Im Gespräch mit Jón Viðar Sigurðsson – Professor für Mittelaltergeschichte an der UiO

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Jon Vidar Sigurdsson in seinem Büro am IAKH

Samstagmittag an der Universität Oslo – Marian und ich sind verabredet mit Jón Viðar Sigurðsson. Vor dem Institutsgebäude wartet der isländische Historiker auf uns…

Er lebt seit 1984 in Norwegen, arbeitet seit 1995 am IAKH (institutt for arkeologi, konservering og historie) und begleitet dort seit 2006 eine Professur. Zahlreiche Publikationen hat er verfasst, die sich mit der mittelalterlichen Geschichte Norwegens und Islands befassen. Dabei setzte er sich oft mit Machtstrukturen auseinander – Häuptlingsmacht, Königsmacht und Kirchenmacht. In Verbindung damit, forschte er auch zum vielleicht bedeutendsten Machtwechsel in der nordischen Geschichte – der Christianisierung. Um diese Phase des Umbruchs zu verstehen, beschäftigte er sich aus verschiedenen Perspektiven mit der altnordischen Gesellschaft. So verfasste er 2010 beispielsweise eine Arbeit zum Thema Freundschaft, die den Titel trägt; „Den vennlige vikingen. Vennskapets makt i Norge og på Island ca. 900-1300“ (Der freundliche Vikinger. Die Macht der Freundschaft in Norwegen und auf Island ca 900-1300). Daran anknüpfend veröffentlichte er 2012 eine Publikation mit dem Titel „Friendship and Social Networks in Scandinavia, c. 1000-1800“.

Auf dem Weg durch die schmalen leergefegten Gänge des Institutes, freuen wir uns auf ein Interview, das neue Erkenntnisse über die altnordische Gesellschaft sowie historische Erklärungsmuster für kulturelle Identität in Norwegen verspricht. Nach ein paar Treppen und einigen Links- und Rechtskurven, kommen wir an einem kleinen 10m² Büro an, dessen Wände wie zu erwarten vollständig von Bücherregalen verdeckt sind. Die Raumfläche ist gut genutzt. Das Mobiliar besteht aus einem geräumigen Schreibtisch, zwei Stühlen und einem kleinen Teewagen. Im Regal steht eine kleine Wikinger-Holzfigur – schönes Detail für unser Bild.
Fix ist die Kamera positioniert, Jón Viðar Sigurðsson in Szene gesetzt und das Interview kann beginnen. Trotz isländischem Akzent, verstehen wir uns ohne Probleme. Von draußen klingt kein Laut herein, Jón spricht sehr ruhig und bedächtig.

Ich frage ihn nach den größten Unterschieden zwischen vorchristlichem Kult und christlicher Glaubenspraxis. Er nennt zunächst die Heiligen. Man nimmt an, dass es in der altnordischen Gesellschaft den Häuptlingen als Kultmeistern vorbehalten war mit den Göttern in Kontakt zu treten. Dem christlichen Glauben kam hier zugute, dass die Existenz eines allmächtigen Gottes, der überall zugleich sein konnte, es jedem Einzelnen ermöglichte jederzeit mit Gott in Kontakt zu treten. Die Heiligen waren ergänzend dazu volksnahe Beschützer an die sich jeder wenden konnte.

In der heidnischen Kultpraxis war es wohl so, dass die Häuptlinge zunächst eine Art Freundschaftsverhältnis zu ihrem Gott aufbauten. Dieses Verhältnis glich einer Art Abkommen zwischen zwei menschlichen Individuen, frei nach dem Prinzip „Du hilfst mir, ich unterstütze dich“. In der Havamàl lesen wir, dass man die Freundesfreunde auch zu seinen Freunden nehmen soll. Die Häuptlinge brachten den Göttern in den Opferritualen also auch Gaben im Namen ihrer Gefährten und Untertanen dar. Wenn sie sich mit einem Gott verbündeten, war dem Rest der Bevölkerung die übernatürliche Gunst also ebenso gewiss.

Havamàl, Strophe 43:

Vin sínum
skal maðr vinr vera,
þeim ok þess vin,
en óvinar síns
skyli engi maðr
vinar vinr vera.[1]

Seinem Freunde
soll ein Freund man sein
und des Freundes Freunde auch;
doch nehmen soll man
sich nie zum Freund
seines Feindes Freund[2]

Opferrituale und Wikingerüberfälle – war die altnordische Gesellschaft eine besonders brutale und blutige?

Dieses Vorurteil verneint Jón Viðar Sigurðsson. Die altnordische Gesellschaft war nicht brutaler und blutiger, als andere europäische Kulturen. Wahrscheinlich nicht ganz ohne patriotische Gefühle hebt er hervor, dass besonders die Isländer eine sehr friedliche Gemeinschaft waren. Jón meint, dass die Schilderungen von Menschenopfern in den Sagas zweifelhaft sind und durchaus Resultat eines Missverständnisses sein könnten. Es war damals nämlich üblich seinen Sohn einem Gott zu „opfern“. Diese Opferung war allerdings keine Handlung, die den Tod des geopferten bedeutete, sondern bezog sich darauf, dass derjenige den Namen des verehrten Gottes annahm. Bis heute existieren die daraus resultierenden Namen in Norwegen. Prominentes Beispiel ist der Name Thorstein. Hieß der Sohn „Stein“ und der Vater wollte Thor eine Ehre erweisen, wurde der Sohn fortan Thorstein genannt. Dies scheint üblich gewesen zu sein, wenn der Sohn den Hof übernahm und man sich besondere Kraft und Unterstützung durch einen Gott erhoffte.

Man sollte generell vorsichtig mit dem Quellenmaterial umgehen, warnt uns Jón. Edda und Sagas werden oft zu vorschnell für Aussagen über die altnordische Gesellschaft verwendet, obwohl sie in einem bereits christlichen Kontext auf Island verfasst wurden. Besonders die Edda mit ihrer umfassenden Schilderung der nordischen Mythologie, wird außerhalb der Wissenschaft, oft für absolut authentisch gehalten und als eine Art „heidnische Bibel“ gelesen. Fakt ist jedoch, dass das wenig Sinn ergibt, bei einer Religion, die in einer größtenteils mündlichen Kultur praktiziert wurde und deshalb wohl auch durch starke regionale Unterschiede geprägt war.
Wir lernen, dass mit der mündlichen Kultur einherging, dass dem gesprochenen Wort ein höherer Wert beigemessen wurde. Nachbar und Freunden konnte man vertrauen, denn das gesprochen Wort war Gesetz und musste um jeden Preis gehalten werden.

Warum ist es fruchtbar sich mit der altnordischen Gesellschaft auseinanderzusetzen?

Es ist gut, wenn eine Gesellschaft ihre Wurzeln kennt und versteht, warum die Dinge wurden wie sie sind, leitet Jon seine Ausführungen ein. Es fällt immer wieder auf, dass man sich auf vor 1000 Jahren und noch früher, schon mit Themen auseinandergesetzt hat, die heute noch Inhalt gesellschaftlicher Debatten sind. So zum Beispiel die Versorgung der Alten und Armen.
Im Mittelalter und davor, war es nicht üblich, dass man sein genaues Alter, geschweige denn seinen Geburtstag kannte. Man nimmt an, dass der Mensch eigentlich nur in drei Phasen wahrgenommen wurde, die sich jeweils auf die Arbeitsfähigkeit des Menschen bezogen. Kind war der Mensch bis zur Arbeitsfähigkeit, dann wurde er erwachsen und wenn ihn seine Kräfte verließen und er nicht mehr arbeitsfähig war, gehörte er zu den Alten. Der arbeitsfähige Mensch war dabei das Idealbild. Die Kinder und Alten wurden üblicherweise von der Familie versorgt, sie genossen aber kein hohes Ansehen. War die Familie nicht im Stande die Hilfebedürftigen zu versorgen, gab es auch damals schon gesellschaftliche Auffangmechanismen. Jon beschreibt uns ein gut organisiertes Fürsorgesystem, das auf Island wirksam war; In einer lokalen Ansammlung von 15-25 Höfen wurden die Bedürftigen periodisch auf den einzelnen Höfen versorgt. Die Dauer des Aufenthaltes wurde dabei am Reichtum des Hofes bemessen.

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Wir arbeiten uns vor zum Thema Christianisierung. Uns interessiert, inwiefern sich der Christianisierungsprozess in Norwegen von dem in anderen europäischen Ländern unterschieden hat. Was ist dran an der im 19. Jahrhundert proklamierten These, dass Norwegens Gesellschaft nie wirklich christianisiert wurde, sondern die neue Religion nur formal aufnahm?

Jón lässt keinen Zweifel daran, dass die Christianisierung im Laufe der Jahrhunderte die Gesellschaft völlig durchdrungen hat. Für ihn ist die Christianisierung ein gesamteuropäisches politisches Projekt, in dem die Parallelen zwischen Norwegen und dem Kontinent schwerer ins Gewicht fallen, als die Unterschiede.
Auffällig ist in Norwegen allerdings der stark ausgeprägte Heiligenkult um St. Olav. Die Etablierung des Heiligenkultes nennt er neben der Errichtung des Erzbistums Nidaros im Jahre 1153 als wichtigsten Schritt zur Missionierung des Landes. Formal war die Christianisierung des Landes schon mit den durch Olav eingeführten christlichen Gesetzen abgeschlossen, aber erst mehr als 100 Jahre später beginnt, ausgehend vom Erzbistumssitz Nidaros, eine intensive Phase der christlichen Glaubensbildung. Man bemühte sich nun auch um einen höheren Status für die Priester. Im Gulatingsloven § 15 stand beispielsweise noch, dass man den Priester bei Unzufriedenheit mit Hieben bestrafen durfte. Dies stellt ihn in diesem Punkt auf eine Stufe mit Sklaven und bezeugt, dass sein Ansehen zunächst gering war.

Auf unserer Suche nach heidnischen Spuren in der heutigen Kultur Norwegens, liegt nichts näher als Jón als Experten, der die vorchristliche Gesellschaft kennt und somit ihre Spuren identifizieren könnte, nach diesen zu fragen.
Jón überlegt nicht lange; Der vorchristliche Glaube und seine Mythologie, spielen heutzutage keine Rolle mehr. Wenn wir mittelalterliche Spuren in der norwegischen Kultur suchen, fällt in erster Linie das christliche Erbe auf. Das Christentum hat Begriffe geprägt, die vorher nicht existent waren, aber noch bis heute einen wichtigen Wert darstellen. So beispielsweise der Demutsbegriff („ydmykhet“), der erst mit der Christianisierung Eingang in die norwegische Sprache gefunden hat,

Mythologische Verweise auf das Altnordische in Firmennamen, Clublogos etc. sind wenig relevant für die norwegische Kultur und werden selten bewusst mit der heidnischen Geschichte verknüpft. Das aber auch mangels Bildung auf diesem Gebiet. Die altnordische Mythologie spielt keine große Rolle in den Lehrplänen der Schule, dementsprechend sind die meisten Norweger auch kaum mit dem Thema vertraut.

Zum Abschluss des Interviews wollen wir wissen, was er sich für die Zukunft des Forschungsbereiches altnordische Gesellschaft und Mittelalterhistorie Skandinaviens wünscht. Dringend gewünscht ist eine bessere Vernetzung der Länder, aber auch der Fachbereiche – internationale und interdisziplinäre Zusammenarbeit also. Man sollte sich nicht nur austauschen, sondern gemeinsame Projekte starten und gemeinsam Schreiben.
Diesen Aufruf leiten wir an dieser Stelle gerne an die Fachwelt weiter.

Vielen Dank für ein erkenntnisreiches Interview, Jón Viðar Sigurðsson!

Jón Viðar Sigurðsson auf Wikipedia

http://no.wikipedia.org/wiki/J%C3%B3n_Vi%C3%B0ar_Sigur%C3%B0sson


[1] Evans, David A.H. (Edition). Hávamál. Kendal 1986. S.47.

[2] Genzmer, Felix. Die Edda. Kreuzlingen 1981. S. 160.


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