Zwei Blickwinkel

Mein Rucksack ist umgepackt, alles was ich für die Interviews und Filmtermine gerichtet hatte ist aussortiert. Stattdessen ist jetzt Platz geschaffen für Proviant und Teile der Filmausrüstung. Durch Björns kniebedingtes Ausfallen komme ich in die besondere Lage diese Reise auch mal aus Sicht der Wandernden zu erleben. Eine Situation, die mich nach über zwei Wochen in der mobilen Gruppe und Teil dieses eingespielten Teams im ersten Moment ein wenig überrumpelt.

Auf dem Weg zum Treffpunkt gestehe ich Marian meine Nervosität. Ich mache mir Gedanken über meine körperliche Kondition, ob ich die anderen mit ihren knapp 300 Kilometern Vorsprung in den Waden zurückhalten werde. Oder ob mit Björn in Sachen Landeskunde und Outdoor-Erfahrung ein zu essentieller Teil der Gruppe wegfällt, den ich nicht ersetzen kann. (Dass diese Bedenken unnötig waren brauche ich hier wohl nicht extra zu betonen…)

Während meine Aufgabe in der mobilen Gruppe zu großen Teilen darin bestand, Überblick zu behalten über alles Organisatorische, feststehende und noch zu vereinbarende Termine, Emails die beantwortet werden müssen, Uhrzeit, Datum und Ort, sind die Tage mit der Wandergruppe der krasse Gegensatz. Schon nach kurzem verliert sich jegliches Gefühl für Zeit und Ort. Dafür treten Dinge ins Bewusstsein, die zuvor einen ganz anderen Stellenwert hatte. Zu Beginn der Reise hatten wir Tagen an denen wir schlicht und einfach vergasen zu essen. Terminliche Verpflichtungen und Überspielen und Sichern der Daten nahmen so viel Zeit in Anspruch, dass körperliche Bedürfnisse wie Schlaf und Nahrung vor dem Ehrgeiz, dem Projekt Genugtuung zu bieten zurückwichen. Hier auf dem Weg ist das nicht möglich, der Körper fordert Energiezufuhr auf eine Weise die nicht zu ignorieren ist. Auch die Abhängigkeit von Wetter und Tageszeit ist enorm.

_DSC7940Die schon von Adrian angesprochen Tagesroutine bestehend aus Lagern, Laufen und Essen geht einem schnell in Mark und Knochen über. Für den Geist bleibt da viel Spielraum. Im Rahmen der Interviews haben wir viele interessante Menschen getroffen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Professoren, Sportler, Freizeit-Wikinger und Geistliche. Auf jede Persönlichkeit mussten wir uns neu einstellen und wirklich jeder hat uns und das Projekt mit seiner Geschichte bereichert. Jetzt bin ich es vor allem selbst, der ich Fragen stelle. Fernab von zu Hause und der Heimat habe ich das Gefühl den Menschen, die mir viel bedeuten noch viel näher zu sein. In Gedanken schreibe ich ganze Romane, Worte die wahrscheinlich nie ihren Weg zu Papier finden werden, Gespräche, die so nicht geführt werden. Zukunftspläne werden geschmiedet und Vergangenes aufgearbeitet. Es tut gut sich mal wirklich nur aufs Essentielle konzentrieren zu müssen und dadurch so viel mehr Platz für anderes zu haben. Das Gefühl Zeit zu vergeuden existiert nicht. Einziges Merkmal, dass wir tatsächlich auf dem Weg zu einem festen Ziel sind, sind die Pilgermarken, die in unregelmäßigem Abstand den Wegrand säumen. Nach ein paar Tagen stelle ich fest, dass die rote Olafsrose mir jedes Mal ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Ein stiller Begleiter und immer ein Beweis, dass wir vorankommen.

_DSC8501Wenn wir abends beim Essen und beinahe schon rituellen Verarzten der Füße zusammensitzen, lassen wir den Tag Revue passieren. Da wir meist schweigsam miteinander gehen ist es schön zu erfahren, über was sich die anderen den Tag über so Gedanken gemacht haben.  Die Eindrücke sind sehr verschieden und häufig sind es Kleinigkeiten, die uns am meisten berührt haben. Die wilden Beeren, die wir für den Nachtisch gesammelt haben oder das freundliche Zunicken der vorbeifahrenden Leute.

_DSC7933Wieder zurück  im Auto fühlt sich das Ganze fast ein bisschen an wie ein Traum. Der erste Tag ist Erholung pur, aber schon am zweiten fehlt mir die Bewegung. Ständig habe ich das Gefühl jetzt weiter zu müssen, um rechtzeitig am Lagerplatz anzukommen. Auf der anderen Seite ist da der Luxus einer heißen Dusche und die Freiheit sich hinzusetzen wann immer einem der Sinn danach steht.

Die beiden Erfahrungen gegeneinander aufzuwerten wäre falsch, sie sind zu verschieden und gleichermaßen wertvoll. Ich hab viel gelernt bis jetzt, über dieses Land, seine Menschen und seine Geschichte. Aber auch über mich selbst und jeden Einzelnen aus der Gruppe. Ich finde es bezeichnend für uns alle, dass wir zwar in Fantasien über Leibgerichte und Schaumbäder schwelgen, dies aber immer mit einem zwinkernden Auge geschieht. Wir fluchen innerlich, ganz selten auch mal laut über körperliche Gebrechen, technische Hindernisse und ja, die norwegischen Preise. Aber vom „Aufgeben“ fällt nie auch nur ein Wort…

Auf die nächsten zwei Wochen!

Hannah

Advertisements

Ein Gedanke zu „Zwei Blickwinkel

  1. Danke Hanna! Mit deinem Bericht erhalten wir nun auch einen kleinen Einblick in die Arbeit der mobilen Gruppe, die für das Gesamtprojekt ja enorm wichtig ist. Ihr kamt bisher immer ein wenig zu kurz, dabei habt ihr bestimmt viel spannendes zu berichten und arbeitet genauso hart wie die anderen. Man kann beides nicht miteinander vergleichen und doch sind es zwei Teile eines fantastischen Ganzen – einer eingeschworenen Truppe, in der sich einer auf den anderen blind verlassen kann. Auch das macht euer Projekt zu etwas ganz besonderem – für euch und für alle die mit euch fiebern.
    Viele Grüße von Ines und Thoralf

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s