Ankunft.

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Ankunft – 29.08.2013, 18:30 Uhr, Nidarosdom (Trondheim)

Das letzte Mal die Wanderschuhe schnüren.

Ein seltsames Gefühl. Ich freute mich auf das Ankommen und doch war es ein wenig seltsam zu wissen, dass es in ein paar Stunden vorbei sein würde mit dem Leben, mit der Routine, an die wir uns in den letzten Wochen gewöhnt hatten.

Oft hatten wir uns unterhalten über diesen Tag – den Tag der letzten Etappe. In den anstrengendsten Stunden haben wir uns ausgemalt, wie leicht uns die letzte Etappe fallen würde, dass wir fast tanzend am Dom ankommen würden.

Aber ganz so wurde es dann doch nicht. Im Gegenteil – den Mittag über war ich irgendwie schlecht gelaunt. Ich hatte das Gefühl der Weg sei schon zu Ende, und doch waren da noch diese letzten Kilometer, die nicht weniger zu werden schienen. Mit der Erfahrung von 700 Kilometern Fußweg im Gepäck, war mir aber klar, dass ich einfach weiter laufen muss, und dass sich das Gefühl im Laufe des Laufens verwandeln wird. Und so kam es dann auch: Nach einer Weile hellte sich meine Stimmung auf und Trondheim war auf einmal nicht mehr weit.
Als in weiter Ferne zum ersten Mal das Dach des Domes zu sehen war, änderte sich meine Stimmung grundlegend. Ich tanzte nicht, wollte auch nicht schnell ankommen. Ich begann langsamer zu Laufen – schaute auf meine Füße, wie sie gleichmäßig auf dem Asphalt fortschritten, wunderte mich über alles was ich sah.

Trondheim. Als eingeborener Berliner hätte ich mir nie träumen lassen, dass mir diese Stadt mit ihren 150.000 Einwohnern, mal wie eine Riesenmetropole vorkommen würde. Ich wunderte mich über die Menschen, die Geschäfte, die Autos und kam mir dabei in meinen ungewaschenen Trekkingsachen vor wie ein Waldschrat.
Und dann Rehe. Wie wenn sie unser Gefolge aus dem Walde wären, standen am Rande Trondheims, nur ein paar Meter neben der Straße, zwei Rehe. Seelenruhig grasten sie am Hang und hoben nur ab und zu den Kopf, wenn ein Auto vorbeifuhr.
Die letzten 2-3 Kilometer lief jeder für sich. Hin und wieder nieselte es, hier und da brach dann aber doch wieder die Sonne durch. Zwar lief das Treiben der Stadt wahrscheinlich wie an jedem Tag, ich fühlte mich aber nicht als ein Teil dessen. In mir war es ruhig. Nicht still – ich dachte immer wieder an das Intro von einem Lied, das sich irgendwie in die Atmosphäre des Moments fügte – aber dennoch ruhig.
Dann kam die Elgsæter bru (zu Deutsch so etwas wie:“ Elchalm Brücke“). Zum zweiten Mal überquerten wir den Fluss Nidar, dem Trondheim in früheren Tagen seinen Namen verdankte (Nidaros). Von hier aus waren es nur noch wenige Meter bis zum Dom.

Ich begann noch langsamer zu laufen.

Wir sind da. Vor uns das Westportal mit den zwei großen Türmen, die sich gen Himmel strecken. Dazwischen drei Reihen mit Steinfiguren: Propheten, Heilige – darunter natürlich auch St. Olav. Eine Figur gefällt mir besonders. Ein bärtiger Mann mit langem Gewand, Hut und Wanderstab. Das muss ein Wanderer sein, ein Pilger, so wie wir. Wie ich am nächsten Tag erfahren werde, bin ich auf der richtigen Fährte. Es handelt sich um Sankt Jakob, den Apostel Jakobus der Ältere, in Spanien bekannt als: Santiago.

An der Pilgermarke mit der Inschrift 0 Km legen wir unsere Wanderstäbe und Rücksäcke ab. Hier empfangen uns Marian und Hannah. Sie filmen uns, wir lächeln uns alle herzlich an – aber reden nicht. Wir gehen jeder einzeln auf den grauen Schotterplatz vor dem Dom und starren auf das heilige Bauwerk, das das Ende unseres Weges markiert.

Wir sind da. Wir haben es wirklich geschafft. Ein tiefbewegender Moment.

Die vielen Monate Vorbereitung, die wöchentlichen Treffen in der Uni, die wochenendlichen Trainingswanderungen – alles zeigte Richtung Nidarosdom. Und jetzt stehen wir hier.

Heute geht es den meisten Pilgern wohl eher um den Weg, als um die Hoffnung auf ein Wunder durch eine heilige Reliquie. So ist es für mich auch. Niemand weiß wo St. Olavs Gebeine liegen und selbst wenn es bekannt wäre, würde ich nicht mit diesem Anspruch an sein Grab treten. Trotzdem liegt etwas Besonderes und Wunderbares in der Ankunft am Pilgerziel. Der Weg mag das Ziel sein, dennoch wäre er nicht existent ohne das Ziel. Und das Bedeutsame im Laufen des Weges, entsteht dadurch, dass man sich geduldig und ausdauernd dem Ziel nähert.

Ich bin stolz, dass ich es geschafft habe und noch dankbarer, dass ich es schaffen durfte. Mein persönliches Wunder liegt in einer Verkettung von glücklichen Umständen, die dazu führten, dass ich erleben durfte, was ich erlebt habe. Zwei Beine, die mich samt Rucksack über Berg und Tal trugen, sieben Freunde, die sechs Wochen lang füreinander da waren, Beeren, die uns manche Tour versüßten und irgendwas, das auf uns aufpasste und dafür sorgte, dass jede brenzlige Situation einen guten Ausgang nahm.
Aber diese Kette geht schon früher los. Ich bin dankbar für alle Menschen, die mir nahe stehen und mir die Kraft geben, der zu sein, der ich bin. Dankbar dafür, dass mein Weg mich ans Nordeuropa-Institut geführt hat, ich teil des Projekts werden durfte und dass die Dinge ihren Lauf nahmen.

Wow, und sowas am Geburtstag. 29.08.2013 – ein Geburtstag, den ich wohl nie vergessen werde.

Ich schlendere langsam um den Dom und schaue ihn mir von außen an. Drinnen spielt jemand Orgel. Musikstudenten, wie wir später erfahren. Ich lege mein Ohr an eine Seitentür und lausche ein wenig. Rein können wir heute noch nicht, bekommen aber morgen eine Sonderführung von Øystein Ekroll, der sich seit 21 Jahren wissenschaftlich mit der Geschichte des Nidarosdoms auseinandersetzt und das Wahrzeichen kennt wie wahrscheinlich kein anderer in ganz Norwegen.

Einmal rum. Jetzt hatte jeder seinen besinnlichen Moment. Wir fallen uns in die Arme, beglückwünschen uns gegenseitig – und Hannah überreicht mir einen mit Kerzen verzierten Geburtstagskuchen. Ich schneide ihn an, wir futtern, quatschen – uns geht es gut.

      – 07.09. Grünerløkka, Oslo

Das Erlebte musste ein paar Tage wirken. Jetzt fällt es leichter die richtigen Worte zu finden. Marian und ich sitzen bei Kaffee und drahtloser Internetverbindung in Oslos Szenebezirk und feilen am Artikel. Mehr als eine Woche liegt es zurück, dass wir mit feuchten Augen vor dem Dom standen und uns in die Arme fielen.

Die Tage nach der Ankunft am Nidarosdom verbrachten wir am Rande Trondheims bei Guri und Kalle, Verwandte von Björns Freunden im Hadeland, die uns herzlich bei sich aufnahmen. Wir genossen den Luxus eines richtigen Bettes, einer warmen Dusche und reichen Mahlzeiten. Morgens wie Abends saßen wir lange mit unseren Gastgebern am Tisch und tauschten uns viel über Persönliches, aber auch über Kultur und Politik unserer Heimatländer aus. Sowohl in Deutschland als auch in Norwegen wird in diesem Monat gewählt und die Schlagzeilen der Zeitungen sind vom Wahlkampf geprägt.

Trondheim ist eine schöne Stadt. Wir schlenderten durch die Innenstadt, tranken Kaffee und trafen uns mehrmals im Umfeld des Doms um Szenen zu drehen und Øystein Ekroll zu interviewen.

Am 01.09. machten sich Ornella und Sven auf die Heimreise. Morgens um halb acht ging ihr Flieger und zwei Stunden später waren sie wohlbehalten zurück in Berlin. Zu viert ging es für uns noch ein bisschen weiter. Nach der letzten Nacht in Trondheim, die wir bei Øystein Ekroll verbringen durften und in den Genuss von schmackhaft zubereitetem Klippfisch sowie selbstgebackenem Apfelkuchen kamen, beluden wir Auto und Anhänger und machten uns auf den Weg Richtung Urnes Stabkirche.
Tag für Tag arbeiteten wir uns nach Oslo vor. Wir filmten an verschiedenen Zwischenstationen und verbringen jetzt ein paar Tage in Norwegens Hauptstadt bevor wir am 09.09. die Heimreise antreten.

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Abendliches Beisammensein mit unserem Gastgeber Øystein Ekroll

Die Stabkirche von Urnes

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Manchmal fühlt es sich noch ein bisschen seltsam an nicht mehr jeden Morgen zu neuen Wanderung aufzubrechen. Es ist bequemer, aber irgendwie auch ungewohnt.

Immerhin gab es einen sanften Übergang. Wir schliefen unterwegs wieder ein paar Tage im Zelt und fuhren mit dem Auto durch beeindruckende Fjordlandschaften.
„Autowandern“, wie mein Vater sagen würde.

Wir bringen die Reise jetzt zu Ende, machen die letzten wichtigen Aufnahmen und Interviews. Danach werden wir wohl erstmal ein paar Tage benötigen, um das Erlebte weiter wirken zu lassen und uns in Berlin zu akklimatisieren.

Schon jetzt sind wir aber gespannt auf die Arbeit, die vor uns liegt. Der Schnittraum wird unser zweites Zuhause werden. Es gilt Material zu sichten, zu sortieren, anzuordnen, zu bearbeiten und zu schneiden.
Es wird spannend die Reise mit Hilfe der Kamerabilder noch einmal Revue passieren zu lassen und endlich alle Interviews zu sehen, die die mobile Gruppe gedreht hat während wir uns am nächsten Berg versuchten. Welche Antworten haben wir auf unsere Fragen bekommen? Wie viel heidnische Spuren gibt es entlang der christlichen Pfade? Was bedeuten sie für die Norweger und ihre Kultur?

Im Laufe des Jahres werden wir euch weiterhin durch Artikel an unseren Recherchen teilhaben lassen. Am Ende steht ein Film, der hoffentlich viel Interessantes zeigt und neue Perspektiven öffnet.

Eine aufregende Zeit liegt hinter uns, eine auf andere Art aufregende Zeit liegt vor uns.

Wir freuen uns darauf, auf Berlin, auf euch! Bis bald!

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2 Gedanken zu „Ankunft.

  1. Ich bin unglaublich beeindruckt von eurer Reise…und manchmal total sprachlos, wenn ich mir nur annähernd versuche vorzustellen, was ihr an Eindrücken und Gefühlen durchlebt bzw. durchlebt habt.
    Auch wenn ich mich die ganze Zeit nicht zu Wort gemeldet habe (an dieser Stelle vielleicht auch gleich noch die liebsten Geburtstagsgrüße an Adrian & Björn) war ich dennoch seit Beginn eurer Reise wöchentlich, Ende August jedoch fast täglich auf eurem Blog, weil ich vor aufregegung den tag der ankunft keineswegs verpassen wollte. Eure Berichte Und Fotos haben mir das Hausarbeitenschreiben versüßt bzw. abgelenkt und mich emotional manchmal so mitgerissen (besonders der Bericht über Ödmark), dass es förmlich unter der Haut gekribbelt hat und ich mich schwer zusammenreißen musste, im Grimm- Zentrum nicht laut aufzuschreien, wenn ihr trotz Ermahnung der Wirtshausbedienung gefährliche Geröllfelder oder Steinöden bei nacht und nebel durchquert, lautaufzujuchzen, wenn Hannah wieder einmal Blaubeeren gefunden hatte, Marians Kamera lief und man eine glücklichverschwitzte Wandertruppe bei Abendbrot und Sonnenuntergang zu Gast bei Norwegern sehen konnte oder laut mitzufrösteln, wenn ich mir den eisigen Wind und von Kälte & Nässe geschundene Füße bildlich vorzustellen versuchte…

    Kurzum, durch den Blog war ich eigentlich hautnah dabei. Und ich kann nur wiederholen, ich bin fasziniert, schwer beeindruckt, erleichtert darüber, dass ihr wohlauf seid und freue mich sehr für euch und auf eure Rückkehr nach Berlin mit all den Erzählungen und Berichten! Ihr seid zu beneiden um eure Ausdauer, Konzentration und Leidenschaft, die ihr für das Projekt aufgebringt, ganz zu schweigen von all den gewonnenen Erlebnissen und Eindrücken. Ich habe mich sehr, sehr oft emotional in meine eigene Zeit in Norwegen zurückversetzt gefühlt bzw. habe bestimmte Gedanken wiedererkannt, besonders in den Momenten, in denen nur noch man selbst und die Natur existieren und man sich mit einer Intensität mit diesem Selbst auseinandersetzen muss, die sehr bewegend ist und viele Gefühle hervorbringt, Gefühle, die aufrütteln und befremdlich sind, aber auch unglaublich stärken und erfüllen. Momente, in denen man ganz zu sich selbst findet und die einen unendlich dankbar dafür machen.

    Ich danke euch sehr für die Möglichkeit des Mitlesens, Mitfieberns und Miterlebens, ihr lieben Wanderer und Filmemacher und wünsche allen noch eine gute Zeit in Oslo. Genießt sie!

    „Takk for tiden“ & „kos dere videre“, nordmenn kanskje ville har sagt…

    Mit den liebsten Grüßen,
    Josetta.

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