Aufarbeitung der Reise – Øystein Ekroll und sein Nidarosdom

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Øystein Ekroll erklärt – Interviewsituation in Trondheim

Mehr als 6 Wochen ist es her, dass wir von unserer erlebnisreichen Reise zurückgekommen sind. 7 Wochen waren wir in Norwegen – doch die vielen verschiedenen Orte, die wir sahen, ließen mich fühlen deutlich länger weggewesen zu sein. Die sonst so vertraute Straße, die eigene Wohnung – alles wirkte fremder als erwartet. Es bedurfte einiger Treffen mit Familie und alten Freunden, engagierter Bandproben und Joggingtouren durch Pankows Grünflächen, bis ich mich wieder so richtig zuhause fühlte.

Die Projektarbeit ruhte in dieser Zeit, denn das Erlebte wollte verdaut werden. Auch wenn ich mich nicht bewusst mit der Reise auseinandersetzte, so begegneten mir trotzdem Bilder besonders eindrücklicher Orte vor dem geistigen Auge. Manchmal kam spontan der mahnende Impuls, der mir sagte, die Wasserflasche sei bald aufzufüllen, häufig drängten mich die nun bewegungsverwöhnten Füße vor die Tür, ob zum Sport machen, oder einfach zum entspannten Schlendern durch den Kiez.

Montag, 14.10.2013. – Das Semester geht wieder los!

Und so auch die Arbeit mit unserem Projekt. Für uns beginnt jetzt ein komplett neuartiger Abschnitt der Projektarbeit. Unser Hauptaugenmerk wird auf der Produktion des Films liegen. In den kommenden Wochen bedeutet das den Beginn der mit Spannung erwarteten Auswertung des Filmmaterials. Bisher haben wir die Aufnahmen der imposanten Landschaften und unserer kompetenten Interviewpartner nur auf ihrer Größe unwürdigen Minibildschirmen betrachten dürfen. Aufschluss über die wahre Qualität des Bildes gibt erst der Flatscreen in den Schnitträumen des Grimm-Zentrums.

Neben der Arbeit am Filmmaterial, wird es für uns vor allem darum gehen, das mitgebrachte Wissen aus den Gesprächen, Museumsbesuchen und neugefundener Literatur aufzuarbeiten und für die inhaltliche Gestaltung des Films zu bündeln. Zu diesem Zweck veranstalten wir wieder ein wöchentlich stattfindendes Tutorium, in dem wir jede Woche einen besuchten Ort und/oder ein abgehaltenes Interview besprechen. Die gewonnenen Erkenntnisse halten wir schriftlich fest – und zwar weiterhin in Form von informativen und unterhaltsamen Blogartikeln. Ihr könnt euch also auf wöchentlich erscheinende Artikel freuen, in denen ihr die Orte und Personen kennenlernt, die uns der Beantwortung unserer Fragen, nach Bedeutung von christlicher und vorchristlicher Geschichte für die heutige Kultur Norwegens, näher gebracht haben.

Und hier machen wir den Anfang: Øystein Ekroll und sein Nidarosdom

Zum ersten Mal traf ich Øystein Ekroll, als er im Rahmen der Henrik-Steffens-Gastvorlesungen ans Nordeuropa-Institut kam und in seinem Vortrag „The Cult of St. Olav – a saint with changing fortunes“  über seine große Passion sprach – den Nidarosdom und den St. Olavskult. Sein engagierter und inhaltsreicher Vortrag zeugte von Identifikation und intensiver Beschäftigung mit der Materie.

Im Anschluss der Veranstaltung kamen wir ins Gespräch. Ich erzählte von unserem Projekt und der anstehenden Expedition nach Norwegen. Øystein bat sich sofort als Guide für eine exklusive Führung durch den Nidarosdom an. Wir tauschten Nummer und E-Mailadresse aus, und verabredeten uns für ein gemeinsames Treffen Ende August, bei unserer Ankunft in Trondheim.

Und so kam es. Wie im Artikel Ankunft. zu lesen, bekamen wir zwei exklusive Führungen durch den Nidarosdom und kamen in den Genuss von Insiderwissen und -einblicken. Wir gingen durch Türen, die für die meisten Besucher verschlossen bleiben und lernten viel über die nördlichste Kathedrale Europas und ihre lange Geschichte von Bau, Verfall, Zerstörung und Wiederaufbau.

Am letzten Abend unseres Aufenthalts in Trondheim, nahm sich Øystein dann auch noch Zeit für ein ausführliches Interview mit uns. Während in der Küche der schmackhaft zubereitete Klippfisch köchelte, beantwortete er uns mit großem Engagement und beeindruckender Ausdauer unsere lange Fragenliste.

Es gibt wohl keinen Zweiten auf der Welt, der so viel über den Nidarosdom weiß wie unser herzlicher Gastgeber. Wir reisen viele Jahrhunderte vor und zurück in der Geschichte. Øystein ist in seinem Element: Jede Jahreszahl, jeder Name, jede historische Begebenheit ist sofort präsent. Keine Notizen, kein langes Nachdenken – die Antworten kommen direkt und präzise.

Wir sprechen über Olav den Heiligen; seinen Tod bei der Schlacht zu Stiklestad im Jahre 1030, die Wunder, die in der Nähe seiner Leiche geschahen, die Heiligsprechung. Die Errichtung des Erzbistums Nidaros 1153, den zeitgleichen Baubeginn des Nidarosdoms und die Fertigstellung um das Jahr 1300. Dann der Verfall; die 5 Brände, bei denen der Dom mehrmals fast komplett niederbrannte.

Immer wieder hat Øystein spannende Vergleiche und Anekdoten parat, die den jeweiligen Zeitgeist veranschaulichen und die Geschichte lebendig und greifbar werden lassen. So erzählt er von dem deutschstämmigen Architekten Heinrich Schirmer, der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Restaurierung des Nidarosdoms beauftragt wurde und das Gebäude zum nationalen Projekt machte, in dem er die Geschichte des Bauwerks mit der Norwegens verglich; im Mittelalter als Norwegen ein eigenständiges Königreich war und in seiner Blüte stand, da stand auch der Nidarosdom in voller Pracht – und nebenbei gesagt mit knallig-kitschiger Inneneinrichtung. Dann kam die Unionszeit und Hörigkeit zur Krone Dänemarks, das Konstrukt der norwegischen Nation zerbrach – und auch der Dom verfiel zusehends. Die mit der Reformation verbundenen Umwälzungen, wie die Abschaffung des Erzbistums und die Konfiszierung der katholischen Vermögen, ließen die Hoffnungen auf einen Wiederaufbau der Domkathedrale vorübergehend gänzlich schwinden.

Mit der Loslösung von Dänemark und der Verabschiedung einer eigenen Verfassung 1814, änderte sich die Situation für  das Land. Es ging nun wieder bergauf. Man befand sich nun zwar in Union mit Schweden, war aber deutlich eigenständiger und auch die ökonomische Situation begann sich zur Mitte des 19. Jahrhunderts zu bessern. Der Architekt Heinrich Schirmer meinte also, nun müsse der Dom nachziehen. Norwegen und sein Nidarosdom, das seien „zwei Seiten der gleichen Sache“ (norwegisches Sprichwort). Es liege also in der Verantwortung der Nation den Dom zu alter Pracht zu restaurieren und zum nationalen Wahrzeichen zu machen. Die nationalromantische Ansprache fand Anklang bei der Bevölkerung. Im ganzen Land wurden Basare veranstaltet und Spenden gesammelt. Nicht nur im Trøndelag, sondern in ganz Norwegen, bemühte man sich um finanzielle Mittel.

Bei Øysteins Ausführungen lässt sich immer wieder erkennen, wie sehr er sich mit seiner „Lebensliebe“ Nidarosdom identifiziert. „Der Nidarosdom ist das einzige Gebäude, das in der Verfassung explizit erwähnt wird.“, betont er, als er über den Artikel in der norwegischen Verfassung erzählt, der festlegt, dass jeder norwegische König im Nidarosdom gekrönt werden sollte.

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Das 19. Jahrhundert ist ein Abschnitt in der norwegischen Geschichte, der uns im Zusammenhang mit unserem Thema immer wieder begegnet. Durch die neugewonnene Freiheit, stellte man sich die Identitätsfrage; Was ist Norwegen eigentlich? Wo liegen die Wurzeln der Nation? Man beschäftigte sich mit der eigenen Geschichte, wissenschaftlich, vor allem aber auch künstlerisch. Schriftsteller und Künstler griffen mehrfach nationalromantische Motive auf und versuchten so die Bande der Nation zu stärken.

Einen amüsanten und durchaus passenden Vergleich zog Øystein heran, als er uns die Bezeichnung St. Olavs als „Rex Perpetuus Norvegiae“ („Norwegens ewiger König“) erklärt. Eben so wie Kim Il-sung Nordkoreas ewiger Präsident ist, und seine Nachfolger nur in seinem Namen regieren, so regierten die Könige ab Mitte des 12. Jahrhunderts als Olavs Stellvertreter. Symbolisch opferten sie ihre Krone am Altar des Nidarosdoms, um ihre Treue und Demut gegenüber ihrem himmlischen Lehnsherren zu bezeugen.

Wir setzen uns natürlich auch mit der Rolle Olavs als Christianisierer des Landes auseinander. Historisch spricht man in Zusammenhang mit dem Tod Olavs auf dem Schlachtfeld und seiner darauffolgenden Heiligsprechung oft von der Vollendung des Christianisierungsprozesses auf offizieller Ebene. Øystein betont, dass Olav kein gewöhnlicher Heiliger war. Er ist aus den Sagas für seine rohe und gewalttätige Auseinandersetzung mit den heidnischen Widersachern bekannt, und passt damit nicht in die Reihe frommer Heiliger wie Franz von Assisi.

Wir erfahren, dass es durchaus Perspektiven auf den Heiligenkult gibt, die seine instrumentelle Funktion für die Etablierung des neuen Glaubens hervorheben. Trøndelag war ein Zentrum des Widerstands gegen Olav und seine Missionierungspläne. So lässt sich annehmen, dass man Heiligenkult und später Erzbistum bewusst in Trondheim lokalisiert hat, um den endgültigen Sieg des Christentums zu markieren. Øystein unterstreicht die Wichtigkeit dieses Vorgangs, in dem er darauf hinweist, dass Trondheim nun die Nordflanke des Christentums wurde, und damit, gemeinsam mit Santiago im Westen, Italien im Süden und Jerusalem im Osten, das Gebiet des christlichen Machtbereichs absteckte.

Auf die Frage, ob die Trønder heute mehr Verbundenheit mit St. Olav oder mit ihren widerständischen Vorfahren verspüren, räumt er ein, dass es durchaus einen Lokalstolz gibt, der sich auf Trøndelags oppositionelle Rolle bezieht, in Hinblick auf die jährliche große Olsok-Feier (Festtag des Heiligen Olav) und die Benennung des neuen Krankenhauses nach dem heiligen König, sei aber kein Zweifel daran: „St. Olav rules!“

Das Interview mit Øystein Ekroll hat uns also nicht nur viel Neues über den thematischen Komplex gelehrt, sondern auch viele filmreife Zusammenfassungen, anschauliche Vergleiche und unterhaltsame Anekdoten geliefert. Ihr könnt euch jetzt schon auf Øysteins Erläuterungen im Film freuen!

An dieser Stelle bleibt mir nur noch mal im Namen der Gruppe Danke zu sagen – für zwei aufregende Führungen, ein tolles Interview und einen geselligen Abend! Vielen Dank, Øystein Ekroll!

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