Neues Gold aus altem Glanz – Das Gudbrandsdal und sein Herrschersitz Hundorp

Hundorp IV

Dale Gudbrandshof in Hundorp/ Sør Frogn Kommune


Artikel von Björn Griebel

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Als Perle hat ihn Ole Tvete Muriteigen, Ordfører der Senterpartiet (Parteivorstand der Zentrumspartei) in Sør-Fron Kommune auf seinem Blogg bezeichnet. „Det er ingen tvil: Dale-Gudbrands gård er en perle i Gudbrandsdalen, og stedet har stort potensiale.” (Es gibt keinen Zweifel: Dale Gudbrandshof ist eine Perle im Gudbrandsdal und der Ort hat großes Potenzial.) An der Schönheit des geschichtsschweren Hofes in Hundorp, nördlich von Ringebu besteht gewiss keinerlei Zweifel. Malerisch am sanften Talhang zwischen dem Fluß Lågen und an der Europastraße 6 gelegen, ist der Dale Gudbrandshof mit seinen renovierten, größtenteils weißen Holzhäusern im Empire Stil ein echter Eyecatcher. Das gilt auch für die weithin sichtbaren Grabhügel.

Insgesamt sind es sieben an der Zahl, wobei ein achter in früherer Zeit abgetragen wurde. Man nennt sie hier auch die Pyramiden von Norwegen. Der größte Hügel, der sogenannte Olavshaugen, ist mit einem Bautastein besetzt. Ein weiterer Hügel wird Dale Gudbrand zugerechnet, einem der Gudbrands des hiesigen Herrschaftsgeschlechts, welche das Gudbrandsdalen solange regierten, bis Olav der Heilige (* ca. 995- † ca. 1030 n. Chr.) laut Snorris Olsavssaga im Jahre 1021 sich jene unterwarf.

Hundorp I

Olafshaugen und Bautastein am Dale Gudbrandshof in Hundorp

Als wir auf unserem Weg nach Norden auf das Pilgerzentrum Hundorp stoßen, ist die Geschichte des Ortes omnipräsent hervorgehoben. An der Außenwand hängt neben der Pilgermarke und einer norwegischen Fahne eine Steintafel mit Runenalphabet. Nördlich des Pilgegrimsenters steht ein rekonstruierter Runenstein mit farbiger Inschrift. Hinter den Gebäuden wurde ein Bautastein aufgestellt, welcher die Inschrift Dale Gudbrand trägt. Auch der Olavshaugen abseits des Hofes ist von einem Zaun mit schmiedeeisernem Tor umgeben, auf dem ein Wappenschild die Initialen D G (Dale Gudbrand) ausweist. Zwischen den Gebäuden, Grabhügeln, Steinkreissetzungen und Bautasteinen stehen zudem Informationstafeln, welche die Historie des Ortes vermitteln möchten.
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Während wir das Pilgerzentrum betreten um uns mit einem Kaffee zu stärken, fällt mir eine Fahne an der Wand ins Auge. In der Mitte ist eine große Keule sowie die Aufschrift „Klubben 1021“ aufgenäht. Jene Keule findet sich ebenso auf dem Kommunewappen von Sør-Fron wieder. „Das ist die Keule mit welcher der Kolbein den Thor zerschlagen hat. Der Bautastein hinterm Haus zeigt die genaue Stelle.“ Der Mitarbeiter ist sehr freundlich und redebedürftig. Ein Student aus Lillehammer, der sich hier etwas dazuverdient. Der Kaffee schmeckt und als Filmteam bekommen wir ihn gratis. Die kleine Boutique ist liebevoll gestaltet. Marmeladen und Tees, kleine Naschereien, Pilgerbroschüren und ausgesprochen gutsortierte Bücher zur Regionalgeschichte stehen im Regal. Hier mag man verweilen. Man befinde sich derzeit im Aufbau eines Vikinger Pubs, sagt er. „Es sind in der hofeigenen Brauerei bereits an die fünftausend Liter Bier gebraut. In zwei Wochen wird eröffnet.“ Derzeit sei aber noch nicht viel los, nicht so viele Gäste. „Wir hoffen, der Hof zieht zukünftig noch mehr Touristen an. Wir haben alles neu gemacht, die Gebäude wurden restauriert.“

Hundorp II

Pilgerzentrum Hundorp auf dem Dale Gudbrandshof

Im Dezember 2012 wurde dieser von der Kommune an Jon Forr aus dem nahegelegenen Vinstra für eine Millionen Kronen verkauft. Jon Forr ist Unternehmer welcher laut eigenen Aussagen eine neue Beschäftigung suchte, nach dem er sich aus dem Betongeschäft zurückgezogen hatte. Er wolle einfach, dass dieser schöne Hof wieder läuft. Bisher hat er fünf millionen Kronen in den Aufbau gesteckt, doppelt soviel wie ursprünglich geplant. Dass diesem Ort „die Aufmerksamkeit zukommt, die ihm gebührt“ wünschen sich nicht alleine Forr und Ordfører Muriteigen. Denn gemeint ist hierbei, das regionale und überregionale Bewusstsein über die historische Bedeutung des Hofes zu stärken und finanziell lohnenswert zu machen.
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So in Vergessenheit versunken erginge es nicht nur dem Hof, sondern auch den alten Göttern der vorchristlichen Zeit. „Norge og Norden har en egen mytologi, som generelt er kjent rundt om i verden, som et navn på et par guder og ikke noe mer. Slik er det i vårt eget land også, den Norrøne mytologien er ikke gjort tilgjengelig for folk, det er ikke noe sted å ”bli kjent” med den.“ (Norwegen und der Norden haben eine eigene Mythologie, welche überall in der Welt bekannt ist aber nur mit dem Namen von ein paar Göttern und sonst nichts weiter. So ist es auch in unserem eigenen Land, die norrøne Mythologie ist nicht zugänglich gemacht worden für die Leute, da ist kein Ort um mit ihr bekannt zu werden.), schrieb Sigrun Tomt Ulset in ihrer Doktorarbeit zur strategischen Entwicklung des Dale Gudbrand Hofes. Ulset wurde laut Forr (2009) mit der Planung zur Geschäftsentwicklung beauftragt. Nach ihrer Einschätzung besitze der Dale Gudbrandshof sein großes Potential eben in seiner Geschichte. Dabei machte Ulset deutlich, dass es bei der Produktentwicklung darauf ankommt Besuchern etwas Neues schmackhaft zu machen, statt nur ihre bisherigen Erwartungen zu erfüllen: „Tror heller ikke alltid folk vet hva de ønsker å oppleve på et sted, men de har garantert formeninger om det når de reiser fra stedet. Mye av historie og kulturformidlingen går ut på å skape behov, i stedet for å dekke behov.” (Glaube auch nicht die Leute wüssten immer was sie an einem Ort erleben wollen, aber sie haben bestimmt eine Auffassung davon wenn sie von dem Ort wieder abreisen. Vieles in der Geschichts- und Kulturvermittlung geht davon aus Bedarf zu schaffen, statt Bedarf zu decken.) Das bedeutet in weiterer Konsequenz nicht nur das Decken von Identitätsbedürfnissen, sondern impliziert auch deren Neubildung: „Det finnes tusenvis av historiske kulturarvsteder i Norge. At slike steder må vernes og vedlikeholdes er helt nødvendig for at vi kan lære å kjenne og forstå våre røtter, vår historie og kulturelle tradisjoner. Og ikke minst for å kunne være stolte av å representere en nasjon og landet vårt.” (Es gibt tausende von historischen Kulturerbe-Stätten in Norwegen. Dass alle diese Orte geschützt und instand gehalten werden müssen ist ganz notwendig, damit wir lernen unsere Wurzeln zu kennen und zu verstehen, unsere Geschichte und kulturellen Traditionen. Und nicht zuletzt um stolz darauf sein zu können eine Nation und unser Land zu repräsentieren.)

Hundorp

Olafshaugen mit Bautastein und Blick auf den Lågen gen Süden ins Gudbrandstal

Tatsächlich ist der Dale Gudbrandshof eine besondere historische Stätte. Seit über 4000 Jahren wurde hier gesiedelt. Wie lange der Hof schon Machtzentrum der Region war, ist nicht bekannt. Die erste Erwähnung findet das Gudbrandsgeschlecht in Snorris Heimskringla: König Halvdan Svarte (* ca. 810 – ca. † 863 n. Chr.), der hier als Vater von Harald Schönhaar dargestellt wird, sei bereits gegen einen Gudbrand in den Kampf gezogen, als er versuchte seine Reichsgrenzen nach Norden auszudehnen. Die Gudbrands hatten die Funktion eines regionalen Herrschers inne, welcher mächtig genug war, um von anderen politischen Akteuren weitestgehend unabhängig agieren zu können. Aufgrund der Fruchtbarkeit der Region entlang dem Fluss Lågen und als Knotenpunkt der Transit- und Handelsroute hoch ins Trøndelag, war ihnen dauerhafter Wohlstand sicher. Der Hof der Gudbrands soll aber auch Tingplatz und ein bedeutendes Kultzentrum gewesen sein, worauf nicht alleine die Kreissteinsetzungen Dømmesteiner (dt. Urteilssteine) und Grabhügelansammlungen hinweisen. Der größte und schönste Tempel des Landes habe hier gestanden. Schon zu Lebzeiten Håkon Jarls (* ca. 935 – † 995 n. Chr., ein bedeutender Herrscher im nördlichen Trøndelag) soll ein gewisser Gudbrand i Dalene einen Tempel gemeinsamt mit ihm besessen haben. Hier sei dem Thor geopfert worden.
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Im Jahre 1021 geschah es nun, dass Olav der Heilige mit seinem Heer und einem Bischof im Gefolge von den Fjorden in Romsdal über Lom zum Hofe Dale Gudbrands kam, um auch den Herrschaftsbereich von Gudbrand zu christianisieren. Nachdem ein erster Versuch sich ihm bewaffnet entgegenzustellen scheiterte, hatten Gudbrand und sein Hofgode (Tempelpriester) Tord Istermage einen Alptraum, in der ihnen eine strahlende Gestalt den Untergang prophezeite, sollten sie erneut versuchen gegen Olav zu kämpfen. So sahen sie nur den Weg, Olav zum Thing zu bitten und die Macht seines Gottes mit der des christlichen Gottes zu vergleichen. Als Olav dann erschien, trugen die Männer Gudbrands eine große Statue zum Thing welche von Gold und Silber behängt auf einem Sockel stand. Sie sei ein Abbild des Thor gewesen. Gudbrand habe daraufhin den Olav aufgefordert von seinem Irrglauben abzulassen, da sein Gott doch anwesend sei, während jener welchen Olav verehre unsichtbar bleibe. Olav stand darauf hin auf und sagte, hier komme sein Gott in strahlendem Licht, und im selben Moment stieg die Sonne am Horizont empor. Während alle Bauern zur Sonne schauten, schlug Kolbein Sterke auf vorangegangener Weisung Olavs die Statue mit einer Axt in Stücke. Aus dem morschen Holz seien Schlangen, Echsen und Mäuse, so groß wie Katzen gesprungen. Die abergläubischen Heiden hätten nämlich der Statue Speisen zu opfern gepflegt, welche dann von dem Ungetier im Inneren des maroden Götzen vertilgt worden seien. Als einige der Bauern zu fliehen suchten, waren ihre Pferde verschwunden und Löcher in die Boote gebohrt. Olav forderte sie nun auf mit der Dummheit der Götzenverehrung aufzuhören, oder gegen ihn zu kämpfen. Es werde doch der siegen, der die Gunst des Christus Gottes habe. Nach diesem entlarvenden Exempel ließen sich die anwesenden Heiden dann widerstandslos taufen und Gudbrand baute eine Kirche im Gudbrandsdal. Olav setzte seinen Christianisierungszug anschließend gen Süden fort.

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Olaf spricht zu den Bauern auf dem Ting von Hundorp,                                                               Illustration von Halfdan Egedius 1899

Diese Schilderung ist für die Identität des Hofes, dem Ort Hundorp und der Kommune Sør-Fron von großer Bedeutung. Und dem entsprechend wird sie um das Pilgerzentrum herum allgegenwärtig repräsentiert. Sie ist neben der weiteren Entwicklungsgeschichte des Hofes, der geschichtliche Dreh- und Angelpunkt und somit ein Schwergewicht in der touristischen Konzeptplanung des Gudbrandshofes. Ulset schlug ihrem Fokus in ihrer Arbeit somit auf die Ausgestaltung eines vikingerzeitlichen Ambientes mit umfangreicher Darstellung von Götterbildern, Fackeln und eventuellen Vikingerbooten vor, mit zeitgenössischer Verköstigung der Besucher. Eines der qualitativen Ziele sei die Entwicklung eines Wissenszentrums „kunnskapsbasis“ mit fachlich solidem Inhalt. „De gamle Gudene, Jotnene, Fenrisulven, Yggdrasil og ellers alle skapningene i den norrøne mytologien må være med. Lyd, lys og dimensjonene på elementene skal gjøre storheten og dramatikken gjeldene. Man skal føle elementene på kroppen, og vesenene skal være overdimensjonerte og kunne ”røre seg” i den forstand at Tor skal kunne slå med hammeren, så lyn, gnistrer og torden ruller over velvet. Det skal høres, ses og føles på kroppen at man er i de gamle gudenes verden.” (Die alten Götter , Riesen, der Fenrizwolf, Yggdrasil und alle Schöpfungen sonst in der norrønen Mythologie müssen dabei sein. Geräusche, Licht und die Dimensionen der Elemente sollen die Größe und Dramatik geltend machen. Man soll die Elemente am Körper fühlen und die Wesene sollen überdimensioniert sein und sich bewegen können, in diesem Sinne, dass Thor mit seinem Hammer schlagen können soll und Blitz, Funken und Donner durch das Gewölbe rollen. Es soll gehört, gesehen und am Körper gefühlt werden, dass man in der alten Götterwelt ist.) Ein Neubau im vikingerzeitlichen Baustil sei zu erwägen, ebenso wie die jährliche Aufführung der Schilderung um König Olav und Dale Gudbrand durch professionelle Darsteller.

Hundorp VII

Runenstein-Imitat auf dem Dale Gudbrandshof                                                                                     zum Gedanken an König Harald Hardråde (*1015 – †1066)

Um eine geschichtlich solide Basis zu erzielen, lohnt es sich, die Figuren und die Darstellung einmal genauer zu betrachten. Dale Gudbrand kommt als Akteur ausschließlich in zwei Quellen vor. Einmal in Snorris Olavssaga als Teil seiner Heimskringla (ca. 1230 n. Chr.), sowie in einer seiner Quellen- der Olavssaga des isländischen Priesters Styrme (ca. 1230 n.Chr.). Letztere Variante geht wiederum auf die Olavssaga eines unbekannten isländischen Autoren zurück (ca.1150-1180 n.Chr.). Dale Gudbrand erscheint aber weder in der ursprünglichen Fassung, noch in den anderen wichtigen Geschichtswerken wie der Ágrip af Nóregs konunga sögum (dt. Abriss über die Sagen der Könige Norwegens, ca. 1150-1200 n. Chr.), der Historia de antiquitate regum Norwegiensium (ca. 1150-1200 n.Chr.) oder der Fagrskinna (ca. 1220 n.Chr.). Bereits der Kirchenhistoriker Anton Christian Bang (* 1840 – † 1913) erfasste die Ungereimtheiten der Dale Gudbrand Darstellungen in seiner Abhandlung Om Dale-Gudbrand im Jahre 1897. Er ging sogar soweit, die Figur Dale Gudbrand selbst in Frage zu stellen und als Fiktion zu bezeichnen: ”Alt, hvad Sagamændene fortæller om Dale-Gudbrand, det hviler ikke paa nogen anden Kilde end en mod Slutningen af det tolvte Aarhundrede tilbleven Legende og staar paa lige Linje med Beretningen om Kong Olafs Jertegn i Valdalen og hans Kristianisering af Folket i Lesje og Lom i 1028. Det hele er en paa Lokalsagn bygget Legende og intet andet.” (Alles was die Sagamänner erzählen über Dale Gudbrand beruht auf keiner anderen Quelle als den Schlüssen einer im 12. Jahrhundert entstandenen Legende und steht auf gleicher Linie mit den Berichten über König Olafs Wunder im Valdrestal und seiner Christianisierung der Leute in Lesja und Lom 1028 n. Chr. Das ganze ist eine auf Lokalsagen bauende Legende und nichts anderes.) Er sah die Schilderungen aus mehrerer Hinsicht als unhistorisch an: Styrme, der Verfasser der zweiten Variante habe die originale Olavs Saga, wie man sie in der Flateyjabók findet, neben einer Legende um einen Dale-Gudbrand und dessen Treffen mit König Olav aus regionalen Berichten gekannt und beide für wahrheitsgehaltvoll erachtet. Er versuchte dann beide Versionen zusammenbringen, wobei er eine achronologische Kompilation vornahm und diese Geschichte einfach in die in allen Quellen bezeugte Upplandfahrt des König Olav setzte. Da Olav stets das Motiv des Christianisierens begleitete, passte dies natürlich an dieser Stelle bei dessen „Kreuzzug nach Süden“ optimal ins Bild. Olav wurde zudem ein Bischof zur Seite gestellt, dessen Existenz historisch nicht belegbar ist. Anspielungen der Heiden auf dessen Kleidung lassen Robe und Kopfbedeckung für die Umstände erstens zu festlich und zweitens ins 12. Jahrhundert datierbar machen. Die ganze Heiligen-Erscheinung Olavs in der Darstellung sei so christlich geprägt, dass sie schon deshalb nicht historisch sein könne, da Olavs Heiligsprechung erst ca. zehn Jahre später nach seinem Tode erfolgte. Auch das Zerschlagen des Götterbildes sei beispielhaft für die Übertreibung legendenartiger Schilderungen, denn Mäuse so groß wie Katzen werden wohl kaum aus einer intakten Götzenstehle deren Körperöffnungen verlassen haben. Bang hat dabei ebenso recht, wenn er behauptet, die Opferung von Speisen an ein Götzenabbild sei im Norden unüblich gewesen. Opferfleisch wurde gesotten und verzehrt, hierfür gibt es vielfache Belege wie die Saga Håkon des Guten, oder Adam von Bremens Gesta Hammaburgensis. Man darf den Heiden soviel Intelligenz unterstellen, als dass sie zu verhindern wussten, ihr Heiligstes in ihrem Zentrum und die Opferspeisen durch Ungeziefer zernagen zu lassen. Laut Bang deckt sich die Darstellung vielmehr mit der Apokryphischen Darstellung des Bēl in Babylon. Der Verfasser der Legende sei also ein geistlicher, vermutlich aus Nidaros gewesen.

Die vielfache Erscheinung des Namen Gudbrand führte Bang auf eine Sagenfigur zurück, welche sich in die Geschichte immer wieder einstreut und kontinuierlich in allen Zeiten in der ein oder anderen Dativ Variation (Gudbrand af Dalom; Dale Gudbrand; Gudbrand i Dalene etc.) die Bühne der Handlung betritt. Bang schlussfolgerte daraus: „For det første har Gudbrandsdalens Eponym levet et frodigt Liv i Folkesagnet. For det andet er han helt igjennem en Sagnfigur, der intet har med den virkelige Historie at bestille, og som derfor ogsaa ber udstryges af Historien.“ (Zum Einen hat Dale Gudbrands Eponym ein fruchtbares Leben in der Volkssage gelebt. Zum Zweiten ist er durch und durch eine Sagenfigur, welche nichts mit der wirklichen Geschichte zu bestellen hat und deshalb auch  aus der Geschichte gestrichen werden sollte.) 
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Sollte der letzte Schluss als Urteil über Hundorps Dale Gudbrandshof fallen, so wäre dies in historischer Perspektive ein hartes Urteil. Denn dass es sich bei diesem Hof um den des Dale Gudbrand handelt, so jener existiert hat, wäre somit gänzlich neu zu verhandeln und zu recherchieren. Alle Schilderungen, die erhalten sind, sind keine Zeitzeugenberichte. In sofern muss Bang rechtgegeben werden, dass sie keinerlei Beweiskraft für die Existenz eines Dale Gudbrand beinhalten. Sie schildern ebensowenig die genaue Lage des Hofes, vielmehr machen die Ansammlungen von religiösen Hinterlassenschaften, wie den Grabhügeln und den Steinkreisringen die Verortung plausibel.

Hovin II

Hove – einer der vielen alten Großhöfe im Gudbrandsdal

Der Nachbarhof Hove könnte auf ein einstiges Kultgebäude Hof hinweisen, allerdings impliziert dies der Name nicht zwangsläufig, da Hof durchaus als Profanbezeichnung für den Bauernhof in Erscheinung treten konnte. Dass es sich bei dem Gudbrandshof um eine Stätte gehandelt hat, die sicher über das Gudbrandsdal hinaus Bedeutung hatte ist absolut wahrscheinlich. Allerdings sind weitere archäologische und philologische Untersuchungen von Nöten um hier Klarheit zu schaffen, welche Rolle und unter welcher Figur dieser Ort seine Stellung einnahm. Der Historiker Gerhard Schønig (* 1722 – † 1780 n.Chr.) besuchte den Hof im Jahre 1775. Er fand bereits keine Kirche mehr vor, welche von Dale Gudbrand errichtet worden sein soll. Der heutige Olavshaugen mit dem Bautastein ist in Schønings Schilderung nur als Kjæmpe-Høi beschrieben, ein Hügel nahe am Hof bezeichnete er als Gudbrands Hauen, vermutlich sei hier ein alter Vorfahre Gudbrands gemeint, da der Dala Gudbrand (also jener Dale Gudbrand aus König Olavs Zeit) Christ gewesen sei und deshalb das Hügelbegräbnis abgelehnt hätte.

Schøning war die Olavs Saga in Snorris Fassung wohl bekannt und auch darf man davon ausgehen, dass jene Legende in der Region lange schon eine Bedeutung inne gehabt hatte. Von Olavs Tod und Sakralisierung ab 1030-32 n. Chr. bis zur Niederschrift gegen 1220 waren knappe 200 Jahre vergangen. In einer Zeit, in welcher neben aufblühendem Heiligenkult und Bürgerkriegsplagen zwischen der Bischofstreuen Baglarpartei und den Birkebeinern sich der Hof an einer der beiden Hauptadern nach Trondheim befand, war für allerlei Legenden natürlich die besten Voraussetzungen gegeben. Der Dale Gudbrandshof steht mit seiner Verortung historisch somit vorerst an gleicher Stelle wie die unzähligen Kirchenbauten und Heiligenquellen, welche dem Heiligen Olav zu gesprochen wurden, tatsächlich aber entweder in spätere Zeit datieren, oder durch die wundersamen Schilderungen sich selbst als ahistorische Legenden entlarven.

Wie man sieht, ist es mit der Geschichtsvermittlung auf solidem Fundament so eine Sache. Um am vermeintlichen Hofe des vermeintlichen Dale Gudbrand fundiert vermitteln zu können, bedarf es weiterer Forschung. Dies ist sicher ein ganz substantielles Moment für Glaubwürdigkeit, Authentizität und Identitätsverortung, nicht nur für Hundorp und die Sør-Fron Kommune, sondern für die gesamte Region Gudbrandsdal. Zu verstecken braucht sich der Dale Gudbrandshof aber keinesfalls. Im Herbst des Jahres 2012 wurden Ausgrabungen entlang der Bahnschienen südlich des Hofes vorgenommen. Hierbei wurden die Spuren von fünf Langhäusern, eines mit ca. 40 Metern Länge ausgegraben. Riksantikvar Jørn Holme vermutete einen eisenzeitalterlichen Häuptlingssitz infolge der Untersuchungsresultate. Mit seiner herausragenden Fülle an vorchristlichen Relikten und auch zukünftig archäologischem Potential, steht er in ganz Norwegen an prominenter Stelle. Ein Vergleich mit Borre, Avaldsnes oder Skíringssal braucht man hier gewiss nicht zu scheuen. So ist dann auch die touristische Standortentwicklung mit vikingerzeitlichem Schwerpunkt nicht verfehlt, solange man auf die Ungereimtheiten dieser zentralen Legende der Olavs Saga aufmerksam bleibt und macht.
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Wir wünschen dem neuen Betreiber und dem Pilgerzentrum in jedem Falle ganz viel Erfolg für die Zukunft und freuen uns auf einen eventuellen Besuch im Vikingerpub bei einer weiteren Reise durchs Gudbrandsdal.

Sør Frogn

Die Oktogonal-Kirche von Hundorp/ Sør Frogn                                                                                           mit Blick nach Norden durch das Gudbrandsdal

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