Pilgern im Kopf

Pilgern, was ist das eigentlich? Warum wandern Menschen freiwillig mehrere hundert Kilometer ohne etwas dafür zu bekommen? Oder ist der Lohn existent, doch nur versteckt? Die Frage sollte nicht lauten, ob Pilgerreisende entlohnt werden, sondern wie. Aber auch hier ist es denkbar schwer eine allgemeingültige Antwort zu finden.

Artikel von Marian Schubert

Früher, das heißt vor der Reformation, war diese Frage wohl einfacher zu beantworten. Man pilgerte zu bestimmten Stätten, welche als heilig galten und erhoffte göttlichen Beistand in jeglich erdenklicher Hinsicht. Dabei war der Pilger keinesfalls immer ein Wanderer. Der aus dem Lateinischen stammende Begriff Pilger bedeutet lediglich etwas wie „Aus der Fremde kommend“ und bezieht sich somit nicht ausschließlich auf das Wandern als Fortbewegungsmittel. Im Mittelalter, wo sich das Pilgern auch unter Adeligen hoher Beliebtheit erfreute, fuhr man, wenn man es sich leisten konnte, mit der Kutsche oder war zu Pferd unterwegs. Sogar als Mitglied der Kreuzzüge sah man sich als Pilger.
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Zur Zeit der Reformation bekam das Pilgern ein neues Gesicht. Nach Luther und anderen Reformatoren waren die Reisen zu Heiligen Orten, um Erlösung und Gnade vor Gott zu erhalten, hinfällig geworden. Da sie der Ansicht waren, Jesus Christus wäre bereits für die Sünden der Menschen gestorben, ergab das Pilgern im ursprünglichen Sinne für die Anhänger des protestantischen Glaubens keinen Sinn mehr. Die Katholische Kirche hielt und hält jedoch an dieser Praktik fest (wohl auch um sich von der evangelischen Glaubensgemeinschaft abzugrenzen). Hieraus entstand sogar ein handfester Konflikt in Norwegen. Nachdem Christian III. das Land 1537 reformierte, wurde das Pilgern unter Strafe, ja sogar unter Todesstrafe gestellt.
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Zum Glück wurde das Pilgern kurz vor unserer Reise im Sommer 2013 wieder erlaubt und wir mussten keine Konsequenzen fürchten. Erstaunlicherweise ist die norwegische, wohlgemerkt evangelische Kirche federführend in der Pflege der Pilgerwege und deren Vermarktung als kulturelles Erbe Norwegens. Es gibt entlang des Weges mehrere „offizielle“ Übernachtungsmöglichkeiten, sowie Informationszentren für die Pilger.

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Wir waren in einem dieser Zentren, dem „Pilegrimssenter Oslo“ welches im Mai 2011 eröffnete und haben dort Johannes Kvangersnes, einen freiwilligen Mitarbeiter des Zentrums zum Interview getroffen. Um die Fragen zu klären: “Was ist Pilgern heute?” und “Was erhofft sich der moderne Pilger von seiner Wanderung?”, muss man zunächst wissen wer pilgert. Die Antwort darauf regt zum Nachdenken an. Kvangersnes sagte, dass die meisten Pilger Studenten oder Rentner seien, zumindest jene, welche zu ihm ins „Pilegrimssenter Oslo“ kommen. „Ikke så mange mellom 40 og 50 år (…)“ (Nicht so viele zwischen 40 und 50). Ist das moderne Pilgern also eine Reise zu sich selbst und haben bestimmte Altersgruppen vielleicht ein stärkeres Bedürfnis nach spiritueller Selbstfindung? Oder ist es nur ein Freizeitvergnügen, zu welchem nur Studenten und Rentner die Zeit haben?.
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Vielleicht können wir, die wir als Studenten die Reise angetreten haben, diese Frage zumindest teilweise beantworten. Zwar haben wir die Wissenschaft „mitgenommen“ und die Universität hat uns, nicht nur zeitlich, sondern auch thematisch eine Basis geboten, jedoch stand der spirituelle Aspekt nicht im Hintergrund.

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So eine Reise anzutreten ist nie
eine reine Vernunftentscheidung. Eigentlich passt es doch niemandem in den Kram einfach mal zwei Monate „weg“ zu sein (auch Studenten nicht). Trotzdem waren wir uns alle einig, dass es die richtige Entscheidung war loszugehen. Spirituelle Erlebnisse, aber auch solche wie z.B. die uneingeschränkte Gastfreundschaft völlig fremder erleben zu dürfen oder sich einfach nur in der Einsamkeit und Weite der Natur geborgen zu fühlen, werden wohl immer im Gedächtnis bleiben. Und sie werden unser Leben prägen.

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Wenn man sich auf der Internetseite des Vereins „Pilegrimsleden“ (http://pilegrimsleden.no/), welcher die Pilgerwege Norwegens betreut, umschaut entsteht allerdings schnell der Eindruck des Pilgerweg als „Erlebniswanderweg“. Hochglanzbilder von, zugegeben atemberaubenden Landschaften schmücken die Startseite. Dazu prangt der Slogan:

„Europeisk tradisjon, nordisk historie, norsk kultur. Og samtidig en helt personlig opplevelse.“

(Europäische Tradition, nordische Geschichte, norwegische Kultur. Und gleichzeitig ein ganz persönliches Erlebnis).
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Außerdem werden Kurztouren von zwei Stunden, bis zu acht Tagen angeboten, in dessen Beschreibungen immer wieder die kulturell wertvollen Sehenswürdigkeiten auf der Strecke angepriesen werden. Für mich klingt das leider mehr nach Freizeitpark als nach spiritueller Selbstfindung.

Eine der vielen Pilgermarken auf dem Weg nach Trondheim

Eine der vielen Pilgermarken auf dem Weg nach Trondheim

Allerdings ist es lobenswert, dass der norwegische Kulturschatz auf den Pilgerwegen aufrecht erhalten und einer breiteren Masse zugänglich gemacht wird. Und obwohl an den roten Wegmarken und auf den Informationstafeln am Rande des Pfades immer ein Kreuz prangt, kommt auch die heidnische Vergangenheit Norwegens nicht zu kurz. Auf der Reise sahen wir heidnische Gräber, Bautasteine, Überreste von alten Wikingerstädten und vieles mehr was von der nichtchristlichen Vergangenheit Norwegens zeugt.
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Die Aufmachung, der markante Slogan und die Selbstdarstellung der Arbeit von „Pilegrimsleden“ spiegelt das wieder, was modernes Pilgern ist: Eine Zusammenkunft von Kultur, Naturerlebnis und spiritueller Erfahrung. Auch Johannes Kvangersnes, unser Interviewpartner im „Pilegrimssenter Oslo“ kehrt die spirituelle Erfahrung nicht unter den Teppich, sondern misst ihr eine hohe Bedeutung beim Pilgern bei, und das nicht nur im christlichen Kontext. Er stellt den Vergleich zwischen einer Pilgerwanderung und einer gewöhnlichen Bergtour auf, und kommt zu dem Schluss, dass immer die äußere Wanderung mit einer inneren einhergehe. Es sei auch nicht das Wichtigste, von wo man startet oder wohin man gehe. Der Weg sei das Ziel. Kvangersnes kommentiert, dass schon das Aufstehen, das Informieren über den Pilgerweg der erste Teil der Reise sei. Vielleicht ist das der Punkt, welcher das Pilgern zu einer besonderen Wanderung macht, und den Unterschied zu einer normalen Bergtour auszeichnet: Der innere Pilger-Prozess eben, welcher schon vor der Reise das Wesen der Menschen zu beeinflussen scheint.
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Auch ich habe mich auf der Reise des Öfteren gefragt, warum die anderen die Strapazen des stundenlangen Laufens auf sich nehmen. Wohl nicht nur für jemanden „da oben“, den wissenschaftlichen Erfolg des Projektes oder einfach nur weil sie es sich zeitlich leisten konnten. Es muss ein Prozess stattgefunden haben, welcher schon vor der Reise begann, damit sie den Mut hatten den Anstrengungen entgegenzutreten. Diesen Prozess habe auch ich erlebt. Ich glaube aber, wahrgenommen habe ich ihn erst auf der Reise, erkannt erst beim Schreiben dieses Artikels und ganz verstehen werde ich ihn wohl nie.
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Die kleine Pilgermarke zum anstecken, welche wir in einer Kirche entlang des Weges bekamen, steckt nun in der Sonnenblende meines Autos und wird mich weiterhin auf meinen Reisen begleiten. Denn ein Pilger war ich auch und wenn nicht zu Fuß, dann doch wenigstens im Kopf.

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