohne Lampe voran. Mich verwirrt das Kunstlicht vielmehr, als das es bei irgendetwas hilft. Nein, die Augen werden besser, lässt man sich auf die Situation ein. Man lernt, auch in der Nacht zu sehen. Auf den höchsten Passagen überschreiten wir Permaeisfelder. Kurz überlegen wir, hier zu lagern und das Zelt direkt auf dem Eis aufzuschlagen. Es ist die einzige ebene Fläche in Sicht und wir wissen nicht, wie weit die Felshalde nach unten reicht. Dennoch ist mir nicht wohl bei der Sache. Irgendetwas sagt klar, dass wir den Ort verlassen sollen. Kein Stein ist sicher und niemand weiß, ob nicht nachts Teile der Klippen nach unten stürzen und die Zelte überrollen. Der Entschluss steht, wir klettern weiter! Nur nicht stehenbleiben, laufen um jeden Preis.

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In diesem Moment scheint plötzlich ein helles Licht über unsere Rücken und leuchtet uns mit aller Kraft den Weg ins Tal hinab. Der Mond steht in voller Pracht in der Schlucht und begleitet unsere Schritte solange, bis wir wieder eine Fläche mit Moos erreichen. Diese ist zum Glück auch eben genug, um unser Lager aufzuschlagen. Wir bauen die Zelte unter einem fantastischen Sternenhimmel auf und gedenken voller Demut dieser unbeschreiblichen Natur, welche uns sicher durch ihre feindlichsten Gefilde wies und uns dabei so nah an uns selbst geführt hat, wie es kein anderer zu tun vermag. Eingebettet vom Bergwind und unseren warmen Schlafsäcken versinken wir im Traum. Irgendwo hochoben in den kalten Bergen des Rondanefjells und mit der Gewissheit auf einen atemberaubenden Ausblick am kommenden Morgen.

Hilsen, Björn

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3 Gedanken zu „Mot helvete – mot horisont

  1. Ich bin überwältigt. Im Moment bin ich in Eile , werde deshalb in den nächsten Tagen einen ausführlicheren Komentar schreiben. Ich drücke Euch die Daumen, bleibt gesund und stark! Ute und Ebi

  2. Endlich! Jeden Tag haben wir diesem Bericht entgegen gefiebert und gehofft, dass ihr gesund seid und alles gut läuft. Und jetzt dieser Bericht! Ebi hat absolut recht – man kann es nicht anders ausdrücken, man ist einfach überwältigt. Wir empfinden eine riesige Freude für und mit euch! Besonders beeindruckt uns euer Zusammenhalt, den du mit einem Körper vergleichst. So etwas erlebt man nicht oft im Leben. Haltet es fest! Die Bilder in Facebook sind fantastisch und ein Lohn füt eure Strapazen. Möget ihr die restlichen Kilometer eurer Tour auch so gut überstehen. Wir sind in Gedanken bei euch!
    Ines und Thoralf

    Thoralfs Kommentar zu Adrians letztem Bericht ist anscheinend „verschütt gegangen“, jedenfalls wird er nicht angezeigt. Schade.

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