Norwegens Pilgervater: Eivind Luthen und die Pilegrimsfelleskapet St. Jakob

 

Artikel von Hannah Kauther

Eivind Luthen ist ein Experte wenn es ums Pilgern allgemein und ganz speziell in Norwegen geht. Der 62-jährige arbeitet und beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit dem Thema; 1992 veröffentlichte er unter anderem das erste Buch über das Pilgern in Norwegen (I pilegrimens fotspor til Nidaros, Cappelen). Die von ihm gegründete Organisation Pilegrimsfelleskapet St. Jakob (www.pilegrim.no) bietet Informationen über die Pilgerwege Europas und ist neben der Kirche die Anlaufstelle schlechthin für Pilgerfreudige in Norwegen. Luthen war einer der ersten, der begann die Pilgerwege in Norwegen zu kennzeichnen, heute sind rund 2000 km Wegstrecke markiert und verzeichnet.

Als wir ihn Anfang Juni in Tønsberg treffen hat er uns  über seine große Leidenschaft viel zu erzählen und wie es heutzutage um das Pilgern in Norwegen bestellt ist. Uns hat natürlich vor allem auch interessiert, wie sehr und inwiefern sich der Pilgerweg des Heilligen St. Olaf im Laufe der Jahre verändert hat. „Historisch korrekt ist er bestimmt nicht“, so Eivind Luthen lachend, aber das sei bei keinem der europäischen Wege der Fall. Beim Markieren und Instandhalten der Abschnitte versuche man eine Balance zu finden zwischen historischer Vorlage und zeitgemäßem Anspruch. Die Pilegrimsfelleskapet St. Jabob hat es zum Ziel den Weg mit Respekt vor der Pilgertradition in einen neuen, modernen Kontext zu betten. Das bedeutet vor allem die alten Strecken, welche durch historisch wertvolle Landschaften und vorbei an kulturträchtigen Stätten führen, an die heutigen Bedürfnisse der Wanderer anzupassen. Laufeffektiv müssen die Wege sein, da Pilger tendenziell lange Strecken mit schwerem Gepäck auf dem Rücken laufen. Aus diesem Grund führen die Wege zwar immer noch von Kirche zu Kirche, sind jedoch bei weitem zielgerichteter als die vielen touristischen Wanderwege Norwegens.

Tourismus- Hier fällt ein Schlagwort, das uns bei der Arbeit und Recherche zum Weg sehr häufig begegnete. Tourismus und Pilgerwesen, das sind zwei Dinge, die einem auf den ersten Blick nicht unbedingt kompatibel erscheinen. Und doch werden sie häufig im selben Gespräch genannt. In Norwegen scheint die Grenze vom einen zum anderen zu verschwimmen oder ganz bewusst überschritten zu werden. Der Pilgerweg ist hier nicht nur als religiöses Element angepriesen, sondern ganz klar auch als kulturelles und vor allem sportliches Ereignis. In diesem Aspekt unterscheidet sich das Pilgerwesen in Norwegen deutlich vom dem anderer Länder. Blättert man durch die Broschüren der Pilgervereinigung ließt man vor allem von kurzen, geführten Etappen, innerhalb derer man nur Teile des Weges begeht. Manche dieser Touren sind für nicht länger als ein paar Stunden angesetzt.

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Für Eivind Luthen hat das vor allem auch mit der zeitgenössischen Version des Pilgerns zu tun. Gerne betont er, wie sehr sich das Pilgern heute von dem des Mittelalters unterscheidet. Es hat nichts mehr mit Reliquien und dem tatsächlichen Ankommen am ersehnten Ziel zu tun. Heute ist die Auffassung verbreitet, der Weg als Prozess sei das Ziel. Dies sei eine Haltung, die einfach viel besser in ein moderne Welt passe, in der die Menschen und allen voran die Norweger nicht mehr sonderlich christlich oder gar religiös seien.

Wir leben in einer Gesellschaft, die materielle Werte sehr hoch schätzt. Nichtsdestotrotz oder gerade deswegen suchen viele nach etwas sinnvollem, einem berührenden Erlebnis. Das Pilgern bietet solche Erfahrungen; der Weg hat hier eine wichtige Bedeutung als Ausgleich zur Konsumkultur in der die modernen Pilger ihren Alltag bestreiten. Diese beschreibt Eivind Luthen als bunt zusammengewürfelte Gruppe. Neben den heimischen Norwegern laufen vor allem auch Deutsche und Niederländer den Weg. Hier lohnt es sich noch einmal auf den Tourismus-Aspekt zurück zu kommen. Denn es sind vor allem ausländische Pilger, die lange Strecken und den kompletten Weg am Stück laufen. Dagegen sind es die Norweger, deren Auffassung vom Pilgern sich stark davon unterscheidet. Diese laufen den St. Olavsweg nämlich, wie sie es von anderen Wandertouren und Ausflügen gewohnt sind: in kurzen Etappen und stückchenweise.

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Es lässt sich also feststellen, dass die Norweger auch hier ihrem Image als sportliches Naturvolk alle Ehre machen. Als wir Eivind Luthen darauf ansprechen und nachfragen, ob der Weg eventuell als Instrument zur Imagebildung instrumentalisiert wird, wägt er ab. „Das könne natürlich so passieren, schließlich arbeiten unterschiedliche Organisationen mit dem Weg.“ Politisieren möchte er persönlich den St. Olafsweg jedoch auf keinen Fall. Viel wichtiger ist ihm, dass dieser einen Ort der Begegnung schafft, an dem Menschen mit Freude und Respekt aufeinander treffen, ganz ohne Gedanken an Profit und Kommerz. Aus diesem Grund habe sich die Pilegrimsfelleskapet St. Jabob auch zum Ziel gesetzt einen Weg für alle zu schaffen, einen Weg dessen Inhalt die Pilger selbst mitbestimmen sollen. Also diejenigen, die den Weg tatsächlich gehen- und ganz besonders NICHT die Kirche.

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Wenn es ums Pilgern geht haben Eivind Luthen und die Kirche ein gespanntes Verhältnis. Auf unsere Nachfrage, was denn seiner Meinung nach die Rolle der Kirche sei, bekamen wir eine eindeutige Antwort: ihm wäre es lieber, es würden sich die redseligen Herren und Damen ein wenig zurücknehmen. „Mit ihren vielen Seminaren und Theorien verfehlen sie komplett zu begreifen, dass Pilgern zu aller erst einmal eine körperliche Sache ist. Anstelle dessen sollen sie ihren angemessen Platz erkennen und sich dementsprechend auch verhalten.“ Für ihn bedeutet das vor allem für offene Kirchen auf den Wegen zu sorgen und Rast- bzw. Übernachtungsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Dies würde auch einer anderen Sache zu gute kommen, die ihm sehr am Herzen liegt. Sein Wunsch ist es nämlich, dass der norwegische Pilgerweg lebendig bleibe und sehr viel mehr junge Menschen sich auf den Weg machen. Denn um es mit Eivinds eigenen Worten zu sagen: „den Weg erlebt man in den Beinen und im Herzen, nicht im Kopf.“

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